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Anna Netrebko: DER GESCHMACK MEINES LEBENS

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Anna Netrebko
DER GESCHMACK MEINES LEBENS
Mit Fotos von Vanessa Maas
160 Seiten, Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria, 202

Rund um ihren „50er“ sind die Aktivitäten, ist die Unternehmungslust von Anna Netrebko ungebrochen. Auftritte überall (eine Schulteroperation wirft sie kaum aus der Bahn), inklusive die diesjährige Scala-Eröffnung (als Lady Macbeth in ihrer x-ten Inszenierung), eine neue CD (mit hoch dramatischem Cover) – und ein Buch.

So selbstverständlich unkonventionell wie die ganze Frau ist auch „Der Geschmack meines Lebens“, nun reich bebildert  im Molden Verlag erschienen. Allerdings nicht nur mit Fotos, die Anna zeigen, sondern auch zahlreiche Speisen, die aus dem Buch gewissermaßen ein Kochbuch machen (die überbordende, aber zweifellos appetitanregende Foodfotografie stammt von Vanessa Maas). Gleich im ersten Satz des Vorworts lässt Anna Netrebko ihre Leser wissen, dass das Kochen für sie in den letzten Jahren zu einem auftregenden Thema geworden ist. Und darum bezieht sie es so prominent in ihr Buch ein, dass es eigentlich den Hauptakzent setzt. Schon das Titelfoto zeigt sie nicht in einer Opernrolle, sondern fast folkloristisch wie eine festlich geschmückte russische Bäuerin, die dem Betrachter eine Schale Erdbeeren anbietet…

Opernfreunden sei gesagt: Es ist auch am Rande eine Lebensgeschichte, in Ich-Form erzählt, von dem kleinen Mädchen in Krasnodar, das sich schon als Kind so gerne verkleidet hat. Dabei gibt es anfangs Privatfotos (auch von Essensorgien…), später Rollenfotos (bestückt mit einzelnen hymnischen Sätzen aus Kritiken) – Bilder sind ein wichtiger Bestandteil des Buches, das am Ende jedes Kapitels dann Rezepte (wieder mit den vielen Fotos) bietet.

Die Analyse ihrer Karriere, detaillierte Berichte über Aufführungen, Dirigenten, Partner etc. darf man nicht erwarten. Die Netrebko besucht einfach die Orte ihres Lebens und ihrer Erfolge. Erste Station nach der Geburtsstadt: St. Petersburg, kein Geld, aber viel Ehrgeiz und gute Laune. 1994 hier ihr Debut als Susanna, und seither ist sie immer wieder zurückgekehrt.

Mit 24 bereits war sie erstmals in den USA, ein Gastspiel in San Francisco, sie erzählt all das in fröhlich privatem Ton (und kommt immer wieder aufs Essen zu sprechen). Wenn sie dann in die ganze Welt aufbricht, muss sie an ihr internationales Publikum denken und versichern, dass sie als Kosmopolitin keine Favoriten hat – aber italienisches Essen mag sie schon sehr (mit Foto beim Spaghetti-Essen).

Die Karriere hat bekanntlich in Salzburg bei den Festspielen  abgehoben – nicht, als sie 1997 bei einem Marinskij-Gastspiel ein Blumenmädchen sang, sondern 2002  mit der Donna Anna. Und auch da gibt es ein Foto, wo sie mit Martin Kusej kocht…

Unter der „Lawine des Ruhms“ stellt sie fest – abgesehen von der knusprigen Ente in München -, dass sie Deutschland liebt. „Met, Party & Pork“, seit 2004 war sie immer wieder in New York, heute einer ihrer Hauptwohnsitze. Dann kommt London, wo sie gerne in den großen Kaufhäusern einkauft (schließlich haben diese sensationelle Lebensmittel-Abteilungen), Moskau und  zu guter letzt Wien.

Wenn sie drei Wünsche offen hätte, erzählt Anna Netrebko am Endes dieses Buches, dann würde sie Gesundheit und Frieden für alle Menschen wünschen – und dass der ewige Wind in Wien endlich aufhören sollte. Für sie selbst wünscht sie nichts: Sie hat alles, was sie braucht. Der Welt sollte es besser gehen.

Der altruistische Wunsch einer Künstlerin, die sich ihren Fans als problemlose Hobby-Köchin präsentiert. Wer Sinn für Rezepte hat, wird vermutlich das eine oder andere nachkochen und Opernfreunde zu einem Netrebko-Abend anderer Art einladen.

Renate Wagner

CD „AMATA DALLE TENEBRE“ – ANNA NETREBKO singt R. Strauss, Verdi, Wagner, Cilea, Tchaikovsky, Puccini und Purcell –

CD „AMATA DALLE TENEBRE“ – ANNA NETREBKO singt R. Strauss, Verdi, Wagner, Cilea, Tchaikovsky, Puccini und Purcell – RICCARDO CHAILLY dirigiert das Orchestra del Teatro alla Scala; Deutsche Grammophon

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„Liebe und Dunkelheit“ ist das Motto der CD. Die beiden Pole könnten auch für das Empfinden des wohlwollenden Hörers am Ende des Albums stehen. So richtig durchgängig glücklich will man mit dem Ergebnis des ersten Soloalbums nach mehrjähriger Absenz der russischen Diva im Tonstudio nicht werden. Das Sammelsurium an Stücken vom 17. bis ins 20. Jahrhundert erfordert Stilsicherheit von der englischen Renaissancemusik eines Henry Purcell über die großen Frauenfiguren Wagners (Elisabeth, Elsa, Isolde), Verdi-Heroinen wie Aida und Elisabetta in Don Carlo bis hin zu russischem Repertoire (Pique Dame) und Verismo-Reisser, als da wären Adriana Lecouvreur, Madama Butterfly und Manon Lescaut. Wer kann das schon?

 

Der dunkel sämige Sopran Netrebkos im Spätsommer ihrer Karriere ist noch immer von beeindruckender Schönheit, vor allem wo sie silbern leuchtende Piani in hohen Lagen weben kann, ist nach wie vor nachzuvollziehen, warum diese Sängerin eine so beispiellose Weltkarriere hat hinlegen können. Da gibt es ätherisch hinreissende Phrasen in „Tu che le vanita“, „Sola, perduta, abbandonata“ und vor allem in „Poveri Fiori“ zu bestaunen, die nach wie vor die außerordentliche Klasse und den Weltrang der Sängerin bezeugen. 

 

Allerdings schleichen sich bisweilen auffällig harte Töne und flackernde Fortehöhen ein. Vor allem im musikalisch und stilistisch so gar nicht gelungenen Monolog der Ariadne „Es gibt ein Reich“ merkt der Hörer, dass sich Netrebko stimmlich nicht wohl fühlt. Aber eigenartigerweise klingt auch die Arie der Lisa in „Pique Dame“ alles andere als mühelos. Für die Ariadne fehlt es an natürlichem Sprachfluss, an einer bruchlos im Legato geführten Linie, und an einer echten Rollenidentifikation. Dass eine erstklassige Aida in einem späten Stadium der Laufbahn nicht unbedingt die so heikle Ariadne drauf haben muss, haben schon Leontyne Price und Montserrat Caballé erfahren müssen. Dass eine ins dramatische entwickelte Sopranstimme durch den Reifeprozess und nach oftmals absolvierten Mörderpartien wie Aida, Lady Macbeth, Abigaille oder Turandot nicht geschmeidiger und flexibler wird, ist auch klar. Daher ist eine kluge Rollenwahl, die die persönlichen Stärken genau reflektieren, geboten. 

 

Dass die große Arie der Dido „Thy hand, Belinda, when I am laid to earth“ ein persönlicher Wunsch der Künstlerin war, ist nachzuvollziehen, unter passende Rollenwahl fällt sie jedoch bei allem Bemühen nicht. Von diesem Extrem an einem Ende der Skala stehen vier Arien am anderen Ende. Einzigartig schön und hinreißend expressiv gelingen „Poveri fiori“, „Un bel di vedremo“ und „Sola, perduta, abbandonata.“ Hier kommt zur rein stimmlichen Exzellenz ein berührendes Eintauchen der Künstlerin in die jeweiligen Charaktere. Da stimmt alles, hier gehen Gesangstechnik, Ausdruck, Klangfarben und Tiefe der Emotion eine höhere Einheit ein. Warum Netrebko allerdings die Butterfly Arie ,Un bel di verdremo‘ , nachdem sie sie schon 2014 mit Pappano für ihr Verismo-Album bei der Deutschen Grammophon eingespielt hat, nochmals aufnehmen musste, ist mit ein Rätsel. 

 

Am Ende des von Disparität des Programm und so unterschiedlicher Qualität in den Einzelleistungen der Arien bestimmten Albums ereignet sich ein kleines Wunder. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der ,Liebestod‘ aus Wagners „Tristan und Isolde“ der interessanteste Beitrag des Albums ist? Wir erleben da keine Legende in leicht abnehmender Verfassung, sondern eine Gigantin der Oper, wo auf einmal alles funktioniert wie eh und je. Die Stimme klingt jung, voller Gefühl und Magie, idiomatisch, von der Gesangslinie und Aussprache her comme il faut. Das dunkle Luxustimbre des Soprans passt perfekt zu dieser mythischen Wagner Rolle. Netrebko singt sich rauschhaft steigernd ins Wagnersche Nirwana. Ein Diminuendo auf „des Welt Atems“ und ein in schwebendem Piano gehaltenes „Lust“ sind Empfehlungen, die die Frage nahelegen, ob es nicht gescheiter gewesen wäre, eine oder zwei CDs nur mit Ausschnitten aus „Tristan und Isolde“ etwa mit Jonas Kaufmann als Partner aufzunehmen. Da wäre vielleicht etwas durchgängig ganz Großes dabei herausgekommen, zumal mit Riccardo Chailly und dem Scala Orchester ja die idealen Partner zur Verfügung gestanden sind. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger 

4K Ultra HD Blu-ray GIUSEPPE VERDI: „IL TROVATORE“ Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Luca Salsi, Dolora Zajick, Arena di Verona life 2019; major, Unitel 

4K Ultra HD Blu-ray GIUSEPPE VERDI: „IL TROVATORE“ Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Luca Salsi, Dolora Zajick, Arena di Verona life 2019; major, Unitel 

 

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2019 war die Opernwelt in Verona und andernorts noch in Ordnung. „Die Arena bis auf den letzten Platz gefüllt, konnten die wohl überwiegend wegen des russischen Sopranstars gekommenen Opernfreunde bei bestem Wetter Verdis “Il Trovatore” in der 2001 aus der Taufe gehobenen Inszenierung des 2019 96-jährigen Franco Zeffirelli genießen. Er starb am 15. Juni  und erlebte die Premiere der Wiederaufnahme zwei Wochen später nicht mehr.“ Zeffirelli entwarf passend zur 2000 Jahre alten römischen Arena ein bunt gewürfeltes wuchtiges Spektakel im Cinemascope Format, mit detailreich durchchoreographierten Massenszenen, einem beeindruckenden dreitürmigen Bühnenbild samt Riesenrittern und vielerlei Action mit Pferden und metallisch scheppernden Gefechten auf der Bühne. Ein großer Theatermoment gelingt dem italienischen Regie- und Bühnenbild-Altstar in der Verwandlung eines speer- und schwertstrotzenden Turms in eine gigantische gothische Kathedrale. Die Zigeunerszene mit der noch immer gediegen agierenden und musikalisch erstklassigen Dolora Zajick als Azucena  gerät zum mega quirligen Volksfest mit Ballett, Chor und Statisterie wie einst bei der Wiener Carmen vom 9.12.1978. Wie damals ist die Szenerie stimmungsvoll in goldenes Licht getaucht. 

 

Die übliche, wie immer unsinnige Frage nach Kitsch ja oder nein, hin oder her, interessiert uns hier nicht. Zeffirelli kann die große Bühne der Arena nicht nur füllen, sondern auch theatralisch stimmig und stückadäquat bespielen.  Mit der Produktion dürfte die Generalmanagern und künstlerische Leiterin Cecilia Gasdia wohl einen Hit gelandet haben. Das jetzt auch im besten 4K Ultra HD Format erschienene Video überzeugt durch eine abwechslungsreiche Kameraführung, ungewöhnliche Perspektiven und einem wohldosierten Mix aus long shots und close-ups. Die optische Seite der Aufführung kann also was, tut das auch die musikalische?

 

Sängerisch kommt die Aufführung – von Netrebko einmal abgesehen – über (gutes) Mittelmaß nicht hinaus. Im Falle des italienischen Baritons Luca Salsi als Conte di Luna gibt es ein wirkliches Ärgernis zu vermelden. So intonationstrüb und am Notenbild im Ungefähren vorbeischlitternd darf die Szene und Arie “Il balen del suo sorriso” nicht gesungen werden. Ein undisziplinierter und damit das Publikum nicht (gebührend) respektierender Auftritt. Von der Intonationsgenauigkeit und musikalischen Sauberkeit her überzeugt neben dem nach wie vor imponierenden Met Star Dolora Zajick am meisten der aserbaidschanische Tenor Yusif Eyvazov als Manrico. Über sein Timbre ist schon viel geschrieben worden, es wird auch bei x-ten gut gemeinten Versuch, es galant umschreiben zu wollen, nicht schöner. Solche technisch sehr guten, großvolumigen Tenöre mit herb individuellen Timbres gab es schon immer (z.B.: Usunow) und haben auch ihre Bewunderer. Eyvazof ist jedenfalls ein musikalisch treffsicherer Interpret der sauschwierigen Titelpartie, und das ist in heutigen Zeiten schon sehr viel. 

 

Seine Ehefrau Anna Netrebko in der Rolle der Leonore singt mit Riesenstimme, dynamisch undifferenziert, aber durch und durch “Verona-geeicht”. Die Eingangsarie “Tacea la notte placida” klingt noch nach Einsingübung mit einigen unsauberen Tönen in der unteren Mittellage. Wer hören will, wie differenziert und sternstundenwürdig die Diva diese Arie hinbekommt, sollte sich den Youtube Clip “Anna Netrebko Il Trovatore ‚Tacea la notte placida‘ Live from Red Square Concert / 2013” gönnen. Ab dem Terzett “Deserto sulla terra” ist die Netrebko-Welt aber weitgehend wieder in Ordnung. Da haben vom Volumen und der Strahlkraft her die beiden Männer keine Chance. Netrebko überwältigt nach wie vor mit ihrer silbrig leuchtenden Höhe. 

 

Der junge italienische Bass Riccardo Fassi gibt einen unauffällig braven Ferrando, Elisabetta Zizzo eine sehr schlanke Ines. Die Comprimarii Carlo Bosi als Ruiz, Dario Giorgelé als Un vecchio zingaro und Antonello Ceron als un messo erledigen ihren Job.

 

Pier Giorgio Morandi dirigiert den sehr guten Chor und das technisch weniger gute Orchester der Arena di Verona al fresco mit breitem Pinselstrich. Von der Präzision und vor allem der Koordination Graben-Bühne her sicher keine Meisterleistung, aber  temperamentvoll genug, um den Funke auf das Publikum überspringen zu lassen.

 

Zur Technik

Der Begriff Ultra HD (Ultra High Definition, kurz UHD) ist ein digitales Videoformat. Eingeführt wurde es vom NHK Science & Technology Research Laboratories – Forschungszentrum des NHK – in Japan und als zukünftiges Fernsehformat vorgeschlagen. Die Auflösung in Pixel beträgt 3840 x 2160 Pixel (4K). Insgesamt hat man bei 4K also 8.294.400 Pixel und somit die 4-fache Pixelzahl eines Full-HD-Bildes. Dies entspricht ungefähr der Auflösung eines Fotos, das mit einer 8 Megapixel Kamera aufgenommen wird. Bei 8K wären es schon 33.177.600 Pixel und somit die 16-fache Pixelzahl eines Full-HD-Bildes. Also ca. 33 Megapixel.

 

Das Vergnügen der hohen Auflösung betrifft Bild und Ton gleichermaßen. Wer ein geeignetes Abspielgerät (4K Ultra-HD Blu-ray Disc Player) besitzt, ist mit dieser ausgefeilten Blu-ray Technik bestens bedient. Sie überragt normale DVDs in jeder Hinsicht um ein Vielfaches.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

SALZBURG/Festspiele – CANTO LIRICO mit Anna Netrebko et al.


Yusef Eyvazov, Anna Netrebko . Foto: Marco Borrelli

SALZBURG/Festspiele – CANTO LIRICO mit Anna Netrebko et al. am 25. August 2020

 Einmal nicht so begeisternd…

Erst dreieinhalb Wochen zuvor hatte ich das Ehepaar Netrebko/Eyvazov bei den Stelle dell’Opera in der Arena di Verona erlebt (Rezension weiter unten), dort aber mit einem dezidiert italienischen/französichen Repertoire, zudem mit Arien, die man als frequenter Opernbesucher gut kennt. Unter der musikalischen Leitung des St. Petersburger Dirigenten Mikhail Tatarnikov gaben sie mit dem Mozarteumorchester Salzburg im Großen Festspielhaus diesmal einen reinen Tschaikowski-Abend, der eigentlich kein solcher wurde, da das Konzert bereits nach knapp eineinhalb Stunden ohne Pause und Zugabe endete.

Nun, Anna Netrebko brillierte in einem attraktiven und ausdrucksstarken hell-türkisfarbenen Kleid als Tatjana in der Brief-Arie aus der Oper „Eugen Onegin“. Fast mädchenhaft, bisweilen sublim und verzweifelt lässt sie die Stimmung der enttäuschten Tatjana mit ihrem so herrlich charaktervollen, dunkel timbrierten und makellosen Sopran erhören. Mitnehmend die wiederholten absteigenden Linien gegen Ende der Arie, in denen sie auch dramatisch ihre ganze Klangschönheit und Emotion entfaltet. Netrebko lebt immer die Rolle, die sie gerade singt, auch mimisch und mit ihrer ganzen Körpersprache. Ebenso emotional und bewegend singt sie Lisa im Duett mit ihrem Mann aus dem 1. Akt der Oper „Pique Dame“ op. 68 „Ostanowites, umoljaju was“ (Bleiben Sie stehen, ich flehe Sie an!). Hier vermag sie durch die Klarheit ihres Vortrags, eine perfekte Diktion und klangvolle Spitzentöne zu bestechen. In diesem Duett wirkt auch die ungarische Mezzosopranistin Szilvia Vörös aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper mit, deren klangvoller und ausdrucksstarker Mezzo einen schönen vokalen Kontrapunkt setzt. Man hätte ihr ohne weiteres auch eine Einzelnummer gönnen können. Auch bei den Stelle in Verona sangen neben dem Ehepaar weitere Sänger in Solonummern. Zum Schluss gibt Anna Netrebko mit Yusif Eyvazov noch das Duett Iolanta und Vaudémont „Twojo moltschanje neponjatno“ oder (Ich verstehe dein Schweigen nicht) aus der Oper „Iolanta“ op. 69, eine Duett, das wohl nicht jeder Festspielbesucher kennt. Insofern wären die Texte der Stücke in den kleinen Programmheften hilfreich gewesen. Aber sie waren eh fast immer kurz vor Aufführungsbeginn vergriffen, da umsonst…


Yusef Eyvazov, Anna Netrebko . Foto: Marco Borrelli

Gleich nachdem Yusif Eyvazov als Hermann zu Anna Netrebko zu ihrem Duett aus „Pique Dame“ hereingestürzt ist, wird klar, dass ihm das russische Repertoire nicht so gut liegt wie das italienisch/französische. Da ist zunächst mal wenig Tenorales zu hören. Die Stimme berührt nicht, hat keinen tenoralen Klang und schon gar keinen Schmelz. Man sollte allerdings auch festhalten, dass der Hermann normalerweise von einem Heldentenor gesungen wird. Man denke nur an Vladimir Altantov und andere. Die Stimme blüht zu keinem Zeitpunkt auf, und so ist es auch mit seinem „Kuda, kuda wy udalilis“ (Wohin, wohin seid ihr entschwunden) aus der Oper „Eugen Onegin“ op. 24. Zwar ist gute Technik zu vernehmen, die Noten werden durchwegs gesungen, aber das Timbre seiner Stimme ist einfach allzu gewöhnungsbedürftig, wenn man an andere Tenöre mit dieser Arie denkt. Die Höhen werden zudem unüberhörbar guttural. Darstellerisch macht er seine Sache sehr emotional und damit gut.

Maestro Tatarnikov versuchte bei ansprechender Begleitung der Vokalnummern insbesondere mit drei Orchsterstücken musikalischen Akzente zu setzen, mit der Introduktion aus „Pique Dame“, dem „Rosen-Adagio“ aus dem 1. Akt des Balletts „Dornröschen“ op. 66 und der Polonaise aus dem 3. Akt von „Eugen Onegin“. Konnte in der Introduktion zu „Pique Dame“ noch das prägnant exzessive Hervorbrechen des Hauptthemas im Blech beeindrucken und auch sonst eine gefühlvolle Interpretation dieses tiefgründigen Musikstücks, so geriet das „Rosen-Adagio“ nach den anfänglichen Harfenarpeggien um einiges zu laut und verwaschen. Am Schluss gelang es dem Pauker fast, die gesamten Streicher zuzudecken… Auch die abschließende Polonaise hätte mehr Differenzierung und weniger Lautstärke gut vertragen. Immerhin stellten sich sofort erfreuliche Assoziationen zum Wiener Opernball ein…

Insgesamt gesehen sprang in diesem Konzert bei aller bespielloser Qualität von Anna Netrebko der Funke auf das Publikum letztlich nicht über. So war auch niemand überrascht, dass es keine Zugabe gab, die man sich normalerweise erwarten würde. Insofern ist vielleicht auch der Kommentar Netrebkos in einem Interview zu verstehen, dass das Salzburger  Festspielpublikum in diesem Corona-Jahr nicht so engagiert sei wie sonst. Das dem ganz und gar nicht so ist, hätte sie bei den weiteren Ausgaben des „Canto Lirico“ mit Juan Diego Flórez einerseits und Cecilia Bartoli mit den Musiciens du Prince-Monaco anderseits erleben können. Da waren die Zugaben fast halb so lang wie das Konzert selbst, und das Publikum war mit Herz und Seele dabei, wollte gar nicht gehen…!

 Klaus Billand

 

 

DRESDEN/ Semperoper: DON CARLO – trotz kleinster „Orchesterbesetzung“ ganz große Oper mit Anna Netrebkos Rollendebüt


Elena Maximova (Eboli), Anna Netrebko (Elisabetta) und Yusif Eyvazov (Don Carlo) am Ende eines gelungenen Abends. Foto: Semperoper/ Aufklang

 

Dresden/Semperoper: TROTZ KLEINSTER „ORCHESTERBESETZUNG“ GANZ GROSSE OPER MIT ANNA NETREBKOS ROLLENDEBÜT ALS ELISABETTA IN „DON CARLO“ 21.6.2020

Durch das Corona-Virus war auch die Semperoper gezwungen, ihre Pforten zu schließen und die mit viel Spannung erwartete Premiere von Giuseppe Verdis „Don Carlo“, einer Kooperation mit den Salzburger Festspielen, in der Inszenierung von Vera Nemirova, deren Premiere mit Anna Netrebkos Dresdner Rollendebüt als Elisabetta für Mai 2020 geplant war, auf die Spielzeit 2020/21 zu verschieben.

Ihr Rollendebüt gab die Netrebko aber dennoch schon jetzt. Nach dreimonatiger Spielpause wagte man an der Semperoper die Wiedereröffnung mit einer neuen Reihe, dem „Aufklang!“ – eine Reminiszenz an den alljährlichen „Auftakt!“ am Beginn einer neuen Spielzeit – und das gleich mit einem „Paukenschlag“. Nach ihrem Hausdebüt im Jahr 2016 kehrte die unermüdliche Anna Netrebko, die sich eine große Opernrolle nach der anderen erschließt, mit ihrem geplanten “Don-Carlo“-Debüt an das Haus zurück – wegen der geforderten geringen Platzkapazität und damit stark eingeschränkten Besucherzahlen an vier aufeinanderfolgenden Abenden (19.-22.6.), was für manchen Opernfreund einen schmerzlichen Verzicht, für einige wenige aber ein außergewöhnliches Opernereignis bedeutete.

Sie kam, sah und siegte und verlieh selbst in der 90minütigen konzertanten, stark reduzierten, „kammermusikalischen“ Fassung mit ausgewählten Arien und Ensembleszenen unter den geltenden „Corona“-Bedingungen diesem musikalischen Ereignis unerwarteten Glanz. Man hatte viel erwartet, aber sie machte diese Aufführung mit einer kleinen „Abordnung“ von nur sechs Musikern der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Klavier und Harmonium statt großem Orchester zur ganz großen Oper.

Ihre Stimme klang ausgeruht mit der ihr eigenen Ausdruckskraft und Brillanz. Ihre bewundernswerte Gesangstechnik lässt sie offenbar alle Widrigkeiten schadlos überstehen, und so konnte sie ihren zahlreichen Paraderollen eine weitere hinzufügen, vielleicht sogar eine ihrer besten und überzeugendsten. Obwohl sie schon allen Ausdruck in die Stimme hineinlegt, vermag sie einer jeden Operngestalt, die sie verkörpert, auch noch durch ihre Gestik glaubhaft Leben einzuhauchen, Charakter zu verleihen und ekstatisch zu steigern, eine Vollblut-Opernsängerin mit allen Fasern.

Sie war Elisabetta und zog bei der Arie „Tu, che le vanitá“ alle Register ihres Könnens, die sie beherrscht wie kaum eine andere. Mit ihrer emotionalen Ausdruckskraft und wunderbarer Pianokultur in der Höhe, einschließlich kleiner wirkungsvoller, dramaturgisch eingesetzter Ritardandi zog sie alles in ihren Bann.

Ihr zur Seite standen international geschätzte Gäste und Sänger der Semperoper, die sich offensichtlich auch von ihren sehr hohen Maßstäben inspirieren ließen.

Elena Maximova wirkte als ihre Gegenspielerin Eboli etwas zurückhaltender, wie es der Rolle entspricht. Sie sang sehr gewissenhaft und mit Leidenschaft und gestaltete ihre Rolle geschickt in leichten Andeutungen szenisch mit. Wenn auch in der Höhe etwas guttural und leicht schrill, überwogen doch Temperament und schöne, ausdrucks- und gefühlvolle Passagen mit entsprechenden Feinheiten und gekonnten, lockeren Koloraturen. Bei dem berühmten „Schleierlied“ („Canzone del velo“) ersetzten drei versierte Damen des Sächsischen Staatsopernchores (Einstudierung: Jan Hoffmann) sowie Mariya Taniguchi vom Jungen Ensemble, die auch kurz einem Mönch ihre Stimme lieh, den Chor.

Vier Herren des Staatsopernchores, deren ungewohnter „A-capella-Gesang“ in Minimal-Besetzung trotz des gewahrten Abstandes von jeweils 1,5 m keine Homogenität vermissen ließ, begleiteten Alexandros Stavrakakis mit seinem profunden, volltönenden Bass als Mönch in Vorspiel und Introduktion. Die Gestalt Philipp II. lag bei Tilmann Rönnebeck in soliden „Händen“ bzw. Kehle, weniger emotionsreich als auf die technische Ausführung orientiert.

Als Don Carlo überzeugte Yusif Eyvazov  mit ausgewogener Technik, guter Diktion und Leidenschaft. Der metallisch-stentorische Klang seiner Stimme verlieh dem Infant von Spanien etwas mehr Strenge als gewohnt und dem Duett mit Posa, gesungen von Sebastian Wartig, der in lyrischen, mit Anteilnahme gesungen, Passagen wie bei „O Carlo, ascolta“ im Mezzoforte mehr überzeugen konnte, als bei dramatischen Ausbrüchen im Forte, eine gewisse Herbheit. Bei der minimalen „Orchesterbesetzung“ war jeder Sänger weitgehend auf sich „allein gestellt“ und seine Fähigkeiten „auf dem Prüfstand“.

Sehr zum Eindruck einer gelungenen „Opern“-Aufführung“ trug nicht zuletzt die einfach geniale musikalische Einrichtung von  Johannes Wulff-Woesten bei. der sich bei der Besetzung an Opernbearbeitungen des 19. Jahrhunderts orientierte und vom Klavier aus auch für die ausgezeichnete musikalische Leitung sorgte, sowie das kongeniale Zusammenwirken mit der Dramaturgie von Kai Weßler, bei der die Handlung mit nur wenigen Schritten, Distanzen, kleinen Gesten und Mimik, die Auf- und Abgänge geschickt einbezogen, besser erklärt wurde, als manche moderne Regie es vermag,

Da gab es keine Pausen, keine Lücken. In fließenden Übergängen fand die „gesamte“ Oper in geraffter Handlung statt. Allein wie sich Elisabetta und Don Carlo von beiden Seiten bei ihrem ersten Zusammenreffen zaghaft nähern, sich die Eboli später verzweifelt abwendet und schließlich niederkniet, die Königin aber, die sie vom Hofe verwiesen hatte, brüsk abgeht, schuf so viel Spannung, dass man keine Inszenierung vermisste.

Bei der Abschiedsszene „È dessa!“ durften Anna Netrebko und Ehemann Eyvazov sogar auf die gebotenen 1,50 m Abstand verzichten und dieses Duett auch szenisch sehr intensiv gestalten. Hier wurde mit (sehr) wenigen Mitteln sehr viel erreicht, da alle Akteure, die auch ihre eigenen Rollen-Vorstellungen einbringen konnten, dieses Konzept gekonnt umsetzten.

Die kleine „Abordnung“ der Staatskapelle: Robert Lis, Violine, Simon Kalbhenn, Violoncello, Andreas Wylezol, Kontrabass, Andreas Kißling, Flöte, Sebastian Römisch, Oboe und Volker Hanemann), Englischhorn, bildete ein klangschönes Fundament für die Sänger und stimmte mit klangvollen Soli von Englischhorn und dem berührenden Cello-Solo bei der Einleitung der Arie von Philippo II. „Ella giammai m’amó“ bedeutungsvoll auf das jeweilige „Ereignis“ ein. Die Musiker seien hier nicht nur wegen ihrer hervorragenden musikalischen Leistungen, sondern auch wegen ihrer nicht risikofreien Einsatzbereitschaft erwähnt.

Das verbindende (Klang-)Element zwischen Streichern und Holzbläsern bildeten Johannes Wulff-Woesten am Klavier, der auch für die musikalische Leitung sorgte, und Jobst Schneiderat am Harmonium, dem „Ersatz“ für weitere Bläser und Orgel, der „nebenbei“ auch mit den wenigen, sorgsam geschlagenen Glockentöne bedeutungsvoll in die Handlung einstimmte.

Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass sich dieses „Provisorium“ durch Anna Netrebkos herausragendem Rollendebüt, der musikalischen Einrichtung von Wulff-Woesten, der Dramaturgie von Weßler und den Musikern der Staatskapelle zu einer „Sternstunde“ der Oper entfaltete. Schade nur, dass wegen eines kleinen Virus nur sehr wenigen Besucher vergönnt war, einen dieser großartigen Abende zu erleben.

 Ingrid Gerk

 

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: TURANDOT – Fulminantes Debut von Anna Netrebko!


Anna Netrebko (Turandot). Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

München: Bayerische Staatsoper: „TURANDOT, 28.01.

Fulminantes Debut von Anna Netrebko!

Die futuristische, phantasievolle „Turandot“-Inszenierung von Carlus Padrissa/La Fura dels Baus aus dem Jahr 2012 ist ein bei vielen Stammgästen beliebter Bestandteil des Repertoires der Bayerischen Staatsoper. Die Vorstellungsserie Ende Januar/Anfang Februar wurde jedoch mit besonders großer Spannung erwartet, stand doch das Debut von Anna Netrebko als Prinzessin Turandot bevor. Natürlich war das Haus innerhalb weniger Tage ausverkauft trotz horrender Kartenpreise.

Anna Netrebko erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen voll und ganz. Ihre große Arie im zweiten Akt bewältigte sie hoch souverän und war jederzeit Herrin der Partie. Dabei klang ihre Stimme nie angestrengt, sondern strahlend, kraftvoll und leuchtend, so dass das Publikum ihr fasziniert lauschte. Darüber hinaus schuf sie auch eine beeindruckende und vor allem auch im dritten Akt gefühlvolle Bühnenfigur, in der man neben der gefühlskalten, männermordenden Prinzessin auch die zur echten Liebe fähige Frau erkannte. Es gibt vielleicht Rollen, in denen Netrebkos glutvolle, warme und zu großen Melodiebögen fähige Stimme und ihre Fähigkeit zu zarten Pianissimi besser zur Geltung kommt als in der hauptsächlich kraftvollen Partie der Turandot, trotzdem war es eine eindrucksvolle Vorstellung von ihr. Was man leider von Yusif Eyvazov als Calaf nicht behaupten konnte. Er verfügt zwar über sichere Höhen, die er auch in ziemlich manierierter Art und Weise ausdehnte, wo immer möglich. Es war jedoch nicht gerade ein Genuss, seinem engen, farblosen, eindimensionalen und für das Haus eigentlich auch zu kleinen Tenor zuzuhören. Ein ums andere Mal wurde er vom Orchester zugedeckt, so dass man ihn kaum mehr wahrnehmen konnte. An schauspielerischer Gestaltung schien er auch nicht sonderlich interessiert zu sein, sondern stand meist mit unbeweglicher Mine auf der Bühne. Insgesamt war seine Vorstellung dem Niveau des Hauses nicht angemessen, was umso schwerer ins Gewicht fiel als in der aufgeführten Fassung ohne die finale Liebesszene die Partie des Calaf gegenüber der der Turandot ungleich größer ist.


Selene Zanetti (Liu), Yusif Eyvazov (Calaf). Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Für Schönklang bei den Männerstimmen mussten also in dieser Vorstellung andere Solisten sorgen. Alexander Tsymbalyuk sang den Timur mit raumfüllendem, klangvollem, runden, weichen und trotzdem kraftvollem Bass. Darüber hinaus schuf er eine berührende und zu Herzen gehende Bühnenfigur. Boris Prýgl, Manuel Günther und Andres Agudelo als Ping, Pang und Pong waren ein schönstimmiges Trio. Bei all dem Rummel um Anna Netrebko hatte man im Vorfeld vielleicht nicht beachtet, dass es an diesem Abend ein zweites interessantes Debut zu hören gab. Selene Zanetti sang zum ersten Mal die Liú und begeisterte das Publikum mit einer musikalisch wie darstellerisch beseelten Interpretation der selbstlos liebenden Sklavin, die ihr Leben dem hoffnungslos Geliebten opfert. Damit berührte sie die Zuschauer so tief, dass sie am Ende sogar fast den meisten Beifall einheimste, nur knapp übertroffen von Anna Netrebko. Das Bayerische Staatsorchester hatte unter Giacomo Sagripanti seine besten Momente in den lyrischen und feinsinnigen Passagen, wie etwa der großen Szene von Ping, Pang und Pong oder dem ersten Erklingen des „Nessun dorma“-Themas. Den großen, prunkvollen Szenen fehlte trotz großer Lautstärke ein wenig die Erhabenheit und innere Größe. Kleinere Abstimmungsprobleme mit Chor und Solisten werden sich sicher in den Folgevorstellungen noch geben.

Am Ende spendete das Publikum verhältnismäßig gemessenen Beifall, die meisten Leute verließen nach zwei Vorhängen den Saal. Einige dezidierte Netrebko-Fans erklatschten sich noch ein paar weitere Vorhänge. Der Gesamteindruck einer Vorstellung wird also nicht nur durch einige hervorragende Einzelleistungen geprägt, sondern vor allem auch durch ein homogenes Ensemble, was insbesondere durch die unterdurchschnittliche Leistung von Yusif Eyvazov nicht gegeben war.

Gisela Schmöger

BERLIN / Deutsche Oper: ADRIANA LECOUVREUR – konzertante Premiere mit Anna Netrebko


Anna Netrebko. Foto: Instagram

BERLIN / Deutsche Oper: ADRIANA LECOUVREUR – konzertante Premiere mit Anna Netrebko, 4.9.2019

Ein Opernabend wie viele andere ist es wohl nicht, wenn die glamouröse russische Diva mit der samt-rauchigen Stimme und silbern gleißenden Höhen und der Verismoreißer „Adriana Lecouvreur“ sich nun auch in Berlin zu einem künstlerischen Stelldichein treffen. Anna Netrebko in der Titelpartie, die junge Russin Olesya Petrova als ihre Gegenspielerin Fürstin von Bouillon, Yusif Eyvazov als umschwärmter Maurizio und Alessandro Corbelli als Michonnet stellten das in diesen Rollen überwiegend hocherfahrene vokale Kleeblatt dar. Dirigent Michelangelo Mazza, der 14 Jahre lang Mitglied der Ersten Violinen des Orchesters des Teatro Regio di Parma war, startete seine Dirigentenkarriere erst vor fünf Jahren. Ihn verbindet laut Programmheft eine intensive künstlerische Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Netrebko, Eyvazov. Da könnte man ja fast vermuten wollen, wie das Engagement zustande kam. Tun wir aber nicht. 


Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlada Borovko und Aigul Akhmetshina. Foto: Bettina Stöss

Festzuhalten ist jedenfalls, dass trotz aller anfänglichen Spannung im Publikum und der Frage, wie Sie denn sein wird, die musikalische Leitung  des Abends viel zu pauschal und grob war. Mazza modellierte mit dem hoch sitzenden, sehr laut aufspielenden Orchester der Deutschen Oper Berlin nicht die vielen kleinen Mikrozellen der Musik wie Genreszenen in einem Gemälde von Breughel, ihren weitgehend kammermusikalischen Duktus, das delikate Ineinander von deklamatorischen und ariosen Passagen der durchkomponierten Partitur heraus, sondern ließ alle dynamischen Feinheiten in einem lauten Einheitsklangbrei untergehen. Erst im vierten Akt waren dann jene Piani und fein gesponnenen Phrasen zu hören, die diese musikalische Stimmungsmusik, die irgendwo zwischen den Verismo-Göttern Puccini und Giordano sowie Cileas großem Vorbild Bellini zu verorten ist, in feine duftige Gaze hüllt. Schade. Denn die Besetzung war auch abseits des Stars in weiten Teilen exzellent.

Ja, also Anna Netrebko war da. In anfangs grün wallendem Kleid mit Glitterstirnband samt Smaragd-Brillantenschmuck erfüllt Netrebko alle Erwartungen eines spektakulären Auftritts. Ihr in der Höhe rund cremiger, in der Tiefe dunkel dräuender Sopran ist so ausgeruht und gesund, wie nur irgend eine Stimme ausgeruht und gesund sein kann. Der „Schauspielerin“ der Comédie Française Adriana Lecouvreur rückte Netrebko mit großer Stimme und großen Gesten bisweilen ganz schön derb zu Leibe. Im ersten Akt nach einem noch etwas unausgeglichenen „Io son l‘umile ancella“ spielte Anna Netrebko ganz sich selbst, outrierte nach Belieben, kein Platz des Orchesters war da vor ihr sicher. Ihr „Regisseur“ im Stück, Michonnet, war bei Altmeister Alessandro Corbelli in besten Händen. Corbelli, der auch nach 45 Bühnenjahren einen noch immer exzellent fokussierten Charakterbariton sein Eigen nennen darf, ist der einzige in der Besetzung, der auch die vielen kleinen Parlandophrasen á la Gianni Schicchi zu einem akustischen Vergnügen werden ließ. Es muss da wohl so etwas wie eine Dramaturgie/Halbregie gegeben haben (auf dem Programmzettel ist Sebastian Hanusa vermerkt), denn die Protagonisten standen nicht nur einfach vor ihren Pulten (Netrebko, Eyvazov und Corbelli sangen ohne Noten), sondern spielten das Stück in halbszenischer Manier, Veilchenstrauss und Schlüssel als Requisiten inklusive.

Den sogenannten Fähnrich des Herzogs von Sachsen (in Wirklichkeit ist er der Herzog selbst), also den heißblütigen Maurizio sang Yusif Eyvazov. Verwandtschaftliche Verhältnisse werden an dieser Stelle nicht wiederholt, denn er hat es schlicht und einfach nicht mehr notwenig. Für mich ist Eyvazov die große Überraschung des Abends. Da hat einer gewaltig an seiner Stimme gearbeitet. Haben mich früher das Flackern und der Hochdruck im Vortrag gestört, so überzeugt Eyvazov diesmal mit ruhiger Stimmführung – eine exzellente Gesangstechnik und einen robuste, höhensicheren Tenor hatte er ja immer – lupenreiner Intonation und untadeliger italienischer Phrasierung. Natürlich ist sein (hartes) Timbre, so wie es ist, und ein großer Charismatiker auf der Bühne wird der Aserbaidschaner wohl auch nicht mehr werden. Aber Eyvazov ist ein grundsolider, seriöser Sänger, der noch die Kunst des Pianosingens vertiefen sollte. Dann kann er im ganz schweren italienische Fach sicher in der ersten Liga spielen, ohne unfairerweise immer wieder auf seinen außerkünstlerischen Verwandtschaftsstatus reduziert zu werden.

Als Adrianas Gegenspielerin um die Gunst des Tenors war diesmal die junge Russin Olesya Petrova aufgeboten. Die St. Petersburgerin steht am Anfang einer wohl großen internationalen Karriere, an der MET hat sie schon debütiert. Als Fürstin von Bouillon kann sie zwar nicht mit allzuviel gestalterischem Feintuning aufwarten, das gibt diese vor Eifersucht und vokalem Furor nur so triefende Rivalinnen-Rolle einfach nicht her. Aber sie lässt mit ihrem in allen Lagen sicheren, expansionsfähigen dramatischen Mezzo und einem frischen Timbre mehr als aufhorchen. Das wilde Duett der beiden stutenbissigen Bühnenfiguren Adriana und Fürstin am Ende des zweiten Akts, sonst Höhepunkt einer Adriana-Aufführung, wollte diesmal allerdings nicht so richtig zünden. 

Als Fürst von Bouillon darf der fesche Patrick Guetti, Stipendiat des Förderkreises der Deutschen Oper Berlin, mit schwarzem Bass eine beeindruckende Visitenkarte seines großen Talents abgeben. Weitaus weniger überzeugt Burkhard Ulrich als intriganter Strippenzieher Abbé von Chazeuil. Mit engem Tenor, mangelnder Italianità und die Nase in den Noten bleibt die Figur im Irgendwo. Was aus solch einer Charakterrolle herauszuholen ist, führte an diesem Abend Alessandro Corbelli beispielhaft vor. 

Die vier jungen Schauspieler Mademoiselle Jouvenot, Mademoiselle Dangeville, Quinault und Poisson waren mit Vlada Borovko, Aigul Akhmetshina, Padraic Rowan und Ya-Chung Huang wohltönend und spielfreudig besetzt. 

Der Chor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung Jeremy Bines) agierte in den wenigen Stellen seines Einsatzes präsent und wohl studiert.

Was die Stimmung im Saal anlangte, so war sie bis zur Pause ziemlich flau, weil das Spiel „Wer ist der/die Lautere?“ nicht verfing und vor allem die musikalische Substanz durch das pauschal ausspielende Orchester nivelliert verschwommen daherkam. Das änderte sich signifikant erst im vierten Akt, als Anna Netrebko mit der magisch vorgetragenen  Arie „Poveri fiori“ vorführte, was vokale Welt- und Sonderklasse ausmacht. Nämlich nicht nur Stimmprotz und Volumen, sondern frei flutende Piani, silbrig aufleuchtende Höhen sul fiato, kunstvoll ziselierte Phrasen und jenes ausbalancierte Wort-Tonverhältnis, das große Opernkunst erst ausmacht. Yusif Eyvazov war nicht nur in der Todesszene ihr äußerst berührender und stimmlich potenter Partner.


Yusif Eyvazov, Anna Netrebko. Foto: Bettina Stöss

Zur Oper und ihrer Entstehung ist auf der Website der Deutschen Oper kurz, aufschlussreich und informativ zu lesen: „Ein kompliziertes Netz von Intrigen, eine eifersüchtige Prinzessin, ein vergifteter Veilchenstrauß und eine begnadete Künstlerin, um deren Tod sich düstere Legenden ranken: Nichts Geringeres verwandelte Eugène Scribe in sein Theaterstück über Adrienne Lecouvreur, die bedeutendste Schauspielerin des frühen 18. Jahrhunderts. Seine dramatische Studie des verruchten, kunstsinnigen Ancien Régime von 1849 verarbeitete Francesco Cilea gut 50 Jahre später zu seiner wohl berühmtesten Oper Adriana Lecouvreur. In der atemraubend unübersichtlichen Intrigenhandlung streiten sich Adriana und ihre Rivalin, die eifersüchtige Prinzessin Bouillon, um die Liebe des Grafen Maurizio, des historischen Grafen Moritz von Sachsen. Zwar rügten Kritiker schon bei der Uraufführung 1902 das nach Verismo-Maßstäben unwahrscheinliche Ende der Schauspielerin, die ein vergifteter Strauß Blumen zur Strecke bringt. Doch nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem unangefochtenen Klassiker der Opernliteratur. Vor allem die Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin.“

Anmerkung: Die Oper wird in dieser Besetzung noch am 7.9. gespielt. Restlos ausverkauft sind aber dennoch beide Abende nicht, zumindest am Nachmittag der Premiere waren noch offiziell Restkarten der Platzgruppe 1 (240 Euro) und Platzgruppe 2 (180 Euro) zu haben. 

Dr. Ingobert Waltenberger

BADEN-BADEN: Liederabend „ANNA NETREBKO – MALCOLM MARTINEAU“  –


Elena Maximova, Giovanni Andrea Zanon, Anna Netrebko, Malcolm Martineau. Foto: Andrea Kremper

Baden-Baden: „ANNA NETREBKO – MALCOLM MARTINEAU“  –  14.07.2019

 Ein elitärer Liederabend: „Tag und Nacht“

Eine Königin des Gesangs gab sich die Ehre! Nach zwei exquisiten Symphonie-Konzerten beschloss das Festspielhaus seine „Sommer-Festspiel 2019“ mit einem hochkarätigen Liederabend und präsentierte dafür eine der besten Sopranistinnen der Gegenwart: Anna Netrebko. Mir war die Ehre widerfahren die großartige Künstlerin auf ihrem Erfolgsweg der Anfänge bis dato in diversen Recitals und Opern-Events zu begleiten und zu erleben. Anna Netrebko gehört zu den wenigen internationalen Gesangs-Stars welche sich immer wieder aufs Neue interessante Rollen erarbeiten und sich so „nebenbei“  den Luxus erlauben sporadisch  grandiose Liederabende zu offerieren.

Heute präsentierte die begnadete Sopranistin eine neue Programmfolge mit Liedern, Arien und Duetten unterstützt von der Mezzosopranistin Elena Maximova,  beide Stimmen vereinten sich vortrefflich abgestimmt beim Duett Lisa/Polina Uzh vecher aus „Pique Dame (Tschaikowsky) sowie zur Barcarole aus „Les Contes d´Hoffmann“ (Offenbach).

Schwerlich lassen sich wiederum meine neuen Eindrücke zum Vortrag dieser absoluten Künstlerin erfassen, Anna Netrebko versteht es nicht nur vokal zu interpretieren, nein die geniale Künstlerin choreographierte ihren Vortrag hauchte ihm Leben ein, bewegte sich raumfüllend fernab des begleitenden Instruments stellte so auf eindrückliche Weise den Pianisten in den Vordergrund. Natürlich wie selbstverständlich beiläufig wirkte die inszenierte Optik wie beispielsweise beim Auftritt mit weißem Blumenstrauß oder nach der Pause mit einem Luftballon, vereinten doch diese Interieurs gewisse Text-Bezüge.

Siren´ und Son (Rachmaninow) duftig wie Flieder und träumerisch verklärt erklang der füllige Sopran in herrlichsten melodischen Couleurs. Leicht wie eine vorüberziehende Wolke artikulierte Netrebko die zwei Preziosen Redeyet oblakov letucaya sowie sonnambul durchleuchtet zum Gesang der Lerche Zvonce zavoronka aus der Feder Rimsky-Korsakows.

Mit zwei höchst differenzierten Arien erfüllt von Dramatik, schwebender Leichte und Resignation bereicherte Anna Netrebko ihr Liedprogramm: sehnsuchtsvoll,  mit Höhenakrobatik gekonnt versehen, vernahm man das Bekenntnis Depuis la jour der „Louise“ (Charpentier) und geprägt von Lebenslust in herrlichen Variationen vorgetragen die Arie der Elisabeth aus „The Ballad of Baby Doe“ (Moore).


Malcolm Martineau, Anna Netrebko. Foto: Andrea Kremper

Vortrefflich untermalte Malcolm Martineau der souveräne Gestalter die Vokalistin, seine  Melodienfolgen fließen, man spürte regelrecht die Spannung die Wachsamkeit mit welcher der einfühlsame Pianist nie vordergründig sondern sensibel und kongenial nachhaltig die Singstimme begleitete. Auf Genaueste exerziert erklangen Ornamente energiegeladen in instrumentaler Perfektion.

Melancholisch in hellen Farben und feinsten Nuancen interpretierte Anna Netrebko Il pleure dans mon coeur (Debussy), ließ traumverloren Aprés un réve (Fauré) folgen und hinreißend authentisch und sehr persönlich erklang Kdyz mne stará matka (Dvorak). Lustvoll, burschikos wirkte Go not, happy day (Bridge) sowie beschwingt, von der Sonne Italiens durchflutet kam die Mattinata (Leoncavallo) daher.

Richard Strauss widmete die vielseitige Künstlerin Morgen zum Weinen schön gesungen und von der Violine (Giovanni Andrea Zanon) elegisch begleitet. Konträr folgten Die Nacht, zärtlich versonnen Wiegenlied und schließlich euphorisch-hymnisch, prächtig nuanciert Ständchen in ausgezeichneter Artikulation.

Eine gewisse Affinität verbindet die Sängerin mit Peter Tschaikowsky, seinen Vertonungen schenkte die grandiose Gestalterin und Erzählerin eine besonders liebevolle Attention. Warm getönt wie der inhaltliche Frühling erklangen  To bylo ranneju vesnoj, leidenschaftlich visionär Noci bezumniye sowie fragend, expressiv in atemberaubender Tongebung das offizielle Finale des überwältigend-aufregenden Abends Den´li carit.

Standing Ovations für die sympathische Sängerin welche immer wieder völlig uneigennützig ihren Partnern den Vortritt ließ. Bravochöre schallten den Künstlern entgegen, beim schwungvollen „Il Bacio“ (Arditi) anmutig perlten die Koloraturen, sichtlich musste Netrebko ihr Temperament zügeln, gar zu gerne wäre sie über die Bühne getanzt. Nach der zweiten Zugabe O mio babbino caro (Puccini) wunderbar innig vorgetragen, verabschiedete sich die einzigartige Künstlerin endgültig, entließ das Publikum in den lauen Sommerabend und bestärkte die Gewissheit nachdrücklich, einem Event der Sonderklasse beigewohnt zu haben.

Gerhard Hoffmann

BADEN-BADEN/ Festspielhaus/ Sommerfestspiele: LIEDERABEND ANNA NETREBKO (Elena Maximova, Malcolm Martineau)

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Liederabend Anna Netrebko (Elena Maximova, Malcolm Martineau am 14.7. 2019 bei den Sommerfestspielen 2019 im Festspielhaus Baden-Baden

Sinn für Klangfülle

Slawische Melancholie und leidenschaftliche Aufschwünge beherrschten gleich zu Beginn Anna Netrebkos Interpretation der Lieder „Flieder“ op. 21/5, „Vor meinem Fenster“ op. 26/10 und „Hier ist es schön“ von Sergej Rachmaninow. Und man spürte dabei auch ganz unmittelbar, dass sich ihre Stimme hinsichtlich der voluminösen Fülle und der gesanglichen Reife weiter verändert hat. Malcolm Martineau (Klavier) begleitete sie dabei mit lyrischer Emphase und ausgesprochen sensiblem Anschlag. Der Sinn für große Klangfülle und bewegenden Ausdruckszauber kam so nicht zu kurz. Romantisch-schwärmerisches Gefühl prägte ferner „Morgen“ op. 27/4 von Richard Strauss mit der ausdrucksvollen Violinbegleitung von Giovanni Andrea Zanon, die die Gesangsstimme von Anna Netrebko einfühlsam unterstützte. Dem drängenden Überschwang verlieh Anna Netrebko ausgesprochen berührende Töne, die sich tief einprägten. „Es weint in meinem Herzen“ von Claude Debussy bestach aufgrund der subtilen Verfeinerung der Nuancen und der formalen Vollendung. Poetischer Ausdruck paarte sich hier mit zartesten Gebilden. Das aneinandergereihte motivische Material führte zu einer Abfolge von Spannung und Entspannung. Die Schönheit des reinen Tons stand hier immer wieder in beeindruckender Weise im Mittelpunkt, wobei sich Anna Netrebko und Malcolm Martineau sehr gut ergänzten. Die Arie der Louise „Seit dem Tage“ aus der Oper „Louise“ von Gustave Charpentier bestach einmal mehr durch innere Aufgewühltheit, die sich nur schwer bändigen ließ. Hier wurden gesanglich und harmonisch immer wieder Grenzen überschritten. Eine ähnliche Erfahrung machte man dann bei „Das war im ersten Frühlingsstrahl“ und „O sprich, wovon singt die Nachtigall“ von Peter Tschaikowsky, wobei das aufrührerisch-wilde Melos bei diesem klar timbrierten Vortrag nur ganz entfernt zu spüren war. Auch hier erwies sich Malcolm Martineau als kongenialer Begleiter dieser Ausnahmesopranistin, die das Publikum an ihren unbeschreiblichen gesanglichen Höhenflügen ganz unmittelbar beteiligte. Dies ist der eigentliche Erfahrungswert von Anna Netrebkos Liedinterpretationen. Mit instrumentalen Effekten und reizvollen Spielformen schmückte Malcolm Martineau seine pianistische Begleitung, die der Singstimme aber immer genügend Freiraum ließ. Die rhythmischen Finessen von „Go Not, Happy Day“ von Frank Bridge sowie der große mediterrane Zauber von „Mattinata“ von Ruggero Leoncavallo erfasste Anna Netrebko mit der ihr eigenen Klarheit für tänzerisch-spielerische Bewegungskraft. Elena Maximova (Mezzosopran) als Polina begleitete Anna Netrebko dann beim Duett Lisa/Polina „Abend ist’s“ aus der Oper „Pique-Dame“ von Peter Tschaikowsky. Man begriff bei dieser berührenden Interpretation auch, dass „Pique Dame“ tatsächlich einen noch größeren dramatischen Nerv besitzt wie etwa „Eugen Onegin“. Entfesselte Liebesempfindung und Aufruhr der Leidenschaften waren hier nicht mehr zu bremsen.


Malcolm Martineau, Anna Netrebko. Foto: Andrea Kremper

Malcolm Martineau besaß dabei als Liedbegleiter immer die richtigen Impulse und ein genaues Gespür für dynamische Veränderungen. „Wolkenzug“ von Nikolai Rimsky-Korsakow und Peter Tschaikowskys „Schlaflose Nächte“ verbanden sich bei der Wiedergabe durch Anna Netrebko und Malcolm Martineau auf harmonisch geheimnisvolle Weise. Einen weiteren hervorragenden Eindruck gewann man bei den drei Richard-Strauss-Liedern „Die Nacht“ op. 10/3, „Wiegenlied“ op. 41/1 und „Ständchen“ op. 17/2, wo Anna Netrebko einen riesigen dynamischen Bogen spannte, der die Gesangsstimme mit starker Energie erfüllte und auch der Klavierbegleitung von Malcolm Martineau ganz eigene Konturen verlieh. Impressionistische und slawische Facetten bildeten bei „Nach einem Traum“ op. 7/1 von Gabriel Faure und „Als die alte Mutter“ op. 55/4 von Antonin Dvorak reizvolle Gegensätze. „Traum“ von Sergej Rachmaninow entführte die gebannten Zuhörer noch einmal in melancholische Gefilde. Dass sie auch die Welt von George Gershwin und Frederick Loewe in unnachahmlicher Weise zu beschwören vermag, bewies Anna Netrebko dann bei „Gold ist eine feine Sache“ als Arie der Elisabeth „Baby“ Doe aus der Oper „“The Ballad of Baby Doe“ von Douglas Moore. Bei Jacques Offenbachs Barcarole „Schöne Nacht, oh Nacht der Liebe“ aus der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach waren Anna Netrebko als Giulietta und Elena Maximova (Mezzosopran) als Nicklausse ganz in ihrem Element. Die glutvolle Landschaft einer venezianischen Nacht wurde so lebendig. Wechselnde Formen und Farben begeisterten ferner bei „Ob der Tag regiert oder die Nacht“ op. 47/6 von Peter Tschaikowsky.

Als Zugabe interpretierte Anna Netrebko zusammen mit Malcolm Martineau unter anderem noch „O mio babbino caro“ aus der Oper „Gianni Schicchi“ von Giacomo Puccini mit einer grandiosen Atemtechnik, die den Tönen eine endlose Weite und überwältigende sphärenhafte Leuchtkraft verlieh. Ovationen.

Alexander Walther                   

BADEN-BADEN: VERDI-GALA – ANNA NETREBKO – YUSIF EYVAZOV – DOLORA ZAJICK – ELCHIN AZIZOV“


Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Michelangelo Mazza. Copyright: Michael Gregonowits

Baden-Baden: „ANNA NETREBKO – YUSIF EYVAZOV –

DOLORA ZAJICK – ELCHIN AZIZOV“

Verdi – Gala 29.11.2018

Zu einer „Verdi-Gala“ hatte das Festspielhaus elitäre Künstler der internationalen Opernszene geladen: das berühmte Sänger-Ehepaar Anna Netrebko – Yusif Eyvazov dazu den legendären Met-Star Dolora Zajick sowie den Bariton Elchin Azizov. Instrumental begleitete die Philharmonie Baden-Baden zur Stabführung des italienischen Maestro Michelangelo Mazza.

Das umfangreiche Programm mit ausschließlich Werken aus Giuseppe Verdi´s Feder wurde mit der Ballettmusik zu „Otello“ eröffnet, in unterschiedlichen Qualitäten gestalteten sich die weiteren orchestralen Beiträge solistisch mit den Ouvertüren zu „Nabucco“, „La Forza del Destino“, dem Vorspiel zu „La Traviata“. Trotz manchen temperamentvoll-transparenten Begleitungen der Sänger hatte Maestro Mazza die Philharmonie vermutlich mangels ungenügender Proben nicht immer im Griff.

Nach freudiger Begrüßung der Künstler Anna Netrebko und Yusif Eyvazov eröffneten die beiden Gesangstars den vielversprechenden Konzertabend mit dem Duett Giá nella notte densa. Ein jugendlich-strahlend lyrischer Otello und seine betörend intonierende Desdemona sangen die Sterne vom Himmel und demonstrierten gleich zu Beginn Belcanto in Weltklasse-Formation.

Wie dereinst Garanca, Flórez u. Co. wird es scheinbar zur Manie sich Verstärkung ins Beiboot zu holen? Gewiss ergab sich dadurch eine sehr interessant-imponierende Programm-Gestaltung und so manche Szenerie schäumte über bar so viel expressiver Verdi-Leidenschaft.

Mit kräftig robustem Bariton offerierte Elchin Azizov der Charaktere der Partie entsprechend das Credo des Zynikers Jago. Jahrzehnte galt Dolora Zajick als Koryphäe des Mezzofachs u.a. an der Met, feierte große Erfolge und präsentierte nun im reifen Zenit Azucenas Stride la vampa.

Wohl den optischen Fauxpas vermeidend sang im Quartett aus „Rigoletto“ zum tenoral schmelzreich angestimmten Bella Figlia dell´amore in verführerischem Mezzoton Svetlana Shilova die Maddalena. In der späteren Presse-Information zu den Photos war zu lesen: Die Sängerin sprang für die gesundheitlich angeschlagene Dolora Zajick, die aufgrund ihrer Indisponiertheit mit großem Bedauern auch darauf verzichten musste, die im Programmheft angekündigte Arie der Eboli zu singen. Sie bittet um Verständnis. Anm. meinerseits: aus welchen Gründen auch immer war dafür auch kein Ersatz möglich.

Operndramatik, große Gefühle pur offerierten Anna Netrebko und Dolora Zajick zur Szene Aida-Amneris aus dem ersten Akt „Aida“. Zum Aplomb der kultivierten Vokalkunst sank La Netrebko in natürlich berührender Darstellung auf die Knie, bot unbeschreibliches Sopran-Ambiente auf höchster Ebene und krönte das Finale mit sphärischen Obertönen.


Anna Netrebko. Copyright: Michael Gregonowits

In technischer Versiertheit verband die geniale Sopranistin zu herrlichem Legato, einschmeichelndem Timbre, gleichwohl betörenden Piani wie tempestoso Akzenten zur Gestaltung Leonoras Pace, pace, mio Dio aus „La Forza del Destino“ sowie zur stilistisch absolut elitären Nil-Arie der Aida“ in unvergleichlichen Interpretationen und verteidigte so auf hohem Niveau, ihre unangefochtene Spitzenposition in der Weltrangliste ihres Faches.

Eyvazov und Azizov fochten als Alvaro/Carlo ihr tenoral-baritonales Duell der „La Forza“ mit leidenschaftlicher Furore in bester Stimmqualität aus und boten im Terzett aus „Il Trovatore“ assistiert von Netrebko vokal energiegeladene Verdi-Emotionen.

Kultiviert, legatoreich, strahlend präsentierte Yusif Eyvazov seine attraktiven tenoralen Mittel bei Manricos Romanze und Stretta aus „Il Trovatore“ sowie dem vortrefflichen Rezitavo und der wunderbaren Arie Quando le sere al placido des Rudolfo aus „Luisa Miller“.

Mit dem unverwüstlichen Brindisi aus „La Traviata“ beschlossen die Künstler das offizielle Programm und ließen sich vom begeisterten Publikum feiern. Zugabe erfolgte keine.

Gerhard Hoffmann