Der Neue Merker

Zur Staatsopernsaison 2016/17

I.
Ein guter Kompromiß — so eine alte Weisheit — gibt allen Beteiligten das Gefühl, Verlierer zu sein. Insoweit ist der Spielplan der Wiener Staatsoper für die nächste Saison ein Erfolg. Gleichzeitig bildet er trotz seiner weltweit wohl einzigartigen Vielfalt an Opern (man spielt immerhin 51 Werke aus dem Kanon, wogegen sich die Metropolitan Opera mit 26 bescheidet) und Ballettvorstellungen sehr gut die Zerrissenheit der heutigen Gesellschaft ab: Auf der einen Seite jene, welche von Oper und Konzert Ausgleich und Ablenkung von anstrengenden, ermüdenden Arbeitstagen hinter der Supermarktkassa oder der Werkstatt oder dem Büro erwarten, auf der anderen Seite jene mit der Maxime »Kinder, schafft Neues!« und der Forderung der Behandlung aktueller gesellschaftlicher Probleme auch auf Kosten der Kongruenz von Musik, Text und Handlung. Den einen kann es nicht genug Strauss- und Wagner-Aufführungen geben, die anderen verlangen nach Mozart und den italienischen Meistern. Dritte wiederum erwarten sich in Erfüllung des Gesetzesauftrags Uraufführungen und vermehrt Werke zumindest des späten 20. Jahrhunderts.

II.
Woran mißt man den Erfolg eines Opernhauses? An der Wahl zum »Opernhaus des Jahres« durch Kritiker auf Einladung einer Opernzeitschrift? Als Ergebnis der Berufserfahrungen jener, welche im Gegensatz zum Großteil des Publikums Werken wie Tosca oder La traviata schon lange nicht Neues mehr abgewinnen können und selten für ihre Karten bezahlen? An Umfrageergebnissen von Websites? An hervorragenden Kritiken gewagter Inszenierungen und/oder Uraufführungen (bzw. modernen Werken), die nur durch die »Zwangsverpflichtung« des Abonnement-Publikums akzeptable Auslastungen erreichen? An der Produktion von CDs und DVDs? Am Gewinn bzw. am Eigendeckungsgrad eines Hauses, wie bei anderen Unternehmen auch? (Eine detaillierte Übersicht der Auslastung der einzelnen Vorstellungen sowie der verkauften Karten im Haus am Ring findet der Interessierte übrigens im Geschäftsbericht für die Saison 2014/15 ab Seite 86.)

Und: Besteht nicht ein fundamentaler Unterschied zwischen Stagione- und Repertoire-Häusern? Kann, ja darf man diese über denselben Leisten scheren? Und was, bitte, ist »künstlerisch wertvoll«?

Es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken und danach den Spielplan der Wiener Staatsoper für die Saison 2016/17 noch einmal durchzusehen. Man wird beim zweiten, dritten Durchblättern feststellen, daß sich das eine oder andere Kleinod darin verbirgt.

III.
Das Auftreten Plácido Domingos als Marquis Posa in Don Carlo (11., 15. und 21. Juni 2017, mit Myung-Whun ChungKrassimira StoyanovaElena ZhidkovaRamón Vargas und Ferruccio Furlanetto) darf man ebenso wie seine vorgesehenen Dirigate von Roméo et Juliette (22., 25., 28. Januar und 1. Februar 2017, mit Aida Garifullina und Juan Diego Flórez) je nach Fan-Grad mehr oder weniger als »Zirkus« abtun. Aber: Ziemt es sich, dies Dominique Meyer zum Vorwurf machen, wenn das Engagement eines nach Reclams Opernlexikon im 83. Lebensjahr Stehenden immer noch für ein volles Haus sorgt?

Ähnlich mag man über Rolando Villazóns Rückkehr als Nemorino in L’elisir d’amore (22., 25. und 28. Juni 2017, mit Valentina Naforniţa und Bryn Terfel) urteilen. Über das Prädikat »künstlerisch wertvoll« wird man in beiden Fällen diskutieren können. Ausverkauft wird das Haus hier wie da sein.

Der Waliser singt übrigens neben einer zweiten L’elisir-Serie (5. und 10. Dezember 2016, u.a. mit Aida Garifullina) in zwei Ring-Durchläufen im Mai 2017 die Partie des Wotan; — übrigens die Erfüllung einer immer wieder gestellten Publikumsforderung. Mit Peter Schneider wird dabei ein langjähriger Bayreuth-Dirigent am Pult stehen, ebenfalls ein oft geäußerter Wunsch des Wiener Stehplatzpublikums, gerade nach eben gehörten Wagner-Vorstellungen unter der Stabführung des Ex-Generalmusikdirektors. Auch die restliche Besetzung des Ring des Nibelungen muß sich nach heutigen Maßstäben nicht verstecken.

IV.
Opern wie ElektraSalomeDer RosenkavalierLohengrin oder Tristan und Isolde sind im internationalen Vergleich von den Sängen her sehr gut besetzt. Gleiches läßt sich über Manon (7., 11., 13. und 16. November 2016, mit Frédéric ChaslinMarlis PetersenJean-François Borras und Adrian Eröd) sowie Werther mit Sophie Koch, Frédéric Chaslin, Ludovic Tezier und Adrian Eröd berichten. Die Besetzungen für Korngolds Die tote Stadt (9., 1., 15. und 20. Januar 2017, mit Camilla NylundKlaus Florian Vogt und Adrian Eröd), Peter GrimesKátja Kabanová oder Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk (22., 25., 29. April, 3. Mai  2017) unter Ingo Metzmacher müssen den Vergleich mit keinem anderen ersten Haus scheuen. Und Reimanns Medea, so ließen sich einige Reaktionen interpretieren, steht als Kernstück des internationalen Repertoires ohnehin auch in London, Milano, München, New York und Paris am Spielplan…

Alles in allem: Das ist nun ein »enttäuschender« Spielplan?

V.
Für Besucher der Publikumsgespräche von Dominique Meyer stellen die Neuproduktionen von Glucks Armide und Debussys Pelleas et Melisande ebensowenig Überraschungen dar wie die Wiederaufnahme von Händels Alcina während der Staatsopern-Tournee nach Japan im Oktober 2016. Auch die Première von Il trovatore — lies: die »Netrebko-Show« ab 5. Februar 2017 hatte der Hausherr schon vor drei Jahren für diese Spielzeit angekündigt. Daß für Dominique Meyer Parsifal mehr bedeutet als ein Fechtklub und die erotischen Disco-Phantasien einer deutschen Regisseurin, wird aufmerksam zuhörende Wiener Opernfreunde auch nicht überraschen. Nina Stemme wird neben Gerald Finley und Christopher Ventris ihre erste Kundry singen und Symon Bychkov am Pult stehen. Nur in Wien wird soetwas mit einem Gähnen zur Kenntnis genommen.

»Vorlieben und Notwendigkeiten«: Unter diesem Titel ließen sich die Premièren der kommenden Saison zusammenfassen.

VI.
Werke wie PalestrinaKarl V.Die florentinische TragödieIl viaggio a ReimsElisabettaCyrano de Bérgerac, aber auch eine Ägyptische Helena oder Intermezzo werden wohl nur eine Minderheit der Opernbesucher zu begeistern wissen. Wäre da nicht vorher an eine Repertoire-Erweiterung beispielsweise um FreischützDie Entführung aus dem Serail oder Fedora zu denken?

Offensichtlich gelang es auch noch niemanden, zwei Weltklassebesetzungen für Ernani zu finden. Denn dann, so Dominique Meyer in einem Publikumsgespräch im Jahr 2013, setzte er die existierende Produktion sofort an. Sollte uns das nicht zu denken geben?

VII.
Im Gerede sind auch die Abwesenden bzw. jene, die sich rar machen. Aber Hand auf’s Herz: Machte die Staatsoper nicht etwas falsch, wenn sie nur von den Abenden zehrte, an welchen — ohne Anspruch auf Vollständigkeit — eine Elīna Garanča, eine Anja Harteros, eine Joyce DiDonato oder ein Jonas Kaufmann auftreten? Joyce DiDonato, das nur am Rande, wird übrigens in der nächsten Saison an der Metropolitan Opera nur an einem Abend, im Rahmen der 50 Jahr-Gala, singen. Geht deshalb die (Opern-)Welt unter?

VIII.
Die Zahl der Stars, welche die großen Opernhäuser bereisen, umfaßte selten mehr als 20 bis 30 Sänger. Was allerdings bei der Durchsicht des Spielplans für 2016/17 auffällt und bedenklich stimmt, ist, daß in den letzten zwei Jahrzehnten der Mittelbau verloren gegangen zu sein scheint: Jene »zweite Garnitur« von Sängern, die rund um die Welt für gute und sehr gute Abende sorgte und deren Stimmen Opernfreunde auch heute noch binnen Sekunden an ihrem Timbre erkennen.

IX.
»Die sängerische Ausbildung in einem Ensemble ist verloren gegangen. Wenn heute ein junger Sänger im Fest-Engagement drei gute Kritiken bekommt, gibt es sogleich Angebote aus aller Welt.« (Jürgen Kesting, WAZ, 25. November 2014) Diese Beobachtung spiegelt sich auch in einzelnen Besetzungen der Wiener Staatsoper wider: Da werden Sänger aus dem Ensemble in ersten Partien angesetzt, die für viele (noch?) zu früh kommen. Da stolpert man über die Namen von Ensemble-Mitgliedern, die seit ihrem Engagement keinerlei stimmtechnische Weiterentwicklung erkennen ließen. Interessiert das niemand?

Hauptpartien in Mozart- und Verdi-Opern z.B. können kaum in jener Qualität aus dem Ensemble besetzt werden, welche man von einem international ersten Haus im täglichen Betrieb erwarten darf. Trotzdem werden in Wien immer wieder Ensemble-Mitglieder mit solchen Partien betraut… Darüber lohnte es sich zu diskutieren, nicht, ob Jonas Kaufmann in Tosca oder La fancuilla del West auftritt!

Wenn die musikalische Seite einer Aufführung sehr gut und mitreißend ist, ist es zweitranging, ob die Inszenierung von Margarethe Wallmann oder La Fura dels Baus stammt.

X.
»Prima la scena« heißt es heute, und das nicht ohne Grund: Die Verfechter des Prinzips »Prima la musica« sind rar geworden unter den Dirigenten. Und die Liste der für die nächste Saison eingeladenen Maestri läßt cum grano salis keine Verbesserung erwarten.

Gewiß, da finden sich Namen, die für Qualität bürgen, aber eben auch viele unbekannte. Man mag einwenden, daß immer noch ursprünglich Franz Welser-Möst und Bertrand de Billy zugedachte Abende umzubesetzen waren. Aber die Fragen bleiben: Wieso konnte man sich mit Riccardo Muti bislang nicht auf Auftritte in Wien einigen? Wieso gelingt es nicht, Maestri wie z.B. Antonio Pappano, Kirill Petrenko und Christian Thielemann für jede Saison für mindestens eine Produktion ans Haus zu binden? Wieso setzt sich im Besetzungsbüro der Wiener Staatsoper nicht endlich die Erkenntnis durch, daß hervorragende Maestri gute Sänger zu ungeahnten Höchstleistungen anzuspornen vermögen, umgekehrt aber mittelmäßige Dirigenten Probleme auch für erste Sänger schaffen?

Eigentlich — eigentlich sollten 80 % der Abonnement-Dirigenten der Wiener Philharmoniker auch an der Wiener Staatsoper (und da nicht nur für Premièren) am Pult stehen. Sich erfolgreich darum zu bemühen, wäre ein Zeichen gelebter Symbiose. Allein, im Orchestervorstand scheinen andere Dinge höhere Priorität zu genießen…

XI.
Auch wäre es hoch an der Zeit, die eine oder andere Mozart- oder auch Verdi-Oper mit noch wissenden Maestri neu zu studieren, bevor mit der fast abgeschlossenen Erneuerung des Staatsopernorchesters das Wissen und das Gefühl darum, wie diese Komponisten interpretiert werden sollten, komplett verloren geht. Daß man bei genauerem Hinsehen z.B. in München und New York mit denselben Problemen kämpft, tröstet da nur wenig.

XII.
Lohnte es sich nicht, sich um eine erste Besetzung zu bemühen, um Jean-Pierre Ponnelles wunderbare Inszenierung von L’Italiana in Algeri auch auf DVD für die Nachwelt zu erhalten? Der Rossini-Spezialist Alberto Zedda dirigiert ja immer noch in Pesaro — und soweit liegt Wien nicht entfernt, oder? Da vermißt man die Bereitschaft zum Ungewöhnlichen, zum Coup.

XIII.
»Ich habe nichts gegen ein buhendes Haus«, stellte Nikolaus Bachler vor kurzem in einem BR-Interview fest, »weil: Es stellt eine Reaktion dar. Das Schlimmste, was in der Kunst passieren kann, ist Beliebigkeit.« Es liegt an uns, dem Publikum, unsere Empfindungen in entsprechender Weise zu artikulieren. Das Verfassen von Kommentaren in diversen Opernforen wird dafür, so steht zu befürchten, nicht ausreichen. Die nächste öffentliche Gelegenheit für eine fundierte Auseinandersetzung abseits von Briefen, E-Mails oder dem spontanen, persönlichen Gespräch mit dem Hausherrn Dominique Meyer bietet das Publikumsgespräch am 31. Mai 2016.

Und wer weiß, vielleicht stünden am Ende dieser ins Gemeinsame mündenden Bemühungen noch attraktivere Spielpläne als jener der kommenden Saison?

Thomas Prochazka
MerkerOnline
9. April 2016

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