Der Neue Merker

ZUM 150. GEBURTSTAG VON GUSTAV KLIMT

 

14. Juli 2012:  150. GEBURTSTAG VON GUSTAV KLIMT

Superstar „Der Kuss“

Man sagt Klimt und denke an Gold und Ornamente. An den „Kuss“ und schöne Frauen. An Erfolge und Skandale. Auf dem Kunstmarkt sind seine Gemälde Hunderte von Millionen Dollar wert. Rund um den 150. Geburtstag bestätigt sich, was man längst weiß: Die österreichische Kunst hat keinen spektakuläreren Exponenten als Gustav Klimt. Dabei wollte der Mann der Superlative nichts anderes sein, als das, was er war: einfach ein Künstler.

Von Renate Wagner

Er hat nie sich selbst gemalt, und das sagt etwas aus. Das Selbstbildnis ist ein Kunstgenre, das kaum ein Maler verschmäht hat. Gustav Klimt hat sich immer nur für andere interessiert, kaum für sich selbst. Das scheint in einer Welt der egomanischen Genies eine Rarität: das bescheidene Genie. Ein Mann, der in seinem langen blauen oder braunen Malerkittel versinkt und so wenig von sich persönlich hermacht. Die Mitwelt rieb sich in den künstlerischen Auseinandersetzungen der Epoche an ihm wund. Klimt blieb in seinem Atelier, wo immer es ihm möglich war.

Er war ein Arbeitstier. Sein Geheimnis war sein Talent, war seine Phantasie, war seine Schöpferkraft, die Können und Wollen zu so singulärem Wirken zusammen brachte. Das Talent zeigte sich schon bei dem Jungen in der Schule. Und die Eltern, bescheidene Handwerker, ermöglichten ihrem am 14. Juli 1862 geborenen Sohn Gustav die Aufnahmeprüfung in die Kunstgewerbeschule – weil er so auffallend gut zeichnete.

In der Kunstgewerbeschule bereits fand Gustav einen Freund namens Franz Matsch. Und dann kam auch der um zwei Jahre jüngere Bruder Ernst an die Schule, auch er ein hoch Begabter. Und weil die drei Geld verdienen mussten, fanden sie sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die sie „die Künstler-Compagnie“ nannten und die Gustav Klimt früh auch mit den Gesetzen des Marktes vertraut machte.

Denn wenn man schnell, gut und verlässlich arbeitete, dann waren die achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts – künstlerisch geprägt vom Historismus-Rausch der Welt Hans Makarts – eine goldene Zeit für bildende Künstler. Die Gebäude der Ringstraße entstanden, der Bauboom übertrug sich auf die gesamte Monarchie, es gab nahezu mehr Arbeit als Künstler. Heute noch kann man im linken Stiegenhaus des Burgtheaters den Nacken recken und dort Fresken von Gustav Klimt sehen. Das Kunsthistorische Museum hat das Klimt-Jahr benützt, um eine Balustrade zu errichten, die erlaubt, die Klimt-Malereien des großen Stiegenhauses ganz aus der Nähe zu betrachten.

Ein ähnlicher Hochbau ermöglicht es in der Secession, im Klimt-Jahr seinem legendären Beethoven-Fries so nahe zu kommen wie noch nie. Aber dieses Kunstwerk war später, aus dem Jahre 1908. Da hatte Gustav Klimt schon die „Teamarbeit“ mit Bruder (er starb 1892) und Freund hinter sich gelassen und war – ja, nahezu schon zum Superstar geworden.

Nicht erst in unserer Medienwelt ist ein Skandal die beste Art und Weise, sich der Öffentlichkeit einzuprägen: Klimt hatte Mitte der neunziger Jahre den Auftrag erhalten, die „Fakultätsbilder“ für die neu errichtete Universität zu malen –Allegorien für Philosophie, Medizin und Jus (der Auftrag für die Theologie ging an Franz Matsch, mit dem er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zusammen arbeitete). Den Herrn Professoren gefielen schon Klimts Entwürfe nicht, die ihnen viel zu radikal waren, zu nackt (nicht im Rubens-Makart-Sinn auf erotisch-sinnlich und platt-verführerisch, sondern sphinxartig-fremd) und vor allem viel zu düster, keine hymnischen Verherrlichungen der Wissenschaften, wie sie der Historismus geliefert hätte, sondern kryptische Meisterwerke schon im dezidiert neuen, umstrittenen „Jugendstil“, dem die Fakultätsmitglieder noch nicht gewachsen war. Die Bilder wurden nie an der Decke des großen Festsaales angebracht, Klimt kaufte sie nach langen Jahren zäher Kämpfe zurück. Sie sind in den letzten Kriegstagen verbrannt – es gibt nur noch die Skizzen. 2005 und nun im Klimt-Jahr wieder hat man Reproduktionen an den Stellen angebracht, wo sie einst vorgesehen waren und nie hingelangt sind…

Auch der Beethoven-Fries von 1908, für uns heute ein singuläres Meisterwerk, wurde von vielen Zeitgenossen heftig abgelehnt (nicht nur unter dem Vorwand der „Pornographie“ – Klimts Phantasie, in der die Monster und das Böse ihren Platz haben, ist für konventionelle Gemüter einfach zu verstörend).

Dies waren nur zwei der vielen Erregungen rund um die „Secession“, jene neue Kunstbewegung des Fin de Siècle, die sich auch ihr eigenes spektakuläres Gebäude mit dem goldenen Kuppeldach schuf und in der Zeitschrift „Ver Sacrum“ ihre Theorien klarlegte. Das Klimt-Jahr, das alle Museen auch in seinen Dokumenten stöbern lässt, zeigt das Auf und Ab der damaligen Kunstszene, als ein Teil der „Neuerer“ sich von dem Künstlerhaus-Verband und seinem Konservativismus abwandte, die „Secession“ gründete und den neuen Stil als „Jugendstil“ bezeichnete – Gustav Klimt war Mitbegründer und erster Präsident.

Keiner hat nachdrücklicher diese Welt der Stilisierung (mit besonders starker Ornamentik), kryptischer Symbolik, fast expressionistischer Ausdruckskraft, dabei immer wieder impressionistischer Zartheit verkörpert wie Gustav Klimt mit seinen Werken. Ob seine ätherischen Damenporträts wie die „goldene  Adele“, die auch jenseits künstlerischer Erwägungen als Restitutionsfall weltweit Schlagzeilen machte, mit 135 Millionen Dollar das damals teuerste Gemälde der Welt war und heute in New York zuhause ist, ob seine vor allem im Salzkammergut geschaffenen Landschaften – Gustav Klimt führt seine Betrachter bis heute in eine irisierende, immer wieder erstaunliche Welt optischer Wunder, wie nur ein außerordentlicher Künstler sie erdenken kann. „Der Kuss“, 1907 als Höhepunkt seiner „goldenen Periode“ entstanden, lockt auch heute noch Tausendschaften von Touristen täglich ins Obere Belvedere, wo man dieses Schmuck-, Prunk- und Paradestück hütet.

Klimt schuf Werk um Werk als unermüdlicher Arbeiter in seinen Ateliers, erst in der Josefstadt, dann in Hietzing (eine Villa mit Nebenhaus in einem Garten, die im Klimt-Jahr endlich renoviert und im September endgültig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll). Was in diesen Ateliers geschah abgesehen von nachweislicher Arbeit (Klimt hinterließ neben den Gemälden Tausende von Zeichnungen) – der sportliche Maler hat nicht nur mit seinen männlichen Modellen gerungen, er ist auch zahlreichen seiner weiblichen Modelle immerhin nahe genug gekommen, so dass stets die Rede von 15 unehelichen Kindern war, die er hinterlassen haben soll (die Klimt-Forschung hat angesichts des Jubiläums noch einmal nachgefasst und kann angeblich nur sechs bestätigen – immerhin). Zwei Söhne von Marie Zimmermann, einem seiner berühmtesten Modelle, sind verbürgt. Und etliche der schönen Damen der Gesellschaft wie Sonja Knips, Serena Lederer oder Adele Bloch-Bauer riskierten ihren Ruf damit, sich von Klimt porträtieren zu lassen – denn man sagte ihnen sofort ein Verhältnis mit ihm nach.

Dabei war der Frauenheld absolut kein Salonlöwe, und im Grunde lebte er in einem Frauenhaushalt (umsorgt von der Mutter, die 1915 starb, und seinen zwei Schwestern) und führte äußerlich ein absolut bürgerliches Leben. Seine „ewige Geliebte“ war Emilie Flöge, die ihrerseits eine Exponentin der modernen Kunst war, indem sie in ihrem Modesalon die korsettfreien, fließenden Reformkleider propagierte und vertrieb. Er hatte sie 1891 kennen gelernt, und sie blieben ein Paar bis zu Klimts frühem Ende. Das wunderschöne Gemälde, das er von ihr schuf, verkaufte er allerdings bald – angeblich weil es ihr nicht gefiel. Heute ist das Wien-Museum glücklicher Besitzer des Meisterwerks. Apropos Frauen: Dass Klimt 1899 ein zweijähriges Verhältnis mit der jungen, schönen, aggressiven Alma Schindler unterhielt, die später Gustav Mahler heiratete, lief so nebenbei…

Klimt reiste ungern, gerade, dass er sich nach Brüssel aufmachte, um jenes Palais Stoclet zu sehen, das Josef Hoffmann für den reichen Industriellen erbaute und für das er beauftrag worden war, Innendekorationen zu schaffen. Im Sommer war es etwas anderes, sich von Wien wegzubegeben. Ab 1900 bis 1916, zwei Jahre vor seinem Tod (der Weltkrieg erlaubte dann nicht mehr viel „Sommerfrische“) gönnte Klimt sich gut zwei Monate am Attersee – auch zur Arbeit, aber ebenso zur Erholung. Er brauchte die Natur, den See, die Abwechslung. Er hat hier nicht nur – wie immer – viel gearbeitet, sondern nahm sich Zeit und Ruhe zum Schwimmen, zum Rudern, zum abendlichen Kegeln.

Wir sind mit Klimt-Fotos nicht reichlich bestückt, ein paar Porträtfotos, um die niemand herumkam, wenig sonst. Nur die Sommer am Attersee sind eine Ausnahme. Da wurde „geknipst“. Hier erleben wir Klimt am See, im Boot (selbstverständlich auch im Malerkittel), das Ruder in der Hand, beim Spazierengehen, mit Bekannten, und immer wieder mit Emilie, die in ihren weit flatternden Gewändern an seiner Seite einherschwebt. Ein besonders interessantes Foto zeigt ihn dabei, wie er den Attersee durch das Fernrohr betrachtet.

In die Gegend ist er durch Emilie gekommen – ihr Bruder war der Schwiegersohn des Tischlermeisters Paulick, der sich in Seewalchen eine Sommervilla gebaut hatte. Klimt verbrachte hier viel Zeit, aber er wohnte mit Emilie auch in der Brauerei Litzlberg, ab 1908 dann in der Ortschaft Kammer, die er so unvergleichlich in vielen Ansichten gemalt hat, ab 1914 in Weißenbach am Attersee. Er hat das Salzkammergut genossen und als Künstler reichlich seine Inspirationen daraus bezogen. Man kann sagen, dass Klimt seinen Themenschwerpunkt der Landschaftsmalerei dem Salzkammergut verdankt: Denn in Wien allein hätte er nie diese imposante Fülle von Naturgemälden schaffen können.

Wenn das Leopold Museum, diese Klimt-Hochburg, nun an seinem 150. Geburtstag in Kammer am Attersee ein Klimt-Dokumentationszentrum eröffnet, gibt es reichlich Material, das bei dieser Gelegenheit noch weit ausführlicher zu bearbeiten ist, als es bisher geschah. Das Zentrum befindet sich an jener Schlossallee, die er in einem seiner berühmtesten Landschaftsgemälde festgehalten hat, in der genialen „Allee vor Schloss Kammer“ – und auch der See, Apfelbäume oder Blumen inspirierten ihn hier. Klimt hat die Entwürfe für den Stoclet-Fries in Brüssel in der Villa Oleander in Kammer geschaffen – auch sie werden in dem neuen Ausstellungszentrum zu sehen sein.

Es wird in Kammer zu dem Zentrum auch einen Klimt-Shop geben und damit einen Eindruck davon vermitteln, was dem Wien Museum in seiner Klimt-Ausstellung ein eigener „Programmpunkt“ war: das Merchandising. Es ist schier unglaublich, wie die Motive von Gustav Klimt verarbeitet und vermarktet werden. „Der Kuss“ auf Tasche, Schirm, Halstuch, Krawatte, neuerdings auch auf Bonbonschachteln, Emilie Flöge auf Kaffeetassen und Marmeladegläsern, Klimt-Muster auf Schuhen, zu Ohrringen verarbeitet, Klimt-Wein und Klimt-Tee, selbst Klimt-Adventkalender – es gibt nichts, was es nicht gibt. Über Geschmack lässt sich in diesem Fall nicht streiten, denn er spielt nicht mit. Aber als Zeichen für übergroße, gut verkäufliche Popularität ist es wohl zu nehmen.

Der Künstler, der im Jänner 1918 einen Schlaganfall erlitt („Emilie soll kommen“ sollen seine letzten Worte gewesen sein) und am 6. Februar 1918 starb, wurde am Hietzinger Friedhof begraben, wo er heute noch ruht. Seine großen Zeitgenossen wussten, was sie verloren hatten. Die Nachwelt weiß, was sie an Gustav Klimt hat. Sie sollte nur jenseits von „Kuss“ und schönen Ornamenten genauer hinsehen. Es lohnt sich, den „ganzen“ Klimt in seiner genialen Komplexität zu betrachten.

 
 Foto: Manfred Werner

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