Der Neue Merker

ZÜRICH/Opernhaus: MADAMA BUTTERFLY – «Addio, fiorito asil!»…. Premiere

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Svetlana Aksenova, Saimir Pirgu. Copyright: Toni Suter

Opernhaus Zürich: MADAMA BUTTERFLY – Premiere 10.12.2017

«Addio, fiorito asil!»….  

Offenbar haben Regisseure einen Heidenangst, gerade bei diesem «Rührstück» in die «Sentimentalitäts-Falle» zu geraten. Nun hat Regisseur Ted Huffmann mit dem Bühnenbildner Michael Levine, assistiert von der Kostümbildnerin Annemarie Woods, die Story von der «kleinen Frau Schmetterling», wie uns seinerzeit die deutsche Übersetzung weissmachen wollte, in ein kühles, weisses Ambiente gestellt. Eine Schuhschachtel, die nur ab und an den Blick in eine dunkle Umgebung (kein Garten!) freigibt, wenn die Wände zur Seite geschoben werden. Zu Beginn werden schwere Möbel der Gründerzeit hereingetragen und versinnbildlichen wohl so das Aufoktroyieren der westlichen Welt auf die japanische, eben erst aufgebrochene Welt. Ein Kultur-Clash also, wie er im Buche steht, und an dem Cio-Cio-San zugrunde gehen muss. Von Sonoko Kamimura-Ostern wurde ihr und ihrer Dienerin Suzuki eine strenge Bewegungs-Choreographie auferlegt, ebenso wie dem Damenchor bei der Hochzeitszeremonie. Im 2. Akt dann hat sich Madama Pinkerton in einem eleganten Kostüm mit Cul der westlichen Lebensweise angepasst. Nachdem sie auch wegen des Glaubenswechsels von ihrer Verwandtschaft verstossen wurde, ist sie nun total isoliert. Das einzige Bindeglied zur japanischen Welt ist Suzuki, während sie ihr Sohn immer an die Bindung an Pinkerton erinnern muss: sein Spielzeug ist ein Dampfschiff. Dass die Butterfly sich vom «Prinzip Hoffnung» so weit vereinnahmen lässt, dass sie den Bezug zur realen Welt total verliert, kommt hier zwar optisch, aber nicht ganz überzeugend in der Personenführung zum Ausdruck. Überhaupt scheint mir die Personenführung eher kühl und distanziert, also weniger emphatisch und «taking sides»-weise angelegt. Wir werden so Zeugen einer Story, ästhetisch schön, aber auch etwas langweilig und nüchtern erzählt.

Nach dem 1. Akt mit den choreographisch anmutigen Auftritten der Japanerinnen wird der 2. Akt zum Höhepunkt dieser Aufführung: ein wahres Strindberg-Spektakel, ein Psycho-Theater, wie hier aufgezeigt, quasi unter dem distanzierten Auge einer Sezierung. Der 3. Akt gerät dann zum «Abgesang» und zeigt einen abgeänderten Schluss. Butterfly bringt sich vor den Augen des fassungslosen Pinkerton um. Puccini wollte es sicher anders und eigentlich unbarmherziger, indem er Pinkerton erst eintreten lässt, nachdem sich Butterfly schon entleibt hat. Leider lässt auch die Personenführung der Kate Pinkerton (mit wenigen Tönen, aber elegant Natalia Tanasii) zu wünschen übrig, die der Regisseur als teilnahmslose Schaufensterpuppe herumstehen lässt. Also alles in allem eine optisch ansprechende Inszenierung, die ästhetisch schön gemacht ist, nicht wehtut und eigentlich nichts Neues bringt.

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Svetlana Aksenova, Judith Schmid, Martin Führer. Copyright: Toni Suter

Svetlana Aksenova verkörpert Cio-Cio-San schon von der äusseren Erscheinung her und in ihren Bewegungen nahezu ideal. Auch verfügt sie über ein erstaunliches schauspielerisches Potenzial. Stimmlich bewältigt sie die lange Partie mit Auszeichnung, obwohl ein Mehr an Legato, Phrasierung und Farben nicht geschadet hätte. Zudem waren sämtliche Höhen – am Premierenabend – nicht optimal fokussiert und leider auch von einer unangenehmen Schärfe. Nehmen wir an, dass dies der Premieren-Nervosität zuzuschreiben ist. Leider litt darunter die Arie «Un  bel di vedremo». Perfekt gelang ihr der Schluss-Monolog, wo sie endlich Emotionen zeigen konnte, was ihr sicher auch zu mehr Wärme in der Stimme verhalf. Als fescher Leutnant Pinkerton war Saimir Pirgu gut am Platz. Er konnte immerhin ein paar sympathische Züge des «ungeschickt» handelnden Offiziers aufzeigen und zog sich mit Anstand aus der kurzen, wenn auch verflixt schwierigen Arie «Addio fiorito asil», die hier mit den Einwürfen des Sharpless fast zum Duett wird. Dieser wurde durch Brian Mulligan, den wir als Jeletzky aus der Pique Dame in bester Erinnerung haben, absolut glaubwürdig verkörpert. Zudem verfügt Mulligan über einen warm timbrierten, technisch gefestigten Bariton. Als Suzuki war Judith Schmid eine sympathische, persönlich engagierte Dienerin ihrer Herrin, sang auch ohne Fehl und Tadel – ein sicherer Wert in einer Aufführung des Opernhauses Zürich. Stellvertretend für die zahlreichen weiteren Rollen seien hier besonders erwähnt: Martin Zysset war ein hinterhältiger Goro, Huw Montague Rendall als ein ebenso edel auftretender wie singender Yamadori und Ildo Song als erbarmungsloser Bonze in der Verfluchung Cio-Cio-Sans. Das Söhnchen «Dolore» wurde erstaunlich natürlich von Martin Führer dargestellt. Ach ja, ein schöner Setter-Hund, der von Pinkerton hereingeführt wird und völlig überflüssig ist, eroberte natürlich im Sturm die Herzen des Publikums, da er sich mit dauerndem Wedeln wohl auf das nächste Leckerli freute… Der Chor, besonders die Damen in wunderschönen japanischen Kimonos, sangen wie immer gut und engagiert (Einstudierung: Ernst Raffelsberger). Leider, das muss ich hier anmerken und ich bin da nicht allein, war das Orchester – die Philharmonia – viel zu laut und aufdringlich. Ob diese Wirkung durch das Schuhschachtel-Bühnenbild noch verstärkt wurde, bleibe dahingestellt. Aber der Dirigent Daniele Rustoni hätte hier «besänftigend» einwirken können, ohne die Sänger streckenweise mit einer an die Schmerzgrenze gehenden Phonstärke zum Forcieren zu verleiten. Dass es auch anders geht, zeigte die Differenzierung im 2. Akt, wodurch die Duftigkeit der Partitur zum Blühen kam.

John H. Mueller

 

 

 

 

 

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