Der Neue Merker

ZÜRICH/Opernhaus: LA FILLE DU RÉGIMENT- Konzertante Aufführung

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Birgit Steinberger, Liliana Nikiteanu. Copyright: Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich: LA FILLE DU RÉGIMENT– Konzertante Aufführung 22.12. 2017

Konzertant – ein ungetrübtes Vergnügen…  

Gerade die komische Oper «La Fille du Régiment» als konzertante Aufführung anzubieten – etwas merkwürdig schien das schon. Offenbar war man auf der Direktions-Étage Javier Camarena entgegengekommen, der den Tonio konzertant singen wollte. Dass aber gerade er aus gesundheitlichen Gründen die Waffen strecken musste, war zuerst mal eine grosse Enttäuschung. Aber sie wurde mehr als durch den «Ersatz» aufgewogen, der in dem in Zürich am Opernhaus debütierenden René Barbera gefunden wurde. Der junge Sänger, der schon auf einen beachtlichen Leistungsausweis seiner ein paar Jahre dauernden Karriere zurückblicken kann, hat die in ihn gesetzten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern auch weit übertroffen. Schon vom ersten Auftritt an – es wurde bei dieser konzertanten Aufführung auf der Spielfläche vor dem im Bühnenraum sitzenden Orchester – der bestens gelaunten Philharmonia – ganz natürlich agiert und eine, wenn auch nicht genannte, Regie dürfte da wohl ihre glückliche Hand im Spiel gehabt haben. Und man stellt fest, es genügt vollkommen! Die Sängerinnen und Sänger, obwohl nicht in Kostüm und Maske, wohl aber rollengerecht gekleidet, identifizierten sich mit ihren Rollen, mitunter auch mit einem ironischen Augenzwinkern.

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Speranza Scapucci (Dirigentin), René Barbera, Sabine Devieilhe. Copyright: Opernhaus Zürich

Doch zurück zum Tenor René Barbera, der eine frische, samten timbrierte Stimme mit einer fulminanten Höhe sein Eigen nennt, mit der er in der «Mes amis»-Arie so sehr brillieren konnte, dass er die Arie einfach wiederholte, mit allen Spitzentönen und das nicht zu knapp. Es ist einfach herrlich, einem Tenor zuzuhören, der singt, als wenn es das Einfachste auf Erden wäre. Dazu kam, dass auch die lyrischen Stellen in seiner zweiten Arie und in den Duetten mit Marie in bester Belcanto-Tradition erklangen: ein perfektes Legato – und eine geschmackvolle Phrasierung, und ein Fliessen des Atemstromes trägt dann auch das leiseste Piano bis in die hintersten Reihen des Raumes. Als seine ebenso fulminante Partnerin trat Sabine Devieilhe zum ersten Mal am Opernhaus Zürich auf. Die zierliche, agile Französin «ist» schon vom ersten Auftritt an die Tochter des Regiments, burschikos-charmant, ohne im Geringsten zu übertreiben, und singt dabei mit einer fabelhaften Technik und einer Herzenswärme, die nur so staunen macht. Die warm timbrierte Mittellage für eine «Kolorateuse» mit extremer Höhen-Akrobatik – das ist schon was Besonderes! Beide Stimmen, Sopran und Tenor, passten auch wunderbar zusammen, mischten sich und ergaben im Duo-Klang mit den berühmten Terz-Sext-Intervallen Donizettis einen betörenden Sound. Nicht zu vergessen der köstlich agierende und ebenfalls in perfekten Französisch sprechende (wie alle an diesem Abend: Kompliment!) und singende Sulpice von Pietro Spagnoli und Liliana Nikiteanu als umwerfend gute und jugendliche Marquise de Berkenfield, fesch in ihrem Marilyn Monroe-Glitzerkleid. Dazu begleitete diese wunderbare Künstlerin auch noch die Gesangsstunde der Marie am Flügel im Orchester: brava! Als Duchesse de Crakentorp brachte es die populäre Schauspielerin und vor allem in der Schweiz bekannte Kabarettistin Birgit Steinegger das Kunststück fertig, komisch zu wirken, ohne den Bogen zu überspannen. Ihre kabarettistischen Aperçus waren gewitzt und verfehlten nicht die Lacher im Publikum. Henri Bernard war eine gute Type in der Rolle des Hortensius und Huw Montague Rendall und Utku Kuzuluk als Offizier/Notar bzw. Bauer steuerten ihre Einwürfe professionell bei.

Ganz besonders soll der Herrenchor lobend hervorgehoben werden, teilweise unterstützt durch die Chordamen, der exakt und sicher seine dankbare Aufgabe erfüllte (Chor-Einstudierung: Janko Kastelic). Die Fäden in der Hand hielt die persönlichkeitsstarke Dirigentin Speranza Scappucci, die mit Engagement, «Spass an der Freud» und Professionalität Chor und Orchester durch die geniale Partitur Donizettis führte. Ebenso war sie den Sängerinnen und Sängern eine mit-atmende Kollegin am Pult: sie liess ihnen Freiheiten, behielt aber immer den Grund-Rhythmus bei, sodass der Abend wie aus einem Guss war. Es war ein toller Opernabend, ein richtiges Weihnachtsgeschenk des Opernhauses an sein treues Publikum.

PS: Wie man aus der Pressekonferenz vernahm, schreibt das Opernhaus für die Bilanz schwarze Zahlen!

John H. Mueller

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