Der Neue Merker

ZÜRICH: WERTHER – Grossartiges Psychodrama. Premiere

Zürich: WERTHER – Premiere: 2.4. 2017

Grossartiges Psychodrama

WERTHER 2
Juan Diego Florez. Copyright: Herwig Prammer

Mit den einsetzenden Orchesterakkorden wird eines klar: Das wird kein „gemütlicher Abend“ mit Herz-Schmerz werden! Denn Cornelius Meister dirigiert diese Oper, deren Musik Massenets gerne zum „wabernden Wischi-Waschi“ verkommen kann, mit Klarsicht, Härte und ohne jede Sentimentalität. Dass das Orchester zuweilen auch etwas laut und bedrohlich für die Sänger wurde, soll nicht verschwiegen werden. Das könnte auch Juan Diego Florez als Werther betreffen, der sich hier in einem neu eroberten Fach des „französischen Lirico-Spinto“ vorstellte. Florez ist aber ein zu kluger Sänger – und vor allem ein geschmackvoller und zudem hoch musikalischer -, der sich nicht durch ein aufbrausendes Orchester dazu verleiten lässt, mehr zu geben, als es für seine Stimme gut wäre. So dosiert er intelligent die Kräfte aufreibende Partie, steigerte sich bereits im 2. Akt mit „Un autre son époux“ zu voller Dramatik. Dabei bleibt seine Tongebung immer sauber, kontrolliert und es schleichen sich auch keine übermässigen Portamenti ein, die es bei Massenet durchaus geben kann. Auch darstellerisch ist Florez ein glaubhafter Werther, fast autistisch in sich gekehrt und eigentlich keiner richtigen Beziehung fähig, nur „an sich selber leidend“. Dass Tatjana Gürbaca hier mit dieser Regie ihr Meisterstück abgeliefert hat, wollen wir ihr gerne zu Gute halten. Denn sie hatte mit den beiden letzten ihrer Zürcher Inszenierungen nicht gerade die ungeteilte Zustimmung des Publikums erreicht. Nun aber überzeugt sie durch eine höchst sensible und nachspürende Personenregie, die so nichts von Routine und Operngesten an sich hat.

wert
Anna Stéphany, Juan Diego Florez. Copyright: Herwig Prammer

 Das zeigt sich ganz besonders darin, dass sie in Anna Stéphany eine ganz fabelhafte Sängerin für die Charlotte als ihre Mitstreiterin gefunden hat. Denn so wie die Charlotte hier zur eigentlichen Hauptfigur wird – und nicht ein Mezzosopran neben dem Tenore -, macht diese Aufführung zum Ereignis. Anna Stéphany hat sich in den jungen Jahren ihrer Karriere als eine der ganz schönen Stimmen im Opernbetrieb etabliert. Dazu ist sie eine fabelhafte Schauspjelerin. Ihre stumme Präsenz während des Ganges durch das nächtliche Wetzlar prägt sich ein. Ihre Körpersprache ist nie opernhaft und gerade deshalb vermag sie damit in unsere Seelen zu dringen. Das dürfte auch das Verdienst von Tatjana Gürbaca und der Grund dafür sein, dass gerade eine Frau als Regisseur ganz andere Schichten aufdeckt, als es ein Mann mit ganz anderen Perspektiven entwickelt. Grossartig steigert sie sich in der Personenführung im 3. und 4. Akt, als auch Albert wesentlich in das Beziehungs-Dreieck miteinbezogen wird. Überhaupt spielt in dieser Inszenierung die Vergänglichkeit alles Zeitlichen eine unabdingbare Rolle. Die Geschwister Charlottes wirken wie verlorene Kinder ihrer Zeit, wenn sie vom Maskenball nach Hause kommen. Am sonntäglichen Kirchentag wird eine 50-jährige Hochzeit gefeiert, während in der Kirche nur noch alte Leute sitzen. An der Wand ist eine Uhr sichtbar, an der die fortschreitende Zeit abzulesen ist. Im Gang Charlottes durch Wetzlar bewegen sich die Zeiger sogar mit doppelter Geschwindigkeit. Alles das trägt zur Beschleunigung der Beengtheit in der sogenannten „heilen Häuslichkeit“ bei. Ein Ausweichen ist nur Werther im Selbstmord möglich. Hatte doch seinerzeit Goethes Werther eine ungeahnte Selbstmordwelle in Europa ausgelöst. Goethe hatte einst Mephisto sagen lassen: „Gefühl ist alles“…

 Klaus Grünberg hat ein Einheits-Bühnenbild geschaffen, indem er die Welt Wetzlars auf einen einzigen Wohnraum zusammengedrängt hat, der nicht nur die Klaustrophobie im Geistigen symbolisiert, sondern auch ganz praktisch einen guten Resonanzraum für die Sänger bildet. Fabelhaft wie sich im Schlussakt die Wände öffnen und zuerst Schnee, dann der Sternenhimmel und schliesslich die entschwindende Erdkugel sichtbar werden. Ein grossartiger Effekt, der eben auch seine dramaturgische Berechtigung im Konzept dieser Aufführung findet, der so nichts Opernhaftes, Sentimentalisches, Traditionelles anhaftet. Die zeitlosen Kostüme von Silke Willrett unterstützen diese Sichtweise.

Im Norweger Audun Iversen mit markantem Bariton, sehen wir einen Albert, der sich seiner provinziellen Beschränktheit ebenso bewusst wird wie seine Frau Charlotte, der sich aber aus dieser eben nicht befreien kann. In der Sophie hat Mélissa Petit eine Partie gefunden, in der sie dem „jungen Ding“ in der Folge mehr Tiefe geben kann, als man es gemeinhin von dieser „Soubretten-Partie“ erwarten würde. Ihre Stimme hat eine leichte Höhe und in der Mittellage Wärme. Sehr berührend ist die Szene, wo ihr Werther „einen Korb gibt“ und sich ihre Welt schlagartig verändert. In weiteren Partien waren adäquat besetzt Martin Zysset und Yuryi Tsiple als „ewige Studenten“ Johann und Schmidt, dann Cheyne Davidson als Amtsmann und das „Klopstock“-Pärchen mit Stanislav Voroboyov und Sayoung Lee, das bereits eine erste Verstimmung zu bewältigen hat. Sehr gut auch die Geschwister Charlottes, der Kinderchor und Chor der Oper Zürich (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) und die prägnanten Statisten.

So ist dieses fabelhafte Vierergespann Florez, Stéphany, Iversen und Petit in der absolut überzeugenden Regie von Tatjana Gürbaca der Hauptgarant des Abends. Dazu gehört auch der Dirigent Cornelius Meister mit seiner manchmal etwas gar lautstark aufspielenden Philharmonia, was aber durchaus zu diesem Konzept des total Unsentimentalen passt.  

John H. Mueller

 

 

 

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