Der Neue Merker

ZÜRICH/ Opernhaus: JEWGENI ONEGIN – „Das Glück war so nah, so nah…“. Premiere

Opernhaus Zürich: JEWGENI ONEGIN – Premiere am 24.9.2017

„Das Glück war so nah, so nah…“

 

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Pavol Breslik, Peter Mattei. Copyright: Monika Rittershaus

„Jewgeni Onegin“, das Herzstück von Tschaikowskys Opernschaffen, basiert auf dem gleichnamigen Vers-Epos von Alexander Puschkin. Den Komponisten mag wohl die unerfüllte Liebe der zwei Liebenden zu einem seiner schönsten und tiefsten Werke inspiriert haben. Die aus dem Orchester tönende Melancholie, die über dem ganzen Werk wie eine dunkle Wolke hängt, sich in der Melodik der Gesangsstimmen fortsetzt und sich zum einheitlichen Ganzen fügt, das ist schon ganz grosse Opernkunst. Barrie Kosky hat mit der kongenialen Bühnenbildnerin Rebecca Ringst eine Naturlandschaft geschaffen, die schon beim Aufgehen des Vorhangs verblüfft. Der Blick, den man als Zuschauer quasi von der Terrasse einer Datscha auf eine Waldlichtung haben könnte, zieht einen sofort in seiner Bildhaftigkeit in Bann. Das Landvolk, das zum Feierabend von der harten Feldarbeit zur Gutsherrin Larina kommt, ist bei Kosky allerdings eine schön gewandete Picknick-Gesellschaft, die sich zu einem „Déjeuner sur l’herbe“ niederlässt. Larina und die Amme Filipjewna füllen Marmelade in Einweckgläser ein, Olga tollt herum, während Tatjana sich in ihr Buch vertieft. Lenski, hier durch Pavol Breslik beweglicher und aktiver gezeigt als üblich, bringt seinen Freund Eugen Onegin mit, der mit Peter Mattei als hochgewachsener Gentleman wirkt, aber eigentlich nichts so Geheimnisvolles-Weltmännisches an sich hat, das ja gerade auf Tatjana so wirken soll. Kosky entwickelt dagegen umso mehr die Beziehungen zwischen den Charakteren sehr eindrücklich und psychologisch konsequent. Die nervösen Bewegungen der Tatjana zeigen sie als ihrer selbst unsichere, junge Frau. In der Briefszene, die sie auch in diesem Garten und nicht in ihrer Kammer singt, streicht Tatjana die Stellen in ihrem Buch an, deren Seiten sie später herausreissen und in ihrem Brief verwenden wird. Dabei steht die Sängerin in einem Lichtkegel, aus dem sie nicht entfliehen kann. Den Brief verschliesst sie in einem leeren Einweckglas, das dann Onegin bei der Begegnung mit ihr wohl ungeöffnet zurückbringt – schon das eine Verletzung Tatjanas. Die „Abkanzelung“ Tatjanas durch Onegin, die sie ja  innerlich so tief verletzt, bringt Peter Mattei wohl absichtlich so wie nebensächlich und singt mit seiner angenehm timbrierten Stimme ein bewundernswertes Legato. Das wirkt umso rücksichtsloser und beleidigender, je schöner Onegin singt. Das Einweckglas mit dem Liebesgeständnis bleibt ungeöffnet im Gras liegen. Und da spannt Kosky den dramaturgischen Bogen zur Schluss-Szene. Er lässt diese wieder im anfänglichen Bühnenbild spielen, quasi als pychologische Rückbesinnung an vergangene Zeiten. Der Gremin-Palast war zuvor vor den Augen des fassungslosen Onegin Stück und Stück abgebaut worden. Tatjana ist als Fürstin Gremin zwar eine „grande dame“ geworden, aber ihrer selbst im Innersten immer noch so unsicher wie zuvor. Sie muss – nach einem letzten  leidenschaftlichen Kuss mit Onegin – alle innere Kraft aufbieten, sich doch noch von ihm lösen zu können. Die Verletzung war doch zu gross, um irgendeinen Kompromiss einzugehen. Auf der Strecke bleibt nun Onegin. Er ist jetzt der Verletzte, der Verlierer. –

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Olga Bezsmertna, Peter Mattei. Copyright: Monika Rittershaus

Als Tatjanas eigentlicher „Gefährte im Unglück“ ist Lenski bei Pavol Breslik hervorragend aufgehoben. Schon von der Erscheinung sportlich-elegant, überzeugt er aber vor allem stimmlich mit seinem interessant gefärbten lyrischen Tenor. Die grosse Eifersuchts-Szene bei Larina singt er mit erstaunlicher dramatischer Attacke, ohne seiner Stimme Gewalt anzutun. In „Kudà, kudà…“ ist er psychisch total fertig, betrinkt sich und wird im Duell mit Onegin unterliegen. Dieses findet im Off statt, mit nur Tatjana als Zeugin im Vordergrund. Nochmals treffen Onegin und Tatjana nach dem Duell aufeinander: er erschüttert, seinen Freund getötet zu haben, sie verzweifelt, dass er zum Schuldigen geworden ist. Ein ungemein eindrückliches Schlussbild des 1. Teils des Opernabends. 

Das Bühnenbild (Rebecca Ringst) ist in eine raffinierte Lichtregie (Franck Evin) getaucht, sodass man die kleidsamen Kostüme (Klaus Bruns) – Stilkostüme für den Chor und die „Gesellschaft “ und zeitgemässe Strassenkleidung für Lenski und Onegin  – und den in einzelne Charaktere aufgefächerte Sängerinnen und Sänger des Chors des Opernhauses Zürich (Chor-Einstudierung: Ernst Raffelsberger) genau sehen und hören konnte: Denn, wenn man gut sieht, hört man auch besser.

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Peter Mattei, Olga Bezsmertna. Copyright: Monika Rittershaus

Liliana Nikiteanu als jugendliche Mutter Larina überzeugte wie immer in Stimme und Darstellung, neben der etwas outrierenden Filipjewna von Margerita Nekrasova, die die Rolle der Amme  perfekt ausfüllte. Als Olga war Ksenia Dudnikova zu erleben, deren Mezzo-Sopran über ein impressives Brustregister verfügt. Als Tatjana sahen und hörten wir Olga Bezsmertna, die in der Regie von Barrie Kosky ein berührendes Porträt der nervlich bis an das Äusserste belasteten jungen Frau verkörperte. Wenn sie während ein paar Minuten der Briefszene mit dem Rücken zum Publikum steht und sich ihre Hände dort ineinander verkrallen und verkrampfen, ist das gut gemachtes psychologisches Schauspiel. Stimmlich erfüllte sie beide Aspekte der anspruchsvollen Partie, zuerst lyrisch verhalten mit klarer Höhe als junge Tatjana, dann auftrumpfend mit etwas „Metall in der Höhe“ die reife Fürstin Gremina. Die Stimme mag in der Mittellage wenig Farben aufweisen, wird aber technisch perfekt geführt und ist intonationssicher. Eine sehr schöne Leistung! – Als Fürst Gremin hatte Christoph Fischesser offenbar nicht seinen besten Tag und sang seine berühmte Arie zwar gepflegt, aber leider ohne Glanz. Martin Zysset als Monsieur Triquet konnte sich mehr auf seine differenzierte Charakterisierungskunst als auf seine Stimme, die an diesem Abend etwas blass und hohl daherkam, verlassen. Sehr schön die paar Takte des Vorsängers von Tae-Jin Park, gut auch die einem Sänger zusammengelegten Wurzen Hauptmann und Saretzki von Stanislav Vorobyov.  

Die Philharmonia des Opernhaues Zürich spielte unter der energischen Leitung von Stanislav Kochanovsky differenziert, wie üblich perfekt in den Soli und kompakt in den Tutti, auch recht präsent in den beiden letzten Szenen, wobei die Lautstärke die Sänger mitunter zum Forcieren veranlasste.

John H. Mueller

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