Der Neue Merker

ZÜRICH: MESSA DA REQUIEM von Giuseppe Verdi als Ballett. Die Sekunde zwischen Leben und Tod?

Zürich: MESSA DA REQUIEM (Giuseppe Verdi)

Inszenierung und Choreographie: Premiere 3.12.2016  – besuchte Aufführung 20.12.2016 – Die Sekunde zwischen Leben und Tod?

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Katja Wünsche. Copyright: Gregory Batardon

Ob man Verdis Requiem auf der Bühne mit einem Ballettcorps umsetzen muss, ist hier nicht die Frage. Denn in der Kunst gibt’s nur eines: Qualität und Überzeugungskraft. Und die ist hier mit dieser höchst ungewöhnlichen Umsetzung des Gipfelwerks Verdis zur Tat geworden. Christian Spuck, der als Ballettchef unter Andreas Homoki Einiges an atemberaubenden Produktionen abgeliefert hat, hat nun – nach „Romeo und Julia“ und „Anna Karenina“, um nur ein paar Beispiele zu nennen – wiederum eine in jeder Sekunde faszinierende Choreographie des an und für sich keine bildliche Umsetzung erfordernden geistlichen Werks des Agnostikers Giuseppe Verdi präsentiert. Und es ist keine eigentliche „Ballett-Produktion“ geworden, wo ein geistliches Werk bebildert und an den Rand des Kitsches zu geraten droht. Nein, dem ist nicht so, im Gegenteil: Spuck hat Solisten, Chor und Ballettensemble in fast abstrakten Bildern zu einer überwältigenden Einheit zusammengebracht. Es ist aber nicht so, dass jetzt Solisten und der Chor zu tanzen anfangen würden, was peinlich wäre, sondern Spuk lässt sie sich oft kongruent zu den Tänzern bewegen. Die Solisten treten aus der Menge jeweils heraus, spielen keine Rollen, sondern sind sich selbst, so wie auch Spuk die Tänzer angehalten hat, nicht eine Rolle zu spielen, sondern sich selbst zu sein. So entstehen in faszinierender Dramaturgie Bilder von sinnstiftender Kraft, die sich aber nicht in einer „billigen“ Bebilderung einer realistisch dargestellten Trauerfeier ergeben würden.

In einem dunklen abgeschlossenen Raum (Bühnenbild: Christian Schmidt/Florian Schaaf) schälen sich langsam aus einer Menge von Menschen die Tänzerinnen und Tänzer heraus und lassen mitunter an die Bilder eines Hieronymus Bosch etwa erinnern. Das gewaltige „Dies irae“ mit Thomas Moore als nackter Mann, der sich am Boden windet, dagegen wieder die immer noch unglaubliche Yen Han, die perfekte Ballerina überhaupt, die in fliessenden Bewegungen zwischen Tod und Leben schwebt. Dann ist es wieder die kantigere Katja Wünsche, mehr erdverbunden, und zwischen beiden Frauentypen die persönlichkeitsstarke Giulia Tonelli als eigentlich Hauptfigur, falls man hier von so etwas reden kann. Wunderbar und beklemmend interpretiert von Spuk wurde durch das ganze Ensemble auf der Bühne der „Todesmarsch“ des „Lacrimosa“. Andere „Massen-Szenen“ erinnern wiederum an die Höllenfahrt eines Rubens, wo Menschenleiber in die Tiefe stürzen. Nein, man kann es gar nicht beschreiben, das muss man gesehen haben.

Dabei ist die sängerisch-musikalische Seite auf höchstem Niveau anzusiedeln. Fabio Luisi interpretiert mit der optimal disponierten Philharmonia das Werk ohne Pathos, aber mit unerbittlichem Drive und verhalten musizierten lyrischen Teilen. Der Chor (Einstudierung: Marcovalerio Marletta) singt tonschön und in sowohl transparentem als auch kompaktem Klang. Die Doppelfuge des „Sanctus“ wird hervorragend bewältigt. Und als Gesangsolisten bilden Künstler der ersten Garde ein ausgewogenes Quartett. Allen voran die wunderbare Krassimira Stoyanova mit ihrem in der warm durchbluteten Mittellage und der sich in strahlender Höhe öffnenden Sopran, dann Veronica Simeoni, die nicht mit orgelndem Alt, sondern mit schlankem Mezzo ihre bedeutenden Soli singt. Dann ist Francesco Meli, der das „Ingemisco“ auf den Knien singt (welch grandioser Einfall!) und im „Hostias“, der wohl berührendsten Passage in diesem Werk, zu berückenden Kopftönen findet. Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollte man Georg Zeppenfeld mit seinem schlank geführten Bass noch besonders belobigen, der ja so selbstverständlich natürlich und nicht aufgebläht klingt (was wir schon bei einem Gurnemanz in Bayreuth feststellen durften). Beim „Libera me“-Sopran-Solo der Stoyanova, das sie wiederum ganz herrlich singt und die dann in grosser Abendrobe auftritt, dringen von oben Lichtstrahlen (hervorragende Lichtgestaltung: Martin Gebhardt) ein: ein Hoffnungsschimmer? Das Dach, das sich am Schluss über die ganze Szene senkt, erstickt wohl alle Hoffnung? Es ist wohl alles offen…

Ein hinreissender Abend der ganz besonderen Art. Das Publikum wusste es mit viel Applaus und Standing Ovation zu würdigen. Danke Opernhaus!

John H. Mueller

 

 

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