Der Neue Merker

ZÜRICH: I CAPULETI E I MONTECCHI– Der Triumph von Joyce DiDonato. Premiere

Zürich: I CAPULETI E I MONTECCHI– Premiere 21- Juni 2015. Der Triumph von Joyce DiDonato  

Unbenannt
Joyce DiDonato. Foto: Monika Rittershaus/ Oper Zürich

Der Musikchef der Oper Zürich Fabio Luisi hatte schon die CD-Aufnahme von Bellinis Oper „I Capuleti e i Montecchi“ mit den Protagonistinnen Netrebko und Garanca geleitet und macht sich auch sonst gerne und verdientermassen zum Anwalt des Belcanto. Mit Joyce DiDonato holte er sich eine der weltbesten Vertreterinnen der Hosenrolle Romeo Bellinis ans Opernhaus. Was nun die amerikanische Sängerin an Schönheit der Stimme, an edler Stimmführung, an Ausdruckskraft in die elegischen Melodien Bellinis investierte, war schon ein Ereignis an sich. Als Partnerin hatte sie die erst 24-jährige Ukrainerin Olga Kulchynska als Julietta zur Partnerin. Die junge Sängerin, von idealer Erscheinung für die mädchenfafte Veroneserin geeignet, verfügt der Rolle entsprechend über ein Stimmtimbre zwischen Herb und Süss. Die Stimme hat in der Mittellage erstaunlich viel Klang und Timbrierung, während die Höhe zwar wunderschön frisch kommt, aber auch Schärfen schon jetzt nicht zu überhören sind. Darauf sollte die junge Sängerin achten und es langsam angehen. Beide Sängerinnen harmonierten auf schönste Weise. Joyce DiDonato wirkte erstaunlich burschenhaft, erinnerte in ihrer Aufmachung ein wenig an Barbara Streisand als Yentl, bewegte sich gut und versuchte schon gar nicht durch betont männliches Auftreten, einen Kerl vorzutäuschen. Das ist ja eben auch der Reiz der Hosenrolle, dass das Weibliche in der Darstellung immer präsent bleiben und nicht vergessen werden sollte. Eine Besetzung des Romeo mit einem Tenor, wie das auch schon mehrfach gemacht wurde, wird dem Reiz des stilisierten Belcanto-Genres nie ganz gerecht werden.

Solches nahm sich auch der Regisseur Christof  Loy zur Richtschnur. Romeo ist ja der einzige männliche Charakter in diesem Umfeld, der Frieden und nicht die Fortsetzung des ewigen Krieges will. Daran scheitert Romeo  – muss scheitern. Loy hat Romeo eine stumme Figur – die er erfunden hat – beigegeben. Immer präsent ist diese Figur – Gieorgij Puchalski  – ein geschlechtsloses Wesen, halb Begleiter, halb Todesbote. Wenn Romeo ihn im Finale mit „Tod, mein einziger Freund“ anspricht, dann nimmt der unglücklich Liebende aus dessen Hand den Gifttrank. In den Bühnenbildern und in der Kostümierung von Christian Schmidt wird die Handlung in das Italien Mussolinis versetzt, in der die Gesellschaft pervertierte und auf Macht und Gewalt fusste. Eine Art von Pasolinis „Salò“. Julietta, die Tochter des Capellio – in der Maske von Marlon Brando als Godfather und Pate – musste ja wohl ob solcher Leichenberge, die die zerstrittenen Familien hinter sich lassen, in Schwermut verfallen. Ob sie auch Opfer des Kinds-Missbrauchs durch ihren Vater wurde, wird hier mehr oder weniger wohl nur angedeutet oder gar offengelassen. So kann diese junge Frau nicht frei reagieren und bleibt Haus und Vater verbunden. Sehr schön hat das  Christof Loy erzählt; es wäre aber auch in Renaissance-Kostümen gleich gut gegangen. Der „Mussolini“-Zeit-Anstrich wirkte eher etwas „gewollt“, aber so kann man es durchaus auch „machen“. – Als Capellio hörten wir Alexei Botnarciuc mit kernig-rauer Stimme den unehrlichen Vater verkörpernd, während Lorenzo, bei Bellini nicht Geistlicher sondern Hausarzt, von Roberto Lorenzi über eine schöne Stimme, aber wenig Persönlichkeit verfügt. Erstaunliches hörten wir von Benjamin Bernheim als Tebaldo, der seinen lyrischen Tenor manchmal an seine Grenzen führte. Seien wir zufrieden, wenn wir eine frische Tenorstimme hören, die eine „einfache“ Höhe hat und ein hübsches Timbre aufweist. Ein zuweilen nasaler Beiklang sollte noch zu beheben sein.  Der Chor des Opernhauses Zürich (Einstudierung: Jürg Hämmerli) sang manchmal mehr Verdi als Bellini, war gut einstudiert und stimmkräftig. Der Statistenverein mischte sich unter die Chorleute und trug so das Regie-Konzept des faschistischen Italien mit. Die Philharmonia Zürich entwickelte unter Fabio Luisis Leitung, seinem Chef in den  Intentionen und allen agogischen Verzögerungen willig folgend, einen vollen und gleichzeitig flexiblen Klang. Die Transparenz in den lyrischen Passagen war von berückendem Zauber. Wohl durch das einengende Bühnenbild der Drehbühne wurde der Klang von Chor und Orchester zuweilen in gewaltiger Lautstärke ins Publikum reflektiert.

John H. Mueller     

 

 

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