Der Neue Merker

ZÜRICH: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY. «Ein morgen kommt nicht mehr!»….

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Annette Dasch beim „Song of Alabama“. Copyright: Tanja Dorendorf

Opernhaus Zürich: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY Premiere 5.11., besuchte Aufführung 09.11.2017  

«Ein morgen kommt nicht mehr!»….  

Nun hat sich also Sebastian Baumgarten diesem nach wie vor unglaublich aktuellen Werk (Gerade sind die «Paradise-Papers» in die Schlagzeilen gerückt!) des modernen, wenn auch bereits klassischen Musiktheaters angenommen. Und hat dabei sämtliche Kräfte des Opernhauses bis ans äusserste gefordert und eine höchst opulente, virtuose Inszenierung (Bühnenbild: Barbara Ehnes) abgeliefert. Weit weg vom traditionellen Brecht-Stil des «armen Theaters» greift Baumgarten in alle Kisten des heutigen Theaters: Stilmischung, Video-Projektionen (Video: Chris Kondek), Einsatz eines pantomimisch agierenden Tanz-Ensembles, mitunter auch Elemente des Trash-Theaters. Alles mischt Baumgarten zu einem höchst unterhaltenden, die Sinne aufreizenden Theaterabend. Er lässt es auch nicht aus, das Publikum im Finale zu düpieren, indem er die Leiche Pauls schänden und den Protestmarsch in einen Kreuzzug mit religiös-fundamentalistischen Tendenzen ausarten lässt.

Im 1. Teil des Abends wechselt Baumgarten geschickt zwischen dem Illusionstheater (Variété-Elemente werden ironisch eingesetzt) und den Verfremdung-Techniken des Brecht-Theaters. Dies, wenn ein Stil gebrochen wird und sich beispielsweise die Darsteller bewusst an das Publikum wenden. Im 2. Teil jedoch wirkt diese Überladung des Optischen mitunter bemühend, sich wiederholende Effekte verpuffen, und das Kippen der Situationen vom Tragische ins Ironische will nicht mehr so richtig überzeugen. Das mag auch an der unglaublich suggestiven Musik Curt Weills liegen, was seinerzeit sicher auch zum Bruch zwischen dem «Dreigroschenoper-Dream-Team Brecht-Weill» geführt hat. Brecht wollte Verfremdung, Weill dagegen machte vor allem hervorragend gute und eingängige Musik. Diese mit ungewohnter Instrumentierung aus Jazz- und Variété-Musik entlehnte Rhythmik hat ja auch was Verführerisches an sich; sie läuft einem wahrlich nach. Das Leading-Team hat sich also dafür entschieden, dem ironisch gemeinten Tingeltangel-Effekt der Musik Weills den Vorrang gegenüber dem verfremdenden Theater Brechts zu geben. So geraten doch bei allem virtuosen Regie-Handwerk manche Szenen fast traditionell opernhaft (grosse Arie des Paul, Kranich-Duett). Auch trägt das ständige Tänzeln und Gehopse im Rhythmus der Musik wenig zur Aussage des Stückes bei, vor allem scheint mir der Effekt damit schnell verpufft.

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Annette Dasch und Christopher Ventris beim „Kranich-Duett. Copyright: Tanja Dorendorf

Anyhow, der Abend ist wahrlich kein «verlorener Abend» und man muss einfach den Hut vor dieser grandiosen Leistung des Opernhaus Zürich ziehen. Der fabelhaft singende und agierende Chor (Einstudierung: Janko Kastelic) bewältigte bewundernswert die schwierigen Chöre und spielt dazu hervorragend. Bei den Solisten ist in vorderster Front Christopher Ventris als Paul Ackermann (in anderen Fassungen: Jim Mahonney) zu nennen, der als einzige Figur in diesem Werk wirklich Empathie beim Publikum entwickeln kann. Als Wagner-Tenor mit gut fokussierter Stimme bringt er – durch kleine, hier durch passende Anglizismen in ausgezeichneter und vorbildlicher Diktion – den Text Brechts rüber. Diese Diktion lässt leider bei einigen der andern Protagonisten zu wünschen übrig, so leider auch bei der vielgerühmten Karita Mattila, die aus der Witwe Begbick eine eher zufällige, harmlose und trotz viel Körperaktion unbeteiligte Figur macht. Ist doch die Begbick die Drahtzieherin im ganzen Stück, so begreift man hier eigentlich nicht die Hinterhältigkeit ihrer Aktionen, zumal sie dauernd – fit wie ein Turnschuh – durch die Kulissen hopst. Dass Frau Mattila gesanglich nicht mehr frisch klingt, soll ihr hier nicht zum Vorwurf gemacht werden. Sie als Künstlerin hätte auch das zum Vorteil ausnutzen können, tat es aber nicht. Zu ihren zwei Weggenossen Willy (Michael Laurenz, mit stringenter Tenorstimme absolut passend für das Ekel Prokurist) und Dreieinigkeitsmoses (Christopher Purves, der mit beeindruckenden Tànzel-Einlagen über Textschwächen hinwegspielte) gesellten sich dann die vier Baumfäller: eben der besagte Paul Ackermann des fabelhaften Christopher Ventris, der sich zu Tode fressende Jakob Schmidt von Iain Milne, der Sparbüchsenbill des unverwüstlichen Cheyne Davidson und der im geschmierten Boxkampf zu Tode kommende Alaskawolfjoe von Ruben Drole. Der im getürkten Prozess freigesprochene Mörder Tobby von Jonathan Abernethy wechselt ja dann ganz schnell ins Lager an der Angepassten. Als weibliche Bezugsfigur fährt Annette Dasch ihr ganzen sängerisches und schauspielerisches Können auf: von der Situation profitierenden Nutte bis zur knallhart gewordenen «neuen Begbick», die ihren Paule einfach sitzenlässt und sich dem bestzahlenden neuen Mann zuwendet, bleibt an ihr doch immer noch die Opernsängerin par excellence hängen. Sie spielt hervorragend, tanzt ebenfalls gekonnt, hat eine fabelhafte Figur, aber so ganz überzeugt sie mich nicht in dieser Figur. Erst am Schluss, als sie in deftigem Berlinerisch sprechend die Taschen Paules auf Geld untersucht, wirkt sie authentisch. Eine absolut bewundernswerte Leistung einer Künstlerin, die wir als Elsa, Rezia und Fiordiligi verehren.

Die Philharmonia gab in grosser Besetzung und manchmal auch sehr lauter Klangstärke unter ihrem Chef Fabio Luisi viel an Klangfarben und Wohllaut à la Puccini her. Leider aber fehlte der «bittere» Beigeschmack des ironisierenden, sogar zynischen Rhythmus’ der Musik, der eben auch zum Kontrapunkt der Szene beitragen sollte. Das könnte noch in den folgenden Aufführungen optimiert werden.

Aber eben, wie gesagt, ein im grossen Ganzen toller Theaterabend. Was wohl das Gespann Brecht/Weill dazu gesagt hätte?

John H. Mueller

 

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