Der Neue Merker

ZUBIN MEHTA: „Ich leite hier in Wien einen Rolls-Royce!“

Zubin Mehta: „Ich leite hier einen Rolls-Royce!“

 

Zur Staatsopern-Premiere „Falstaff“ von Giuseppe Verdi
(November 2016 / Renate Publig)

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Zubin Mehta (c) Israel Philharmonic

Als Zubin Mehta vor nunmehr 62 Jahren nach Wien kam, entwickelte er eine Liebe zu dieser Stadt, die ihn mit ihr nach wie vor verbindet. Bei einer früheren Begegnung erzählte mir der Maestro, wie er als Student Stunden über Stunden im Doblinger Antiquariat verbrachte, um ehrfürchtig in den Noten zu blättern. „Aber ich hatte natürlich kaum Geld. Die Entscheidung fiel schwer, ob ich es für eine heißbegehrte Partitur ausgeben sollte oder für Essen. Eines Tages betrat die Großmutter des heutigen Geschäftsführers das Antiquariat, sie hatte mein Dilemma sofort erkannt und lud mich zu einer Suppe ein. Ich bin ihr sehr dankbar, denn ich durfte mich noch öfters stärken, bevor ich im Antiquariat in die Welt der Noten eintauchte!“
Dankbarkeit und eine Bescheidenheit, diese Eigenschaften zeichnen diesen großen Dirigenten, der auf so eine unglaubliche Karriere zurückblickt, immer noch aus.

Dass er heuer seinen 80. Geburtstag feierte, ist kaum zu glauben. Um dem Maestro jedoch nicht eine Unzahl an Einzelinterviews zuzumuten, lud die Staatsoper kurzerhand zur „Teatime with Zubin“ ein.

 

Herr Mehta, wie laufen die Proben zu Falstaff?

 

Sehr gut, das Ensemble ist ein eingespieltes Team. Als Dirigent liegt mein Fokus auf der musikalischen Interpretation, für die jedoch eine gute Aussprache unerlässlich ist, darauf lege ich großen Wert. Ambrogio Maestri hat eine hervorragende Aussprache, er verfügt über eine langjährige Erfahrung. Den Falstaff sang er bereits öfters – unter anderem 2013 bei den Salzburger Festspielen, unter meiner Leitung gemacht.

 

Ist es für die Probenarbeit von Vorteil, dass Sie das Werk mit dem gleichen Orchester vor drei Jahren aufgeführt haben?

 

Ja und nein. Wir benützen das gleiche Orchestermaterial wie in Salzburg, das heißt, die Noten müssen nicht extra eingerichtet werden, die Bogenstriche der Streicher sind bereits vorhanden, die Dynamiken eingetragen. Der Unterschied ist jedoch, dass Alexander Pereira in Salzburg anordnete, dass das Orchester in einer fixen Besetzung spielte. So konnte er die Anzahl der Proben minimieren. Hier in Wien wechselt die Orchesterbesetzung wie üblich, was mir nichts ausmacht, doch erfordert es eine höhere Anzahl an Proben. Doch die Arbeit am Falstaff ist sehr weit gediehen, gestern hatten wir zwei Proben à drei Stunden, wir konnten das komplette Stück durchspielen.“

 

Rein musikalisch, oder wurde auch schon szenisch gearbeitet?

Auch szenisch, die Sitzprobe fand bereits statt! In den gestrigen Proben konnte ich die Sänger erstmals im Orchesterraum hören, was wichtig ist, um die Dynamik fein abstimmen zu können. Dass das Orchester so ungewöhnlich flexibel ist, erleichtert mir meine Arbeit natürlich sehr.

 

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Solistenprobe Falstaff (c) Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

 

Was macht für Sie das Besondere an den Wiener Philharmonikern aus?

Hier leite ich einen Rolls-Royce. Die Wiener Philharmoniker kennen das Stück, wodurch ich an ganz feinen Details feilen kann. An der exakten Balance des Orchesters, aber auch an Klangfarben. Die Musiker haben in ihren Noten teilweise den Text notiert, sie hören zu, was auf der Bühne passiert!

 

Und die Arbeit mit den SängerInnen?

 

Vor jede Orchesterprobe stelle ich eine Klavier-Ensembleprobe. Falstaff enthält viele Ensemblestellen, beispielsweise das Oktett im zweiten Akt, was einige Probenarbeit erfordert. Dass das Lachen der Frauen gut sitzt. In einer Stelle singen die Damen zwar den gleichen Rhythmus, aber jede hat einen anderen Text. Diese Feinheiten müssen ebenso herausgearbeitet werden wie der a cappella-Passagen! Verdi hat wohl alternativ eine Orchesterbegleitung komponiert, doch die Damen intonieren so perfekt, dass wir uns für die Originalversion entschieden haben.

Das Sängerensemble, das wir hier zur Verfügung haben, ist ausgezeichnet. Das sind singende Musiker! Die Mrs. Quickly, Marie-Nicole Lemieux stammt aus Montreal, ich kann sie zum Lachen bringen, wenn ich kanadisch-französisch spreche. Zwischendurch ist Lachen sehr wichtig, die Proben sind anstrengend genug! Mit Lilly Jørstad, unsere Meg Page, habe ich bereits in Florenz zusammengearbeitet. Hila Fahima, die aus Israel stammt, kannte ich vorher nicht, obwohl sie bereits öfters in Israel gesungen hat. Über Ambrogio sprach ich bereits, und mit Paolo Fanale steht ein wunderbarer Fenton zur Verfügung, er ist überdies ein hervorragender Don Ottavio!

 

Die Inszenierung in Salzburg spielte im Altersheim, welche Regie dürfen wir von David McVicar erwarten?

Dies wird voraussichtlich meine letzte Neuinszenierung von Falstaff sein. Daher wünschte ich mir bereits vor zwei Jahren im Gespräch mit Dominique Meyer eine Inszenierung, die in der Originalzeit spielt, also im 15./ 16. Jahrhundert. Nicht, weil ich moderne Inszenierungen grundsätzlich ablehne – die Regie von Luca Ronconi in Florenz 2014 funktionierte gut! Doch wie oft sieht man Inszenierungen in der Originalzeit?

Dies ist meine erste Zusammenarbeit mit McVicar, wir verstehen einander sehr gut. Er kennt das Werk und hat eine klare Vorstellung, was er auf die Bühne bringt. Und wenn eine Regieidee musikalisch nicht ideal ist, arbeiten wir gemeinsam an einer Lösung.

 

In Mailand dirigieren Sie 2017 ebenfalls Falstaff?

Diese Inszenierung ist auf das Mailänder Publikum abgestimmt, sie sehen gleich zu Beginn die Casa Verdi, da fühlen sie sich zu Hause. Hoffentlich! (lacht) Am Anfang stehen sogar einige der echten pensionierten Sänger aus der Casa Verdi auf der Bühne.

 

Spielt das eigene Alter eine Rolle bei der Sicht auf diese Oper?

Durchaus! Meinen ersten Falstaff dirigierte ich erst 2001 in München, eine sehr schöne Inszenierung von Eike Gramss, der letztes Jahr verstorben ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits sehr viele Verdi-Opern geleitet: Jerusalem, danach die drei großen Opern Traviata, Forza del destino, Don Carlo, in weiterer Folge Aida und Otello.

 

Warum genießt die Oper Falstaff nicht eine ähnliche Popularität wie eben Traviata, Aida oder Otello?

 

Weil der Tenor nicht stirbt! (lacht) Ich kenne tatsächlich viele Menschen, die wohl Verdi lieben, nur nicht Falstaff. Nun, Fentons Arie geht nicht ins Ohr wie „La donne è mobile“. Und ein Problem besteht darin, dass Falstaff zwar als Komödie gedacht ist, in Wahrheit handelt es sich aber um eine Tragikomödie. Denn die Figur des Falstaff ist einsam, eine tragische Figur, auf Wienerisch „a armer Kerl“.

Musikalisch gesehen kehrt Verdi bei Falstaff wieder zu Mozart und Rossini zurück. Bei Aida oder Otello verwendet er Leitmotive, das hat viel von Wagner, auch wenn Verdi das nie zugegeben hätte. Zu jener Zeit, als Verdi Falstaff komponierte, studierte er viele Mozart Streichquartette, was man vor allem in den Ensemblestellen merkt. Auch Rossini klingt an, zum Beispiel beim Oktett. Und in einigen Passagen ist der früherer Verdi zu hören.

 

Ihre letzte Neuproduktion an der Staatsoper war La Forza del destino?

Das war eine sehr schwierige Premiere. Die Sänger waren ausgezeichnet – aber das Bühnenbild … dieser Metallbau! Und Don Carlos liegt im zweiten Stock im Sterben, akustisch ein Wahnsinn, wie überhaupt die komplette Inszenierung. Ich gebe zu, ich war von einigen Ideen schockiert. Leider sieht der Dirigent die Inszenierung erst bei der ersten Klavierhauptprobe – und manchmal nicht einmal da, weil er auf die Musik konzentriert ist und keine Zeit zum Beobachten bleibt. Zwar gibt es Konzeptionsgespräche zu Beginn einer neuen Produktion, doch diese schützen nicht immer vor Überraschungen!

 

Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Inszenierung aus?

Eine, die zu 100% den Komponisten unterstützt. Eine Inszenierung darf auch modern sein, wenn sie intelligent gemacht ist, und wenn sie nicht gegen das Werk geht. Zum Beispiel jetzt der Ring in Valencia, die Regie war werkgetreu, aber mit modernen Mitteln.

Bei Inszenierung von Tannhäuser 2010 an der Scala wurde ich ein wenig hereingelegt. Carlus Pedrissa wünschte für den zweiten Akt Farben – also empfahl ich ihm, nach Rajasthan zu fahren. Den Rat befolgte er und kehrte mit 200 Saris wieder. Das wirkte wunderbar! Leider trugen die Männer Bollywood-Kostüme, der zweite Akt war plötzlich indisch, was überhaupt nicht passte. Anja Harteros im Sari sah allerdings hervorragend aus, sie gab eine wunderbare Elisabeth. Im ersten und im dritten Akt waren die Regieeinfälle jedoch sehr schlüssig. Im letzten Akt sitzt Elisabeth auf dem Felsen und weint, ihre Tränen rinnen den Fels herunter und bilden unten einen Fluss, auf dem der Sarg Tannhäusers schwimmt. Sehr bewegend!

 

Sie haben die Patronanz über Cinderella, die Kinderoper von Alma Deutscher übernommen, deren Uraufführung am 29. Dezember 2016 im Casino Baumgarten stattfindet?

Alma Deutscher ist eine junge britische Komponistin, gerade mal 19, sie ist ein Genie! In Israel spielte sie mir ein Klavierkonzert von Mozart mit einer außergewöhnlichen Klarheit vor. Im Alter von neun Jahren empfand sie die Kadenz von Mozart als zu leicht, also hatte sie eine neue komponiert! Neulich spielte sie eine Violinsonate von Bach mit einer unglaublichen Intonation, so sauber, auch Daniel (Barenboim) war beeindruckt. Und nun wird ihre Oper Cinderella in Wien aufgeführt. Sie komponiert tonal, leider werde ich die Uraufführung nicht hören, da ich nur bis 15. Dezember in Wien bin.

 

Ihr Terminkalender jetzt in Wien ist sehr umfangreich, neben Falstaff dirigieren Sie auch Konzerte?

Ja, erstmals leite ich die Hofmusikkapelle, worauf ich mich schon sehr freue. Seit zehn Jahren werde ich eingeladen, zu dirigieren, aber bisher ist es sich zeitlich nicht ausgegangen. Endlich klappt es! Außerdem wird es am 8. Dezember im Großen Saal des Musikvereins ein Konzert mit dem Webern-Orchester geben, anlässlich der 200-Jahr-Feier der Musikuniversität. Auch hier ist der Probenplan sehr intensiv, am Programm stehen Schubert, Dvořák und natürlich Webern.

 

An der Musikuniversität wurde Ihnen nun ein eigener Saal gewidmet!

Gestern stattete ich nach langer Zeit der Universität einen Besuch ab. Ich war verblüfft, die mdw hat sich zu einer kleinen Stadt entwickelt! Die Akademie beim Konzerthaus, die ich noch besuchte, war schon keine kleine Institution. Aber heute? Gerade wurde eine wunderbare neue Bibliothek eröffnet, und neben dem Bruno-Walter-Saal gibt es nun einen Zubin-Mehta-Saal. Ich fühle mich sehr geehrt!

 

Und nächstes Jahr geben Sie ein Konzert mit Anoushka Shankar?
Dieses Konzert habe ich mit ihrem Vater Ravi uraufgeführt. Den ursprünglichen Konzerttermin mussten wir verschieben, weil sie schwanger wurde. Ihr Sohn heißt übrigens Zubin!

 

Bisher haben Sie fünfmal das Neujahrskonzert geleitet – wird es ein sechstes Mal geben?

Das weiß ich nicht. Es gibt so viele Dirigenten! Wir werden sehen.

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