Der Neue Merker

WÜRZBURG/ Musikhochschule: ORPHEUS IN DER UNTERWELT

Würzburg, Musikhochschule: ORPHEUS IN DER UNTERWELT
13.02. 2017– Werner Häußner

 

An Jacques Offenbachs Operetten scheitern Regisseure regelmäßig. Den einen fällt nichts dazu ein, wie sie die zeitgebundenen Anspielungen und Sottisen in einen gegenwärtigen Kontext übertragen könnten – sie inszenieren mehr oder weniger vom Blatt, auf die schale Würze harmloser Späßchen vertrauend. Die anderen gründeln tief, konstruieren Subtexte und Überbau, verzerren Ironie zur Groteske, überführen Zweideutiges in gedankenbelastet Eindeutiges. Erotik wird zum Sex, Anspielung zur nackten Tatsache.

Ein Wagnis also, ein Stück wie „Orphée aux Enfers“ auf die Bühne einer Hochschule zu bringen. Zumal der federleichte Stil des Singens, den Offenbach fordert, an den Ausbildungsstätten des Gesangs nicht gerade gepflegt wird. Die einen retten sich dann in Volumen und Vibrato der Oper, die anderen krähen und näseln mit Musical-Stimmchen. Und unerfahrene junge Darsteller machen es der Regie nicht leichter, das punkt- und pointengenaue Räderwerk der Operette am Laufen zu halten.

In Würzburg hat das, im Rahmen der Möglichkeiten einer Hochschule, wie geschmiert funktioniert. Holger Klembt und seine Regie-Mitarbeiterin Sylvia Rudolf versuchen nicht um jeden Preis originell zu sein. Sie bauen auf die flinke Beweglichkeit ihrer Studentinnen und Studenten, nutzen die Bühne von Manfred Kaderk in Breite und Tiefe aus, ziehen den Spielraum bis vor den Orchestergraben – und das alles ungezwungen und locker. Eine so agile und jugendlich-lebendige Truppe wie das Ensemble in Würzburg wird sich an einem Theater kaum zusammenstellen lassen.

„Orpheus in der Unterwelt“ ist für ein Publikum mit höherer humanistischer Bildung geschrieben. So ohne weiteres sind die Anspielungen auf den olympischen Götterhimmel mit seinen vielfältigen kulturgeschichtlichen Assoziationen heute nicht mehr zu verstehen. Daran rütteln weder Regie noch Dialog-Bearbeitung: Sie lassen den antiken Horizont unangetastet und verlassen sich auf den Drive der Handlung. Auch das funktioniert in diesem Rahmen. Die Kostüme von Anke Drewes ergehen sich in Anspielungen: Jupiters Gattin Juno ist eine etwas verzopft gewandete Dame, der Lena Elisabeth Vogler die hysterischen Anwandlungen einer magersüchtigen englischen Landadligen gibt; der Göttervater selbst wirkt bei Jakob Mack wie ein in die Jahre gekommener Punk – aber die orangefarben aufgetürmte Haarpracht (Claudia Elsner-Kunze und Bianka Meisner sind für die Maske zuständig) könnte auch ein gewaltiger Hahnenkamm sein. Alexander Geiger ergänzt als Merkur die Riege der Olympischen und liefert seine Botschaft in Form eines halsbrecherischen Couplets mit Anstand ab.

Venus (Anja Stein), Diana (die stimmlich überzeugendste Leistung des Abends: Steinunn Sigurdardóttir) und Minerva (Maria-Theresia Bäumler) machen in Kostüm und Auftreten eins auf mondän, während Elias Wolf als unglücklicher Hans Styx mit knarrender Stimme das Klischee vom vertrottelten Faktotum genüsslich ausspielt. Er hat dem durchtriebenen Pluto zu dienen, der in Fabian Christens Gestaltung als schnoddriger, teufelsgehörnter Pragmatiker die Unterwelt zu regieren sucht – wo ihm nicht nur die fatale Auswirkung des Vergessenstranks aus den Wassern der Lethe in die Quere kommt, sondern auch die quirlige Götterschar, die unvermittelt aus dem Aufzug zum Olymp in das Foyer des Hades einbricht.

Wie sie sich alle unter die herabzischende Gerte der „Öffentlichen Meinung“ zu ducken haben, wird nur stellenweise deutlich. Das liegt nicht an Tamara Nüßl, die mit sattem, tragendem Mezzo Götter und Menschen zur Räson bringt, sondern eher am Konzept, das ihr zu wenig Raum gewährt. Veith Wagenführer, ein bieder beanzugter Orpheus, der nicht selber geigt sondern geigen lässt (Solo: Ibrayim Bairam-Ali), kuscht brav und willigt säuerlich in den Plan ein, seine Frau aus Plutos Reich zu befreien. Bettina Maria Bauer ist eine so reizende Eurydike, dass man wirklich nicht versteht, wie sie der Geigenprofessor für seine Schülerinnen sitzenlassen konnte.

Die gewählte Fassung, die von Jean-Christophe Keck kritisch edierte Mischfassung aus der opéra bouffe von 1858 und der opulenten „Féerie“ von 1874 lässt einiges an Musik hören, die sonst ignoriert wird, unter anderem ein apartes Couplet des Pluton. Sie gibt nicht nur Anna-Lena Müller als Cupido in ihrem Kuss-Couplet die Gelegenheit, sich zu zeigen, sondern lässt auch im Orchester einige spritzige Entr’actes erklingen. Gerhard Polifka dirigiert das Hochschulorchester, wie man eben heute Offenbach dirigiert, auf der einen Seite mit Sinn für spritzige, trockene Rhythmik und agile Tempi, auf der anderen Seite mit wenig Gespür für metrische Flexibilität oder für das augenzwinkernde Sentiment. Im Graben kommt man mit Offenbachs Miniaturen gut zurecht. Ein kurzweiliger Abend.

Werner Häußner