Der Neue Merker

WÜRZBURG: LES HUGUENOTS – Dernière

WÜRZBURG: LES HUGUENOTS – Dernière
am 17.2. 2017 (Werner Häußner)

Was für eine flammende Passion! Drei Menschen, den unausweichlichen Tod vor Augen, sehen den Himmel offen und das Licht der Liebe erstrahlen im Widerschein der Flammen des brutalen Massakers, dem sie in wenigen Minuten zum Opfer fallen. „Ah! Voyez, voyez“, die „Vision“ des letzten Aktes von „Les Huguenots“, wird zum packend und brillant gesungenen letzten Höhepunkt der Dernière von Giacomo Meyerbeers monumentalem Meisterwerk am Mainfrankentheater Würzburg, bevor der eiserne Tritt einer Soldateska die Menschen unter sich begräbt und die letzten Klänge der Musik im rhythmischen Stampfen der Stiefel erlöschen lässt. Mit dem Terzett, hingebungsvoll leidenschaftlich gesungen, schwingen sich Karen Leiber (Valentine), Uwe Stickert (Raoul) und Tomasz Raff (Marcel) zu einem jener magischen Momente empor, aus denen die Oper lebt und die der atemlos gefesselte Zuhörer lange nicht vergessen wird. 15 Minuten standing ovations sind die Antwort des begeisterten Publikums. Sie gelten wohl nicht nur diesem grandiosen Finale, sondern auch der Inspiration des Komponisten und der fabelhaften Leistung des Würzburger Theaters. Einer der Momente, in denen die „Provinz“ die glatte Routine so manch großen Hauses in den Schatten stellt. Ganz großes Theater.

Dabei hat diese letzte Aufführung der „Hugenotten“-Inszenierung Tomo Sugaos gar nicht verheißungsvoll begonnen. Chor und Extrachor hatten ihre liebe Mühe, manch verquälter Ton war zu registrieren, im Philharmonischen Orchester versanken die subtilen Instrumentationsdetails Meyerbeers in einem pauschalen, nicht selten wackelnden Klangbild. In der Inszenierung, in der ein Spielmacher zunehmend die Kontrolle über die radikalisierten Massen verliert und zur „Schwerterweihe“ brutal abgeschlachtet wird, versuchten manche Darsteller, durch Outrieren ihrem Charakter deutlicheres Gewicht zu geben. Barbara Schöller als weiß gekleidete Symbolfigur stellt den Verfall ihrer magischen Kontrollmacht eindrucksvoll dar.

Aber im vierten Akt war das alles wie weggeblasen: Das Orchester ließ sich von Erster Kapellmeisterin Marie Jacquot zu genauerem Spiel und ausdrucksvollen Farben inspirieren, Karen Leiber bot ein leuchtendes Beispiel entspannten Singens, auch Tomasz Raff lief zu großer Form auf. Noch einmal war Uwe Stickert als Raoul zu erleben – und es ist, auch im Vergleich mit der wunderbaren Leistung von Juan Diego Flórez in Berlin – noch einmal zu betonen: Stickert singt diese Partie in einer derzeit unerreichten Vollendung, exquisit ausgeglichen, mit dramatischem Impetus, leicht und einwandfrei gestützt in der voix mixte und den bruchlos in die Linie des Singens eingebundenen Höhen, dabei farbenreich und in den schwärmerischen Lyrismen des Duetts im vierten Akt „Tu l’as dit: oui tu m’aimes!“ entspannt und transzendierend leuchtend.

Und die anderen Solisten ziehen mit, als gelte es, an diesem Abend noch einmal alles zu zeigen: Claudia Sorokina als kokette, koloratursichere Königin, Silke Evers in der differenziert gestalteten Cavatine des Pagen Urbain „Une dame, noble et sage“, Daniel Fiolka als Ehrenmann Nevers mit noblem, kraftvollem Ton, humanes Pendant zum Fanatismus des Katholiken Saint-Bris, mit dem nötigen Nachdruck gestaltet von Bryan Boyce. Man geht tief berührt von diesem Erlebnis nach Hause, nicht zuletzt, weil Regisseur Tomo Sugao – wieder im Vergleich zu den Berliner „Huguenots“ David Aldens – die mutigere Position zum Stück bezogen hat. Und man bedauert ein weiteres Mal, dass die Kunst der Bühne ach so flüchtig ist.

Werner Häußner

Diese Seite drucken