Der Neue Merker

WÜRZBURG / Hochschule für Musik: ARLECCHINO von Busoni/ GIANNI SCHICCHI von Puccini

WÜRZBURG / Hochschule für Musik: ARLECCHINO von Ferruccio Busoni / GIANNI SCHICCHI von Giacomo Puccini am 8.2. 2016 (Werner Häußner)

Ferruccio Busoni, der große deutsch-italienische Universalist, sah in der Oper die Form, die seiner Idee von der „Einheit“ der Musik am nächsten kommen könnte: „Ich erwarte von der Oper, dass sie in Zukunft die oberste, nämlich die universelle, einzige Form musikalischen Ausdrucks und Gehalts werde“, schreibt er in einem Essay. Wie Busoni seine musiktheoretische Einsicht praktisch umsetzt, ist nicht nur an seinem Hauptwerk „Doktor Faust“, sondern auch an seinem „heimlichen Hauptwerk“ mit dem Titel „Arlecchino“ abzulesen – eine Wiederbelebung der alten „commedia dell’arte“ aus dem Geist der Moderne.

1917 ging der Einakter gemeinsam mit Busonis „Turandot“ als „theatralisches Capriccio“ erstmals über die Bühne des Stadt-Theaters Zürich. Die Titelfigur, die bezeichnenderweise eine Sprechrolle ist, gab der „Singspieler“ (so nannte ihn Klabund) Alexander Moissi. Die Musik Busonis verknüpft meisterhaft Vorgaben aus der herkömmlichen Oper, ungewöhnliche Formen wie das Melodram, hintersinnig eingesetzte Zitate aus bekannten Werken wie dem „Don Giovanni“, parodistische Elemente und eine formale Konzeption in vier Sätzen, die den ganzen „Arlecchino“ wie eine Großform absoluter Musik behandelt.

Das entspricht der Idee Busonis, dass Musik nicht beschreibend sein solle; dass sie – in welcher Form auch immer sie auftrete – „ausschließlich Musik und nichts anderes“ bleibe. Eine Idee, wie sie von Alban Berg bis Paul Hindemith aufgegriffen und umgesetzt wurde. Den Wettstreit mit der Musik, die sich aus einer „poetischen Idee“ speist, hat sie freilich verloren, zumindest in der Publikumsgunst: Im 150. Geburtsjahr Busonis – er kam am 1. April 1866 in Empoli bei Florenz auf die Welt – steht etwa sein „Doktor Faust“ nirgends auf einem Spielplan.

Umso verdienstvoller ist die Initiative Holger Klembts an der Hochschule für Musik in Würzburg: Er spannt „Arlecchino“ mit Puccinis „Gianni Schicchi“ zu einem karnevalesken Duett zusammen, das während der Faschingszeit in sechs unterhaltsamen Aufführungen eine Menge Zuschauer in das hochschuleigene Theater an der Bibrastraße zog. Manfred und Alexandra Kaderk lehnen sich bei der bunten, aber auch ein wenig gespenstischen Ausstattung der Bühne an den kräftigen Farben und der mal kraftvollen, mal skizzenhaften Pinselführung der Expressionisten zur Zeit der Uraufführung des „Arlecchino“ an; Anke Drewes und Jacqueline Schienbein bevölkern die Andeutungen einer italienischen Stadtlandschaft mit einer burlesken Mischung aus Kostümen der Commedia und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Beide Werke haben den Vorteil, viele Solisten auf der Bühne zu fordern, doch die Sänger nicht zu überfordern. Das ist ideal für eine Hochschulaufführung, in der Studierende in unterschiedlichen Phasen ihrer Ausbildung zum Zuge kommen sollen. So waren nahezu fertige Stimmen zu hören, daneben junge Leute, deren Timbre noch unausgebildet, deren Technik noch ungeschliffen wirkt. Leider waren bei manchen auch die Grenzen und technischen Manierismen ihrer Lehrer zu hören. Auch das hausbackene Italienisch und die präzise Artikulation sind durchaus verbesserungswürdig.

In Busonis Spiel, das sich ausdrücklich „an den Verstand“ wendet, ist die Distanz schon in der Form vorgegeben: Elias Wolf als sprechender Arlecchino fällt als Drahtzieher aus dem von der Musik gegebenen Weltgefüge, er deklamiert mit Nachdruck und erinnert mit – unfreiwillig? – gestelzter Sprachmelodie an den heute pathetisch wirkenden Stil Moissis. Bei „Gianni Schicchi“, von Holger Klembt als possenhafter Drolerie mit grotesken Zügen inszeniert, wartet das Publikum stets auf Laurettas Schlager „O mio babbino caro“ – eine jener süßen, weit geschwungenen Melodien Puccinis, die sich für Tage im Ohr festsetzen. Das ist ungerecht, denn die Ensembles fordern Wachsamkeit, schnelle Reaktion und musikalische Sicherheit. Dem kommt das junge Würzburger Ensemble versiert entgegen. Georgios Papadimitriou mag als Schlitzohr Gianni Schicchi für die Spielfreude der Darsteller stehen; Franziska Vonderlind (Zita) für die komischen Talente, die ja viel schwieriger zu aktivieren sind als Melpomenes tränenreiches Pathos.

Und die Lauretta? Die legt Hongyu Xing aus der Klasse von Monika Bürgener, die immer wieder durch gesund ausgebildete Stimmen auf sich aufmerksam macht, auf eine leicht geformte Linie, gezogen mit einem frisch timbrierten Sopran, gehalten von einer gleichmäßigen, gut gebildeten und gestützten Tongebung ohne Spannung, Druck oder Verfärbung. Reizvolle Aufgaben ergeben sich für das Orchester, das Ulrich Pakusch einstudiert hat und das Gerhard Polifka (Arlecchino) und Dionysios Grammenos (Gianni Schicchi) mit dem Elan der Jugend leiteten. Nicht unterschlagen werden soll, dass die Produktion durch den Richard-Wagner-Verband Würzburg und die Herbert Hillmann und Margot Müller-Stiftung großzügig unterstützt wurde.

Werner Häußner

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