Der Neue Merker

WÜRZBURG: DER BRANDNER KASPAR UND DAS EWIG LEBEN von Kurt Wilhelm

WÜRZBURG: DER BRANDNER KASPAR UND DAS EWIG‘ LEBEN von Kurt Wilhelm
am 6.12. 2017
(Werner Häußner)

Wenn mit dem Tod alles aus ist, wenn sozusagen das Licht des Bewusstseins ausgeknipst wird und die komplexen Moleküle des menschlichen Körpers in ihre einfachen Bestandteile zerfallen, dann ist Kurt Wilhelms szenische Moritat vom „Brandner Kaspar“ irrelevant und „das ewig‘ Leben“ eine leere Projektion. Wenn aber doch was dran ist an den Jenseitsüberzeugungen der Menschheit, dann haben wir mit dem bayerischen Volksstück eine höchst reizvolle Variante des Themas auf den Brettern, die in diesem Fall nicht nur die Welt, sondern auch den Himmel bedeuten.

Am Mainfrankentheater Würzburg lässt die Inszenierung von Intendant Markus Trabusch nicht den geringsten Zweifel aufkommen: Nicht am Tod, dessen bittere Realität wohl niemand in Frage stellen dürfte, aber auch nicht am Himmel, dessen bayerisch-barocke Ausformung die Bühne von Isabelle Kittnar schon im freskohaften Rahmen behauptet, um sie dann im bonbonfarbenen überirdischen Gewölk sinnenfroh vor Augen zu stellen. Trabusch hat eine eigene Fassung des auf einer Geschichte Franz von Kobells basierenden Schauspiels erarbeitet und von seiner früheren Wirkungsstätte Augsburg über den Weißwurst-Äquator in den Norden, nahe an die preußischen Grenzgefilde nach Würzburg transferiert.

Das verursacht gewisse Probleme, denn so ohne weiteres können sich die altbairischen Stammesteile nicht mit den erst vor 200 Jahren dazugekommenen fränkischen Neubayern verständigen. Und das Würzburgische mit seinen helleren Vokalen und verkürzten Endungen hat mit den dunklen Doppelvokalen des Südens mit seinen „oi“ und „oa“ wenig am Huat. Der dürre Gesell, der dem Brandner Kaspar die Nachricht bringt, er habe nun ins Paradies aufzufahren, ist am Main eben bloß der „Dod“ und nicht etwa ein bayerischer „Boanlkramer“.

Dennoch: Die Schranke des Verstehens senkt sich nicht wegen der Dialektfärbung, die zum Stück gehört wie das Wienerische zum Nestroy, sondern wegen der eklatanten Schwächen der Artikulation, die das erste Bild des Stücks, die Hirschjagd eines „Preußen“, im Nebel der Laute unkenntlich werden lassen. Nun gehört es leider schon länger nicht mehr zum eisernen Handwerkszeug der Bühnenmenschen, in jedem Tempo und in jeder Lage einwandfrei artikulieren zu können. Aber diesmal war dieser Mangel noch störender als im klassischen Bühnendeutsch.

Eine wohltönende Ausnahme macht Eberhard Peiker als Brandner. Wenn ihn mit einem Schuss am Ohr auch ein Hauch des Todes streift, nutzt er in schlitzohriger Wehleidigkeit die Situation gleich zu seinem Vorteil – eine Art, mit der sich der verarmte und von einem geschäftstüchtigen Bürgermeister (Hannes Berg) bedrängte Hütteneigner bisher und auch fürderhin zu wehren versteht. Die Methode kommt ihm zupass, als er den schrullig-unheimlichen Gebeinekrämer erst mit Hilfe von wärmendem Kirschgeist nachgiebig macht und dann mit Hilfe eines gezinkten „Gras Ober“ im Kartenspiel übers Ohr haut.

18 Jahre Zuschlag holt sich der geschickte Brandner Kaspar heraus. Bis zum Neunzigsten will er – dem Beispiel seines Großvaters folgend – auf Erden weiterwandeln. Das klappt, der schwarzkluftige Paradieseskärrner gibt sein Ehrenwort – und Tjark Bernau weckt –wie 2013 schon in Augsburg –  mit einer glaubwürdigen Mischung aus Naivität, trauriger Einsamkeit und resigniertem Nachgeben vor so viel Lebenssaft fast ein wenig Mitleid mit dem betrogenen Diener höherer Mächte.

Lange genießt der Brandner das zugesicherte Leben freilich nicht, denn er rechnet nicht mit der Macht des Schicksals und mit dem „Energieausgleich“ im Universum. Und auch nicht damit, dass seine offene Rechnung jemand bezahlen muss, dem er es am allerletzten gegönnt hätte. Auch der Kirschgeist hilft nicht mehr recht, als statt seiner die über alles geliebte Enkelin Marei – Helene Blechinger ist ein klarstimmiges Madel, hell in Klang und Seele – sich im Vorhof des Himmels einfinden, auf Erden aber als Opfer eines Bergunfalls beklagt werden muss.

Diesen Himmel gestaltet Isabelle Kittnar in denkbar größtem Kontrast zum irdischen Jammertal: Wo drunten der schwarze Schattenriss einer schiefen Hütte dräut, sich der Brandner und sein Gast im gar nicht heimeligen Licht einer trüben Funzel treffen, herrscht oben heitere Helle, staffeln sich die Wolken bunt und lebensfroh hintereinander. Das Personal ist von Kostümbildnerin Katharina-Maria Diebel statt in bäuerlicher Tracht in transzendiert bayerische Gewandungen gehüllt. Ob in weiß-blaue Rauten wie der goldgeflügelte Erzengel Michael (stets korrekt auf Recht und Gesetz pochend: Albert Weilguny) oder in einen legeren Morgenmantel wie der Himmelspförtner Anton Koelbl oder mit blonden Locken, nackten Füßen und Lederhöschen wie die beiden in dieser Fassung ziemlich funktionslosen Engel – der jenseitige Ort strahlt freundliche Gelassenheit aus, trotz des eilfertigen, in nördlichem Idiom schnarrenden Alexander Darkow, der dort unten den jagenden Preußen, hier aber einen korrekt organisierten himmlischen Adjutanten gibt.

Nach der zähen Exposition kommt das Stück in Gang; Markus Trabusch lässt dem Dialog zwischen dem Tod und dem lebenshungrigen Brandner Zeit, sich zu entwickeln. Dem Geburtstagsfest hätte ein herberer Zuschnitt gut getan; die untergründigen Spannungen, die nur halb ausgesprochenen alten Konflikte und aktuellen Verdächtigungen könnten eine Atmosphäre schaffen, die sich in Richtung eines Bauerndrama bewegt, hätte etwa der Bürgermeister seine abgründige Seite nicht mit folkloristischer Klischierung verklebt. Aber die – dazu erfundene – Figur der alten Tante Theres bringt einen wichtigen Aspekt ins Spiel: die Stimme „der Leut‘“, diese kollektive Wahrnehmung, die sich aus Halbinformation, Vorurteil und neugieriger Beobachtung ihre eigene Wahrheit mischt. Barbara Schöller hätte überzeugender Fränkisch gesprochen, aber ihre Gabe, mit Wort und Geste Nuancen auszudrücken, zeugt von großer Theatererfahrung und -lust.

Manche Tendenz zum Klamauk wäre verzichtbar gewesen, am Ende aber bewegt es doch, wenn der Brandner die Rückfahrkarte aus dem Paradies nicht mehr einlöst und seinen schwarzen Fuhrmann alleine auf die Erde hinabfahren lässt. Das Paradies, ein überhöhtes Bayern mit allen lieben Menschen, die der Brandner auf Erden vermisst hat, und mit allen weniger geliebten, die ihn geläutert begrüßen, ist doch die schlechteste Vorstellung nicht – ob Utopie, Projektion oder echte Hoffnung. Und die Barmherzigkeit der himmlischen Trinität mit den Eskapaden des Brandner würden wir, wenn wir unser Leben ungeschönt betrachten, doch einst gerne auch in Anspruch nehmen.

Werner Häußner

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