Wolfgang Amadeus Mozart: LE NOZZE DI FIGARO, Salzburger Festspiele 2015 EuroArts

by ac | 20. Dezember 2016 12:35

Wolfgang Amadeus Mozart: LE NOZZE DI FIGARO, Salzburger Festspiele 2015 EuroArts

High-Definition Sensation: Erste Oper in 4K Ultra HD 

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Der Mitschnitt einer szenisch geglückten, musikalisch gediegenen Aufführung von „Le nozze di Figaro“ von den Salzburger Festspielen 2015 in der Regie von Sven-Eric Bechtolf ist soeben – als Oper überhaupt zum ersten Mal in der Tonträgergeschichte – im Format Ultra HD Blu-ray in 4K-Auflösung mit DTS 5.0 Surround-Sounds und einer PCM 2.0 Tonspur im Handel erschienen. Niemand muss Ingenieur sein, um die qualitativen Vorzüge dieser Opernaufführung zu Hause genießen zu können, vorausgesetzt, er verfügt über einen Allroundplayer mit 4K Ultra HD Funktion.  Die UHD Blu-ray ist überdies mit einem digitalen Opernführer ausgestattet, der vor allem spritzige Kommentare des Regisseurs Sven-Eric Bechtolf enthält. Die Pop-up Fenster in Form antiquierter Buchseiten am linken und rechten unteren Bildschirmrand sind aber gewöhnungsbedürftig. 

Um es gleich vorwegzunehmen, der Sprung von Blu-ray zu 4K Ultra HD ist nicht ein qualitativer Quantensprung in der gleichen Dimension wie von der normalen DVD zur Blu-ray. Aber dennoch eine hochinteressante evolutionäre Weiterentwicklung, der Erfolg zu wünschen ist. Wenn noch dazu die Filmregie (Tiziano Mancini) stimmt und eine Aufführung gefilmt wurde, die ein kluges ästhetisches Bühnenkonzept samt grandiosen Kostümen (Mark Bouman) mit durchwegs guten Sängerleistungen verknüpft, dann ist so einen Neuerung wirklich ein Grund zum Feiern. Das machen ja auch die Protagonisten am Schluss des vierten Aktes im Glashaus des Grafen….

Dabei ist das genreartig putzige Bühnenkonzept von Alex Eales alles andere als einfach auf Film zu bannen. In den ersten drei Akten und Bechtolfs Regie sind verschiedene Konstellationen des  hyperrealen englischen Landhauses aus den 20-er Jahren à la „Ebener Erde und Erster Stock“ von Nestroy als Aufschnitte mit simultanen Spielebenen zu sehen. Von Figaros Schlafzimmer, Bad, Treppenhaus, gräflichem Gemach, Weinkeller bis zum Speisesaal, „Downton Abbey“ pur für die Opernbühne adaptiert und nun wieder ins TV zurücktransferiert. Wie bei der Salzburger „Cavalleria rusticana“ und „Bajazzo“ mit Jonas Kaufmann kann dieses Konzept aufgrund der raschen Schnitte und der szenischen Überfrachtung den Zuschauer (anfangs) überfordern und von der Musik ablenken. Für  einen vom Schauspiel kommenden Regisseur wie Bechtolf bietet diese Idee allerdings eine ideale Spielwiese, seine Sicht der Personen, ihr Zu- und Gegeneinander, ihre Liebe, Sehnsüchte und Ängste in dramatische Miniaturen zu gießen. Bechtolf wertet Nebenfiguren wie Barbarina oder den Gärtner dramaturgisch auf, und löst das verflochtene Kuddelmuddel des Personals im Stück als zeitlose Parabel menschlicher Affekte und erotischer Irrungen und Wirrungen virtuos auf. Ewiges Welttheater über Fragen der Generationen, von Macht und deren Missbrauch, der Geschlechter zueinander, von Arm und Reich, Diener und Herren. Da darf schamlos durchs Schlüsselloch geschaut, intrigiert, verkleidet, geflirtet, bezirzt und geliebt werden. Die „Bösen“ (der Graf, Marcellina) sind dabei gar nicht so schlimm wie sie scheinen, die Guten auch nicht ganz von Berechnung und Opportunismus frei.

Sängerisch ist die Welt in diesem Figaro in Ordnung. Mit Ausnahme von Carlos Chausson als Don Bartolo und Ann Murray als Marcellina ist es eine durchwegs junge Besetzung. Allesamt filmreif, singen und spielen sie nicht nur ihre Rollen, Arien und Ensembles voller Passion und schauspielerischer Finesse, sondern bilden wirklich so etwas wie ein aufeinander abgestimmtes Ganzes. Mozart ist sicherlich ein Komponist, für den es genug erste Sängerinnen und Sänger gibt. Dass aber nicht alle guten Sänger heute über ein markantes Timbre oder eine einzigartige Bühnenpräsenz verfügen, ist auch kein Geheimnis mehr. Ich verstehe allerdings nicht ganz, warum das Grafenpaar und Figaro und Susanna derzeit oftmals von denselben Interpreten wahlweise gesungen werden. Da gibt es doch einen wesentlichen Fachunterschied. Ein Kavaliersbariton à la Graf oder Don Giovanni ist eben klanglich kein Leporello oder Figaro. Eberhard Wächter, Cesare Siepi oder Fischer-Dieskau wäre es nicht in den Sinn gekommen, zu den Dienerfiguren zu wechseln. Ebenso sind Erich Kunz oder Walter Berry beim Figaro geblieben. So gut Luca Pisaroni vom Typ her die Rolle des Grafen erfüllt, als Figaro hat er mir besser gefallen. Adam Plachetka ist daneben ein schon fast raumsprengender Figaro, prächtigst bei Stimme und ideal die Balance zwischen Rebell und Duckmäuser erfüllend. Anett Fritsch ist eine sehr attraktive, moderne Gräfin, die ihren Part tadellos singt. Eine klassische Figaro-Gräfin ist sie aber nicht, dafür fehlen etliche Dezibel und in der Mittellage die nötige Fülle. Martina Jankovà ist stimmlich eine Idealbesetzung als Susanna, voller Charme und quirliger Tatkraft. Margarita Gritskova bringt für den Cherubino sowohl Ausstrahlung als auch den forschen Ton mit. Paul Schweinester darf als große Zukunftshoffnung gelten. Was er aus der undankbaren Rolle des Don Basilio macht, ist wirklich in jeder Hinsicht außerordentlich. Außerdem hat der Mann eine immense Bühnenpräsenz. Christina Gansch als Barbarina spielt den frühreifen Tollpatsch, Eric Anstine einen attraktiven Gärtner und Franz Supper einen kreuzbraven Don Curzio.

Die Wiener Philharmoniker klingen prächtig wie eh und je, allerdings kann Dirigent Dan Ettinger nicht immer die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben wahren. Das ist ein musikalisches (vielleicht auch schlagtechnisches) Manko, das besonders in manchen Ensembles erheblich stört.

Fazit: Diese Veröffentlichung von ‚Le nozze di Figaro‘ könnte ein Vorreiter auf dem Klassikmarkt der audiovisuellen Produktionen sein. Die Aufführung ist szenisch kurzweilig und sängerisch erfreulich. Ein weiterer Meilenstein in der Figaro-Rezeption, einem immerhin 230 Jahre alten Stück ohne jeglicher Patina. Die Aufführung ist auch als normale Blu-ray Disc erhältlich.

Dr. Ingobert Waltenberger

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