Der Neue Merker

WIESBADEN: TANNHÄUSER unter dem neuen GMD Patrick Lange

Tannhäuser in Wiesbaden mit dem neuem GMD Patrick Lange
Aufführung vom 24. 11. 2017

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FOTO: Monika und Karl Forster    Lance Ryan im 3. Akt  

Bei den Meistersingern und beim Tannhäuser sind autobiographische Tendenzen des Komponisten erkennbar. In beiden Werken geht es um die Konfrontation zwischen der traditionsbewussten, konservativen Kunstform und einer, feindlich ablehnenden, neu ausgerichteten Ausdrucksform.
Die Regie hat diese Gedanken größtenteils in transparenter Darstellung umgesetzt, wobei man einige Szenen hinterfragen muss.

Verantwortlich waren, der Intendant und Regisseur: Uwe Eric Laufenberg, für die Bühne: Rolf Glittenberg, für das Licht: Andreas Frank, Video: Gerard Naziri, Falko Sternberg und Dramaturgie: Regine Palmai.

Bei Beginn, während der Ouvertüre, sehen die Zuschauer im Publikum und einige Statisten auf der Bühne einen Film, der anfangs mehrmals den Pabst bei seinen Ansprachen zeigt, aber kurze Zeit später in rasanter Abfolge katastrophale,  weltpolitische Ereignisse zu sehen sind, das die interessierten Zuschauer auf der Bühne mit großer Empörung kommentieren und sich ihrer Kleidung entledigen und erotisches Handeln imitieren. Die Botschaft, die sich hinter dieser Szene verbirgt, ist eine eindringliche Warnung, dass der Kodex über das sexuelle Verhalten in der Gesellschaft, grundsätzlich zum privaten Spektrum des Menschen gehört, aber der machtpolitische Missbrauch mancher Religionsführer großes Elend und Leid herbeiführen kann. Wenn die sexuelle Freiheit des Menschen in der Gesellschaft auf Widerstand trifft, kann es leicht zur Eskalation kommen, wie im zweiten Akt bestätigt wird, bei den Worten der Wartburggesellschaft: „In seinem Blute netzt das Schwert“.
Die in einem Glaskasten liegende Person, eventuell Maria, die sich plötzlich bewegt, wenn ihr Name musikalisch erwähnt wird, könnte eine Metapher darstellen und ist nicht handlungsrelevant, ebenso das durchsichtige Zelt im dritten Akt, wo Wolfram von Eschenbach sein Zuhause hat. Unter dem übergroßen Kreuz auf der Bühne haben fast alle beteiligten Personen in unterschiedlicher Form zu leiden.
Im zweiten Akt, der in einem großen Raum spielt und als Einheitsbild für alle Akte dient, findet ein Kostümfest mit mittelalterlicher Ausstattung statt.

In allen drei Akten erklingen die Motive der Venuswelt, diese werden szenisch durch die teilweise hüllenlose Gesellschaft kommentiert. Dabei fällt allerdings eine schwarz gekleidete mit Maske versehene Frau auf, die eine Mutation der Elisabeth darstellen könnte. Denkbar wäre es, weil die junge Elisabeth auch venushafte Eigenschaften besitzt. So ist auch erklärbar, warum Elisabeth die Avancen des tugendhaften Wolfram von Eschenbach abweist.

Beeindruckend allerdings der Schluss des dritten Aktes. Elisabeth entkleidet sich und geht, langsam schreitend, von der Bühne ab und lässt die Besucher über ihre Zukunft im Unklaren. Anders verhält sich das Ende des Tannhäuser. Tannhäuser versteht sich als unstetiger Wanderer, immer auf der Suche nach einem Ort, wo er seine künstlerische Form verwirklichen kann. Er schreitet auf eine hell anmutende Landschaft zu, die für ihn in eine positive Zukunft münden könnte. So kommt es nicht, wie beispielsweise im neuen Tannhäuser in München, zu einer Tristan ähnlichen Vereinigung.

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Foto: Monika und Karl Forster  

Musikalische Interpretation erstmals mit dem neuen GMD Patrick Lange

Patrick Lange, gern gesehener Gast in der Semperoper in Dresden und in der Wiener Staatsoper, versucht mit dem Orchester einen neuen Klang zu entwickeln, welcher dem Staatstheater Wiesbaden angepasst ist, um den akustischen Gegebenheiten wegen des kleineren Volumen im Zuschauerraum gerecht zu werden. So versucht er, die einzelnen Orchestergruppen einheitlicher zu gestalten und transparenter zu machen. Das ist von der Idee richtig, wird aber bis zur endgültigen Verwirklichung noch viel Zeit und Geduld benötigen.
Im Tannhäuser hat Herr  Lange Teile der Komposition aus den unterschiedlichen Fassungen (Pariser Fassung, Wiener Fassung) übernommen, vor dem Hintergrund einer für das Haus relevanten musikalischen Ausrichtung. Nicht Ernst zu nehmen sind die Aussagen einiger Besucher, die schon von einer „Wiesbadener oder Patrick Lange Fassung“ sprechen.

Man kann dem Staatstheater Wiesbaden für die Verpflichtung von Patrick Lange gratulieren und dem GMD wünschen, dass er seine Ideen erfolgreich umsetzen kann.

Das gesamte Ensemble mit Chor und Extrachor übertraf die Erwartungen

Die weiblichen Hauptfiguren, Elisabeth (Sabina Cvilak) und Venus (Jordanka Milkova), konnten mit makelloser Stimmführung ebenso überzeugen, wie Wolfram von Eschenbach (Benjamin Russell) mit seinem lyrischen Ausdruck.
Die Interpretation der Hauptfigur ist für jeden Heldentenor eine große Herausforderung. Angesichts dieser Tatsache, muss man die Leistung von Lance Ryan loben, obgleich er Defizite im Pianobereich und in der variablen Stimmführung aufzuweisen hat. Herr Lance Ryan hat mit seinem “Peter Grimes” an diesem Hause das Publikum durch seine stimmliche und darstellerische Glanzleistung beeindruckt, ebenso schnörkellos und ausdruckstark ist sein Herodes an der Semperoper in Dresden. Die Frage steht im Raum, warum es immer die stimmlichen Schwergewichte von Richard Wagner sein müssen.

Bei manchen Chorszenen unter der Leitung von Albert Horne, war allerdings zu bemängeln, dass scheinbar sehr weit hinter der Bühne gesungen wurde, was zu verminderter Akustik für die Besucher führte.

Die nächsten Vorstellungen: 3.12 und 17.12. 2017

Franz Roos

 

 

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