Der Neue Merker

WIESBADEN/ Staatstheater: BORIS GODUNOW (vieraktige Fassung mit Prolog). Premiere

Staatstheater Wiesbaden, Mussorgsky: Boris Godunow (vieraktige Fassung mit Prolog) am Karfreitag, den 25.März 2016 PREMIERE

Monika Bohinec (Marina) (c) Karl-Bernd Karwasc
Monika Bohinec (Marina). Copyright: Karl Bernd Karwasz

In Kooperation mit dem Staatstheater Darmstadt – beide Chöre und die Produktion wurden zusammengelegt- riskiert man in Wiesbaden den Kraftakt, Boris Godunow in (fast) voller Länge aufzuführen. Nur noch selten bekommt man den musikalisch so reizvollen Polen-Akt zu hören.

Das 4 ½ stündige, kantige Großwerk wird manchem im Publikum zu lang- nach den beiden Pausen bekommt das Parkett gefährliche Geheimratsecken. Denen, die bleiben, ist eine ergreifende Sterbeszene und ein flammendes Revulutionsbild in hörbarer Erinnerung.

Die Inszenierung bedient sich leider wahllos aller ästhetischen Mittel ohne eine stringente Personenregie erkennen zu lassen. Regisseur CHRISTIAN SEDLMAYER, der auch ein ziemlich geschmackloses Bühnenbild mitverantwortet, entscheidet sich nicht, ob er soziale Anklage, pompigen Kitsch, derben Realismus oder märchenhafte Sage auf die Bühne bringen will. Genauso unentschlossen wirken die Kostüme von CAROLINE VON VOSS zwischen Viebrockschen Arbeitskleidern, monochromen Dienstmädchen- Uniformen und pelzigem Bojaren- Outfit.

Mit den Sängern kann die Regie wenig anfangen, doch einige retten sich hervorragend aus der Beliebigkeit.

Ein subtiles und psychologisch geschliffenes Rollenportrait gelingt SHAVLEG ARMASI als Boris.

Mit mutigen, auch leisen Farben und großer Konzentration baut er den Zaren vom machthungrigen Herrscher zum winselnden, sterbenden Mörder ab. Seine eigen timbrierte Bassbaritonstimme steht ihm dabei souverän in allen Extremen bei.

Stimmlich großartig ist der strömend schwarze Bass von YOUNG DOO PARK als Pimen. Eine solch samtige, warme und uneingeschränkte Stimme hört man gerade im seriösen Bassfach heute allerwelts sehr selten. MONICA BOHINEC charaktervoller Mezzosopran als Marina bringt sich vielleicht etwas zu gleichförmig im Mezzoforte ein, aber mit Kraft und Aussagewillen. Die Behandlung der russischen Sprache ist beim Dimitrij von RICHARD FURMAN in miserabler Obhut, aber sein strahlender Tenor ohne jede Höhenbegrenzung macht hoffen, dass eingehendere Beschäftigung mit der Materie ihn inhaltlich noch weiterbringen möge.

Der Jesuitenmönch Rangoni wird von THOMAS DE VRIES herrlich intrigant gespielt und dominant gesungen. ALEXANDER FEDIN als Schuiski agiert defensiv mit slawisch sicherem, angenehmen Tenor. Die Zarenkinder Xenia und Fjodor überzeugen mit frechem Spiel und jungen Stimmen (STELLA AN, ULRIKA STRÖMSTEDT). Ihnen zur Seite steht der dunkle Alt von HELENA KÖHNE.

Wenig Appeal besitzt leider CELESTE HAWORTH als Schankwirtin, so dass das Spiel mit ANDREAS WELLANO mehr als unnatürlich und aufgesetzt wirkt. Der Warlaam wird von WOLF MATTHIAS FRIEDRICH offensiv mit Spiellust über die Rampe geschossen, mehr im Sprechgesang als mit stimmlicher Autorität. Schönstimmiger ist da sein Klosterkollege Missail MINSEOK KIM.

Mit tenoralem Timbre singt eher empfindsam, liedhaft BENJAMIN RUSSELL den Schtschelkalow. Die kleinen Partien sind solide besetzt. (KYUNG IL KO, JOCHEN ELBERT, STANISLAV KIROV). Einen warmen, kurzen Schlussauftritt hat BENEDIKT NAWRATH als Narr.

Die beiden Chöre aus Darmstadt und Wiesbaden klingen homogen und voll. Auch bringen sie sich, sofern die Regie Einzelaktionen zulässt, engagiert in die große Choroper ein. (Leitung A.HORNE, T.EITLER DE LINT ).

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden spielt konzentriert, wobei der allererste Klarinetteneinsatz verdächtig tiefer intoniert als der bereits spielende andere Holzbläsersatz. Solche Trübungen müssten bei besserem Einstimmen nicht passieren. Im Verlauf der langen Oper jedoch pegelt sich der Klang zunehmend ein und man kann von einer geschlossenen Leistung sprechen. GMD ZSOLT HAMAR scheint dass Stück erst kennenzulernen. Zu uninspiriert lamentiert er die Tempi meist einheitlich vor sich hin. Es fehlt die persönliche Aussage, entschlossene Kraft und riskanter Mut, um diese stämmige Partitur zu mussorkskischer Wucht werden zu lassen.

Man kann den Abend dennoch in jedem Fall empfehlen. Gerade manche Sängerleistungen machen wieder einmal deutlich, dass Wiesbaden momentan eine Opernreise wert ist.

Das Auditorium dankt nach der gewaltigen Gesamtleistung herzlich.

Christian Konz

 

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