Der Neue Merker

WIESBADEN: SIEGFRIED. Szenische Einfalt mit sängerischen Lichtblicken. Premiere

Szenische Einfalt mit sängerischen Lichtblicken
Siegfried-Premiere am 02. April 2017
Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Wagners „Ring“-Tetralogie in nur einer Spielzeit zu stemmen, bringt jedes Theater an seine Leistungsgrenze. In Wiesbaden mittlerweile nun aber zu deutlich darüber hinaus! Eine derart unfertige Produktion mit vielerlei Fehlern behaftet, ist kein Ruhmesblatt für dieses Theater!

Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der „Ring“-Tetralogie als Reise durch verschiedene Zeitebenen konzipiert, erreichte nun also die Gegenwart. Aha. Nun also „Siegfried“ als aktualisierte Deutung. Wahrlich kein neuer szenischer Gedanke, ja letztlich sogar eher gestrig anmutend, zumal dem inszenierenden Hausherren nicht wirklich eine überzeugende Arbeit gelang.

Mimes Küche befindet sich in einem Elendsviertel. Im Hintergrund sind unzählige Autoreifen zu sehen. Warum? Das weiß allein Herr Laufenberg, denn außer der Bildinformation wird dieses Detail im Spiel nicht erklärt. Sicher, es gibt viel zu sehen, vielerlei Videoschnipsel (ja, Herr Trump ist auch wieder dabei!) und gelegentlicher Aktionismus, der sich für mich nicht, zu einem schlüssigen Gesamteindruck formte. Letztlich erzählte Laufenberg wieder brav die Geschichte. Siegfried kommt nicht mit einem Bären auf die Bühne, sondern mit einem jungen Punker! Aha. Der Wanderer bebildert seine Antworten mit Videokassette, Notebook und dann mit einem I-Pad. Endlich also ein neues Spielzeug für „Siggi“, der sich nun zum Computer-Nerd entwickelt.

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Andreas Schager als Siegfried (Foto: Karl & Monika Forster)

Natürlich gibt es in dieser Deutung keine Natur, nur kurze Videoverweise darauf. Diese werden derart überreich eingesetzt, z.T. visuell eher auf Hobby-Niveau realisiert, so dass sie vielfach als Verlegenheitslösung für den szenischen Leerlauf herhalten müssen. Früher war es das Trockeneis und heute also Videosequenzen für szenische Einfalt.

Der 2. Aufzug zeigt eine große, goldene Mauerrückwand à la Fort Knox. Da Siegfried hier als Computer Nerd gezeichnet ist, gibt es denn Drachenkampf als Videospiel. Gähn!  Nach dem „Drachenkampf“ hat Siegfried sein Äußeres verändert und erscheint nun als eine Art Yuppie-Banker. Eine ähnliche Blitz-Metamorphose zeigte bereits und dies wesentlich überzeugender, Christine Mielitz in Meiningen (2000). Auch hier, wie leider zu oft bei Laufenberg, der große Auftritt der Statisten als applaudierendes Bankervolk. Dazwischen ein Filmteam mit aufgekratzter Interviewerin, die Siegfried befragt. Lächerlich!

Es wird deutlich im Laufenberg „Ring“: Natur und Mythos haben keinen Platz, alles wirkt gegenwärtig und dadurch vielfach banal. Ein „Ring“ also aus VersatzStücken vieler früherer Inszenierungen. Hier ein wenig Chérau, dort etwas John Dew oder eben Mielitz. Das ist zu simpel und einfach viel zu wenig. Da nützen dann auch plumpe Regietheater-Gags nichts, wie die völlig unnötige und blödsinnige Unterbrechung des 2. Aufzuges für mehrere Sekunden, um die 12jährige Schaffenspause Wagners an der Partitur zu „illustrieren“! Schulmeisterlicher gehts nimmer…….!

Gerade im direkten Vergleich der jüngsten Premieren am Hessischen Staatstheater, wie z.B. „Peter Grimes“ oder „Eugen Onegin“, enttäuschte diese äußerst dürftige szenische Arbeit, die überdies auch in den Gängen und Interaktion außerordentlich viel Beiläufiges, wie bei einer Probe, zeigte.

Mit Andreas Schager stand der gegenwärtig gefragteste Siegfried-Interpret auf Wiesbadens Bühne. Nach Dauer-Siegfried Lance Ryan, nun also allerorts Andreas Schager. Die Mühelosigkeit und Erlebnisfreude, mit welcher Schager diese Mammutpartie sang, waren hoch erfreulich. Kraft und Ausdauer gab es bei ihm im Übermaß. Es ist gar nicht notwendig, dass er da zusätzlich, wie selten geschehen, noch zusätzlich auf die Stimme drückt. Darunter litt gelegentlich die Intonation. Aber seine Totalidentifikation mit der Rolle und die Mühelosigkeit nahmen ungemein für ihn ein. Auf der Strecke blieben jedoch die Piano-Färbungen, von denen Schager viel zu selten Gebrauch machte. Verschwiegen sei auch nicht, dass er dass hohe C bei seinem Auftritt nicht sang. Was mich jedoch sehr verwunderte, waren seine außerordentlich vielen Textfehler. Hier sollte Schager sich schnellstens mit dem Klavierauszug befassen und die Partie neu studieren. Denn das waren viel zu viele Hänger!

Matthäus Schmidlechner, der seinen Mime ganz aus dem Musikalischen entwickelte, wirkte erstaunlich farblos als Figur. Er sang sehr mühelos, jedoch leider auch viel zu eintönig. Viele Ausdrucksmomente blieben ungenutzt, ebenso die Dynamik, die viel zu selten unter ein Mezzoforte ging. Auch darstellerisch wirkte er vor allem im 1. Aufzug steif und gebremst.  Die Vielschichtigkeit dieser schillernden Figur vermochte er nicht zu vermitteln. Für den Wanderer war Jukka Rasilainen verpflichtet worden. Ein erfahrener Routinier im Wagnerfach, der aber sogar nichts mit der wunderbaren Rolle des Wanderers anzufangen wusste. Langweilig und nichtssagend tönte sein Gesang durchs Haus. Durchaus traf er sicher die Töne, aber es war schon sehr ärgerlich, dass er jegliche Textgestaltung vermissen ließ. Jede Silbe wurde in Einheitslautstärke, z.T. störend näselnd herunter gesungen. Keine Ausstrahlung, keinen Ausdruck…..nichts! Ein Trauerspiel!

Wie beglückend anders wiederum der überaus engagierte und vielschichtige Thomas de Vries als Alberich. Souverän, volltönend und vielschichtig in der Charakterisierung, so muss ein Wagnerscher Rollencharakter angelegt sein.

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 Thomas de Vries als Alberich (Foto: Karl & Monika Forster )

Gerade im Duett mit dem sehr blassen Rasilainen zeigte er, wer stimmlicher Chef im Ring ist! Bei de Vries stimmte jeder Akzent, dabei war er jederzeit bühnenbeherrschend.
Young Doo Park orgelte mächtig als Fafner. Mit unsteter Tongebung war Stella An als kaum verständlicher Waldvogel in der Gestalt eines jungen Burlesque-Mädchens zu erleben.

Alexander Joel am Pult des Hessischen Staatsorchesters sorgte vor allem für einen reibungslosen Ablauf bei deutlich angezogener akustischer Handbremse. Auch hier war wieder das schlanke Musizieren im Mittelpunkt seiner Interpretation. Kein Dröhnen, kein Pathos, leider aber auch kein hörbares Interesse an rhythmischer Finesse. So verpufften die Vorspiele zu den ersten beiden Aufzügen zu blasser und unsicher ausgeführter Begleitmusik. Hinzu kamen doch einige akustische Unfälle im Orchester, fehlendes Zusammenspiel, Schmisse in den Bläsern. Sehr ärgerlich hingegen wieder einmal (Wieso so oft hier in Wiesbaden bei Wagner?) die vielen Schmisse im Schlagzeug! Bei Mimes Angstvision, ebenso in den Finali 1 und 2 fehlten immer wieder Becken und Triangel. Dabei ist das Schlagzeug akustisch besser in einer der Logen aufgestellt. Wenn die Musiker dabei aber eher in der hintersten Ecke agieren, ist das klanglich sehr kontraproduktiv! Die Fortissimo-Beckenschläge am Ende des 1. Aufzuges verpufften matt, schüchtern und nahmen diesem rauschenden Finale viel an Wirkung.
Leider also viel zu viele Konzentrationsfehler, im Orchester ebenso oft auch bei den Sängern. Vor allem Mime und Siegfried sangen rekordverdächtig viel falschen Text. Insgesamt wirkte diese Einstudierung reichlich unfertig.

Kein großer Wurf und zu viel Ärgernis, so dass ich mich nach dem 2. Aufzug geschlagen gab und wie andere Zuschauer auch, den Abend lieber in der lauen Frühlingsluft beendete, als mich weiter zu ärgern. Aber vielleicht überzeugt die nahende „Götterdämmerung in wenigen Wochen mehr.

Dirk Schauß

Anmerkung der Redaktion: Wo ist Brünnhilde? Der Rezensent hat die Vorstellung nach dem 2. Akt verlassen, demnach entzieht sich Brünnhilde Sonja Gornik seinen Beobachtungen.

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