Der Neue Merker

WIESBADEN: SIEGFRIED. Premiere

Wiesbaden: „SIEGFRIED“ – 02.04.2017 Premiere

Zum 2. Tag Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ am Hessischen Staatstheater legte Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg die Handlung des „Siegfried“ in gegenwärtige Zeitnähe und erzählte die Geschehnisse realistisch ohne unsinnige Verfremdungen in optisch ansprechender Ästhetik.

Matthäus Schmidlechner- MIME Jukka Rasilainen-WOTAN (c) K+M Forster
Matthäus Schmidlechner (Mime), Jukka Rasilainen (Wanderer). Foto: M+K Forster

Die Bühnenausstattung (Gisbert Jäkel) zeigt Mimes Höhle in einer Mischung aus Küche und Rumpelkammer.  Fafner hütet den Nibelungenschatz in einem hochgesicherten Bankhaus dessen Eingangscode Siegfried spielend per Tablet knackt, Direktor Fafner meuchelt, den Chefsessel einnimmt und die Belegschaft übernimmt. Nach Entnahme von Ring und Tarnhelm wurde der Trakt verschlossen, per Video die Waldszene mit rauschendem Bach wunderbar naturalistisch projiziert. Erda und Wotan führen ihren Dialog vor der ramponierten Walhalla-Statue in welcher Brünnhilde bis Siegfrieds Erweckung schlummert. Passend zum Konzept die zeitgenössischen teils  eleganten Herren-Ausstattungen  (Antje Sternberg), Brünnhilde in duftigem Weiß, Erda wallend in Blautönen. Beste Video-Adaptionen und ein stimmungsvolles  Lichtdesign (Falko Sternberg, Andreas Frank) steuerten zur  wirkungsvollen Bühnen-Atmosphäre bei.

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden ging unter der Leitung von Alexander Joel hoch konzentriert und motiviert zu Werke. Ein Wagner wie er gespielt werden sollte: da flirrten die Streicher, zirpten die Harfen, es summte und brauste in behänder und präziser Leichtigkeit, die Schmiedelieder  polterten in klirrender Form. Joel gelangen wunderschöne eindrucksvolle Momente doch konnte er sich leider nicht immer  auf seine akkuraten  Bläserfraktionen verlassen, da ging so manches Instrument auffallend besonders im dritten Aufzug eigene wenig schmeichelhafte  Wege, auch Siegfrieds Horn war leicht verstimmt. Wirkte so mancher Passagen-Ablauf orchestral dominant überforciert, gelang dennoch trotz meiner Einwände, ein orchestral qualitativ solventer Gesamteindruck.

Als Siegfried unserer Tage dürfte Andreas Schager gelten, sein Tenor verfügt über ein unermessliches Kräftereservoir und sang die anspruchsvolle Partie vom ersten bis letzten Ton in ungebrochener Strahlkraft, dass es dem Hörer Angst und Bange wurde. Sehr beweglich agierend, frisch frei drauflos schmetternd, in vorbildlicher Artikulation dürfte man den smarten, sympathischen Sänger als Ideal-Jung-Siegfried bezeichnen. Bleiben für mich trotz mächtigem, metallischem Höhenpotenzial, der kräftigen klangvollen Mittellage bezüglich der Legatokultur und Piani einige Wünsche offen, stimmen  bedenklich ob jene vokale Tour de Force den Stimmbändern auf Dauer dienlich sei?

Großartig in agiler Spielfreude gesellte sich zum Ziehsohn der jugendliche Mime, man könnte beide für Zwillinge halten und Matthäus Schmidlechner führte sein schlank geführtes, hell strahlendes farbenreiches Material in nuancierte Charakterregionen ohne die sonst gewohnten larmoyanten Untertöne. Auch ihm durfte man, wie allen Herren eine in jeder Lage vortreffliche Wortbehandlung  testieren.

Seine immense Bühnenpräsenz als Wanderer unterstrich Jukka Rasilainen mit markig, kernig und strahlkräftigem geführtem Bass-Bariton sehr differenziert während der Rätselszenen des ersten Aufzugs, auftrumpfend mit seinem Widersacher Alberich und nuanciert verletzbare Momente im Dialog mit Erda.

Schier volumenreicher, metallischer mit mächtigem Bariton ausgestattet bot Alberich (Thomas de Vries) seinem Erzfeind klanglich-bedrohliche  Paroli. Als Bankdirektor Fafner im Dialog mit Wotan noch per Lautsprecher verstärkt durfte Young Doo Park  im kurzen Gespräch mit Siegfried seinen herrlich strömenden schönstimmigen Bass in natura entfalten.

Die mit Sicherheit schönste weibliche Stimme des Abends durfte man von Bernadett Fodor (Erda) vernehmen. Kultiviert sonor im Tiefenbereich, klangvoll im vokalen Aufstreben des dunkelsamtigen Oberbereichs erinnerte die exzellente Sängerin den ruhelosen Gott daran, dass das göttliche Endspiel verloren ist.

Zwar süß anzusehen, als gerupft-schwarzes Punkvögelchen lispelte sich (Stella An) vibrant und höhenschwach über die Runden.

SONJA GORNIK Brünnhilde ANDREAS SCHAGER Siegfried (c) K+M Forster
Andreas Schager (Siegfried), Sonja Gornik (Brünnhilde). Copyright: K+M Forster

An der erweckten Maid scheiden sich jedoch die Geister, denn Sonja Gornik lehrte als optisch-attraktive, entzückende Brünnhilde nicht nur Siegfried das psychische sondern auch den Rezensenten das vokale Fürchten. Noch etwas schlaftrunken matt wirkte ihr Sopran zu Beginn, schöpfte allmählich  Kraft aus ihrer durchaus angenehmen Mittellage, intonierte jedoch zunehmend forcierte gewöhnungsbedürftige, schlichtweg überforderte  Höhenflüge.

Enthusiastische Begeisterung für Sänger und Orchester, wenige Gegenstimmen für das Produktionsteam.

Gerhard Hoffmann

 

 

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