Der Neue Merker

WIESBADEN: SIEGFRIED – der PC-Freak. Premiere

Staatstheater Wiesbaden “Siegfried” Premiere am 02.04.2017

Siegfried der PC Freak

SONJA GORNIK Brünnhilde ANDREAS SCHAGER Siegfried (c) K+M Forster
Andreas Schager, Sonja Gornik  Foto: Karl & Monika Forster

Wagner und besonders der “Ring” zieht auch internationales Publikum an. So war es auch am Premierentag von Siegfried im Staatstheater Wiesbaden, zumal als Siegfried der bekannte Tenor aus Niederösterreich “Andreas Schager” angekündigt war, der übrigens im Jahre 2018 an der Semperoper Dresden unter dem dortigen GMD, Christian Tielemann, in den beiden Ringzyklen, den Siegfried verkörpern wird und dieses Jahr bei den Bayreuther Festspielen den Parsifal singt. 

Das Team für die szenische Darstellung bestand wie im Rheingold und in der Walküre aus den bekannten Namen. Regie Uwe Eric Laufenberg, Bühne Gisbert Jäkel, Kostüme Antje Sternberg, Licht Andreas Frank, Video Falko Sternberg und Dramaturgie Katja Leclerc.

Die Inszenierung erzählt die Handlung in transparenter Form, manchmal auch witzig, aber auch vereinzelt nicht ganz verständlich. Manche szenische Sequenzen waren für einen Teil der Besucher eher verwirrend, weil die Regie einerseits eine neue Sichtweise in die Handlung  einbaute und andererseits, wie im ersten Akt, durch zu lange Videoeinblendungen den Zuschauer zu sehr ablenkte. Man erinnerte sich oftmals an den derzeitigen Ring in Bayreuth unter der Regie von Castorf.

Der erste Akt ist zweigeteilt, auf der Bühnenfläche das gewohnte Bild von Mimes Werkstatt, eine Gerümpelkammer mit Küche, Amboss mit Blasebalg und oberhalb eine Stadt, mehr ärmlich, als luxuriös. Bei den drei Fragen an den Wanderer werden parallel Vergleiche auf Video gezeigt. Für die Götter, den Lichtalben, sah man die oberen Zehntausend, für das Riesengeschlecht, die Architekten mit ihren imposanten Bauten und für das Geschlecht der Nibelungen, die ausgebeuteten Menschen. Für Diskussion sorgte noch die Szene mit dem Bären, der hier von einem Art Rocker dargestellt wurde. Vielleicht eine Anspielung auf die Worte Mimes: “Was bringst Du lebend den Braunen heim”.  

Im zweiten Akt gibt es wunderbare poetische Momente zwischen dem menschlichen Waldvöglein und Siegfried (mit Rastalook) in der Natur, die durch Video eingeblendet wird. Die Überraschung kommt aber bei der Szene mit Fafner, für manche Besucher eher unpassend. Als PC Freak knackt Siegfried mühelos den Code für das Öffnen der Absperrung. Hier sitzt der Bankbesitzer (Fafner Bank) und bewacht den Nibelungenschatz mit dem Ring und dem Tarnhelm. Anschließend übernimmt Siegfried dessen Posten mitsamt Personal und kümmert sich aber augenscheinlich nicht mehr darum. Das soll bedeuten, dass er jetzt reich und mächtig ist, aber es interessiert ihn nicht. Vielmehr ist in ihm die verständliche Sehnsucht nach einem Weibe entfacht. Der Trieb von Macht und Reichtum ist dem Trieb nach menschlicher Beziehung gewichen. Fafners Reich mit den Angestellten steht allerdings im Widerspruch zu seinen Worten. “Ich lieg und besitz”.

Im dritten Akt das gewohnte Bild vom Schluss der “Walküre” mit der berühmten Statue, wo Brünnhilde schon über viele Wochen in einem Tiefschlaf versetzt ist, aber nun endlich von Siegfried wach geküsst wird. Während meist in anderen Inszenierungen die Brünnhilde sich erstmals langsam reckt und streckt, ist sie hier in ihrem weißen Outfit putzmunter und singt an der Rampe in voller Frische ihr “Heil dir, Sonne”. Das ist erklärbar, denn sie musste die lange Zeit im Stehen verbringen. Am Ende verschwindet das neue Liebespaar mit “Leuchtender Liebe, lachender Tod” in die neue Welt, ähnlich wie das Wälsungenpaar in der Walküre mit “So blühe denn Wälsungen Blut”.

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Andreas Schager     Foto: Karl & Monika Forster

Das Orchester des Staatstheaters wieder unter der Leitung von Alexander Joel

Das Orchester hat auch diesmal alle Wünsche erfüllt. Die Abstimmung zwischen den einzelnen Orchestergruppen stimmte, ebenso der lyrische Teil. Hervorragend waren das  “Waldweben” im zweiten Akt und das Liebesduett im dritten Akt, ausgearbeitet. Dass beim Horn nicht immer alles rein war, kann man verzeihen, schließlich kommt das auch bei anderen renommierten Orchestern vor. Das Forte an den exponierten Stellen erfüllte die dramatische Wirkung. Nicht zu vergessen seine Rücksicht auf die Sängerdarsteller.

Außerordentliche sängerische Leistung mit zwei Superlativen

Die Sängerdarsteller sorgten mit ihrer Leistung für ein hervorragendes musikalisches Gesamtergebnis. Mime mit Matthäus Schmidlechner, Alberich mit Thomas de Vries, Fafner mit Young Doo Park, der Wanderer mit Jukka Rasilainen, Erda mit Bernadett Fodor und der Waldvogel mit Stella An. Brünnhilde, Sonja Gornik, war auch diesmal in bestechender Form, mit emotionalem Ausdruck und sicher in den hohen stimmlichen Regionen. Der “Siegfried” wird auch als mörderische Partie bezeichnet und das zu Recht, weil der Sänger stimmlich immer gefordert wird. Andreas Schager bewältigt diese Partie mit Bravour bis zum Schluss und kann beim Liebesduett mit der ausgeruhten Brünnhilde, seine gesanglichen Qualitäten bis zum letzten Ton ohne stimmliche Ermüdungserscheinung gestalten, eine bemerkenswerte Leistung.

Siegfried wäre durchaus für ein jüngeres Publikum geeignet, das bisher mit Wagner nicht allzu viel zu tun hatte. Dabei könnte es möglicherweise erfahren, wie man beispielsweise mit einer App die Sicherheitsanlagen einer Bank knacken kann oder Siegfrieds Horn zum ertönen bringt und ohne Schwerteinwirkung den Riesen Fafner besiegt. Eine Besucherin meinte noch scherzhaft, dass Siegfried jetzt endlich sein Smartphone weglegen sollte und das macht, was für junge verliebte Paare wichtig ist. Viel Zeit bleibt den Beiden nicht, denn schon am 23. April mit der Premiere der Götterdämmerung wird sich zeigen, ob Wotans Wunsch nach der Erschaffung eines freien Helden nur eine utopische Wunschvorstellung war. 

Weitere Termine: 9. und  16. April, und in den beiden Zyklen bei den Internationalen Maifestspielen.

Franz Roos

 

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