Der Neue Merker

WIESBADEN/ Rheingau-Musik-Festival: MÜNCHNER PHILHARMONIKER/ JAN LISIECKI/ VALERY GERGIEV

Wiesbaden / RHEINGAU-MUSIK-FESTIVAL / JAN LISIECKI –

MÜNCHNER PHILHARMONIKER –

VALERY GERGIEV 13.07.2017

Jan Lisiecki-Valery Gergiev (c) Ansgar Klostermann
Jan Lisiecki, Valery Gergiev, Orchester. Copyright: Ansgar Klostermann

In schier zweijährigem Zyklus hatte ich das Vergnügen Jan Lisiecki heute zum dritten Mal zu begegnen. Wie bereits im Jahre 2015 spielte der junge Pianist nun im Kurhaus Wiesbaden das „Vierte Klavierkonzert“ (Ludwig van Beethoven) und offenbarte höchst effektvoll sein meisterhaftes Können in frappierender künstlerischer Weiterentwicklung aufs Neue.

Sehr penibel eröffnete Lisiecki das Allegro moderato mit seiner verträumten romantischen Stimmung in markanter Bravour, unterstrich die eigenwillige Charakteristik des einleitenden Satzes in glitzernden Figurinen. In Fantasie-Art umspielte der Pianist die Themenführung des Orchesters in beeindruckenden Phrasierungen. Sofort wurde mir bewusst welche enorme künstlerische Steigerung dem 22-Jährigen widerfuhr, einfach faszinierend zu erleben seine geschmeidig-runden Melodieführungen, die Extremisierungen des Anschlags auch ganz besonders während der variablen Kadenzen.

Der schwermütigen Charakteristik des kurzen Andante con moto quasi einer Konfrontation von Schicksal und menschlichem Wunschdenken verlieh Lisiecki dem seelenvollen Gesang poetisches Instrumental-Feeling von hohem Rang. Betörend schön schier in weltversunkenem Schmelz und dennoch maskulin-herb erklangen die Passagen.

Lebensbejahung strahlt aus dem finalen Rondo, Schicksal und Mensch erscheinen einträchtig in Harmonie. Vortrefflich übernahm der Pianist die Führung im orchestralen Dialog und vermittelte klangberedetes Musizieren in prächtiger Akzentuierung der markanten Tastenläufe. Engagiert, hochmotiviert in solidarischer Werktreue faszinierte der junge Pianist auf hohem Niveau mit vorbildlichem Können, konzentriert, beherrscht bis in die Fingerspitzen zu verfolgen. Eine Interpretation welche in pointierter Akzentuierung und musikalischer Virtuosität gleichwohl begeisterte.

Ausgezeichnet leitete Valery Gergiev seine Münchner Philharmoniker die einzelnen Instrumentalgruppen kameraartig ins Blick- beziehungsweise ins Hörfeld und schufen eine kontingentiert- treffliche Balance aus orchestraler Transparenz und Stereophonie zum Solisten.

Die große überschäumende Begeisterung blieb natürlich nicht aus. Der natürlich-charmante hochgewachsene Künstler begrüßte das Publikum mit Guten Abend und glänzte mit einer hinreißend, pianistisch-entfesselten Chopin-Zugabe.

Als Programmauftakt spielte das bayerische Eliteorchester zu Beginn herrlich transparent intoniert, sodann schwelgerisch aufbrausend in romantischem Überschwang die Ouvertüre zu „Oberon“ (Carl Maria von Weber).

Mit einem Ausflug in östliche Gefilde beschlossen die Münchner mit „Bilder einer Ausstellung“ (Modest Mussorgski) den finalen Programmteil. Das populäre Werk schildert die Eindrücke des Komponisten bei der Betrachtung von Illustrationen des befreundeten Malers Viktor Hartmann, welche sich in 10 Abschnitten gliedern und jeweils durch entsprechende Interludien – sogenannte „Promenaden“ – in denen sich der von Bild zu Bild gehende Betrachter bzw. Hörer sich seinen Gedanken über das Faktum hingibt.

Valery Gergiev verstand es auf vorzügliche Weise mit den herrlich aufspielenden Münchner Philharmonikern den reizvollen Affekt der Partitur auszubreiten, ich beschränke mich auf wenige Gemälde, blieb dem Witz des Gnomus, den Disharmonien der Tiulerien nichts schuldig.

Süffisant verband der Dirigent die Orchestergruppen des exzellenten Klangkörpers und kostete so ach jenes Scherzo Der Tanz der Küken in den Eierschalen in schwebender Leichtigkeit aus. Piepsig erklang die bissig-parodistische Karikatur Samuel Goldberg und Schmuyle. Das sonst so erbarmungslos formuliert vulgäre Geschnatter der keifenden Marktweiber vom Marktplatz Limoges orchestrierte Gergiev zu feinsinnig musikalischer Delikatesse, gleich einem Perpetuum mobile.

In konstruktiver Tonsprache bestimmter Tonintervalle erzielte der Chefdirigent mit seinem Münchner Orchester auf wunderbare Weise faszinierende klangvolle Resultate besonders während der schauerlichen Akkorde zu Katakomben, dem wilden Hexenritt zur Hütte der Baba Yaga. In gebündelter orchestraler Homogenität und illustrativer Kraftentfaltung erklang der Einzug in Das große Tor von Kiew.

Ein Bravosturm der Begeisterung schlug den Gästen aus Bayern sowie Gergiev entgegen.

 

Gerhard Hoffmann

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