Der Neue Merker

WIESBADEN: PETER GRIMES – Der Fall P.G. – Krankenakte Peter Grimes. Premiere

Der Fall P.G. – Krankenakte Peter Grimes – Sternstunde in Wiesbaden

Premiere am 04.02.2017

Bildergebnis für stadttheater wiesbaden peter grimes

 Ja, es gibt sie noch, die Sternstunden! Opernabende, an denen alles stimmt und die sich unauslöschlich in das Bewusstsein des Zuschauers einprägen! So geschehen, bei der jüngsten Premiere des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden.

Über 30 Jahre ist es her, dass es am Staatstheater Wiesbaden Gelegenheit gab, Benjamin Brittens Meisterwerk „Peter Grimes“ zu erleben. Seinerzeit ein Gastspiel der Welsh National Opera bei den Maifestspielen in der naturalistischen Inszenierung von John Copley und mit dem grandiosen John Mitchinson in der Titelpartie.

Eine großartige Idee nun von Intendant Uwe Eric Laufenberg eine längst fällige Eigenproduktion am Staatstheater Wiesbaden zu realisieren. Wagemutig ist das leider immer noch heute, denn obwohl Britten eine melodische, eingängige Musik schrieb, ist und bleibt seine Oper „Peter Grimes“ ein Werk, welches nicht die Massen begeistert. Leider!

Die Neuproduktion ist DER Paukenschlag in der noch jungen Saison 2017/2018! Eine Inszenierung von seltener vorzüglicher Qualität mit einem Schauwert und einer Bildintensität, die extrem selten ist!

Regisseur Philipp Krenn geht einen ungewöhnlichen Weg in seiner Interpretation und hörte sehr genau in Brittens Partitur hinein. Im schäbigen Bühnenbild von Rolf Glittenberg dominiert die Hütte von Grimes als schwebendes Rechteck, welches sich hebt und neigt. Hier hat Grimes sich von der Gesellschaft entfernt und weggeschlossen. Jedenfalls verlässt Grimes diesen Ort nicht und bleibt während des gesamten Abends immer sichtbar Im 2. Akt sind an den Wänden zahlreiche von Kinderhand gemalte Bilder zu sehen. Doch diese Bilder hat Grimes selbst gemalt. Peter Grimes ist schwer erkrankt, zeigt Symptome eines Borderline-Erkrankten, wirkt verrückt, ein kaputter, ausgestoßener Charakter und Gefangener in seiner eigenen Welt. Krenn geht der Frage nach, wie Grimes vom Opfer zum Täter wurde. Der Zuschauer wird zum Betrachter, fast schon zum Voyeur von Grimes Leiden. In seiner stilisierten Lesart stellt Krenn dabei das Ausgegrenztsein und die Krankheit von Grimes in den Mittelpunkt. Vieles erlebt Grimes in einer Rückblende. Dabei wird er von einem Komparsen gedoubelt (starke Körpersprache: Andreas Thomas). Ein Geschundener, der immer wieder von Krämpfen geschüttelt und sich selbst am eigenen Körper mit einer Klinge verletzt. Ellen pflegt ihn aufopfernd. Manchmal kommt es zwischen dem ungleichen Paar zu behutsamen, zärtlichen Berührungen. Ellen weicht auch dann nicht zurück, wenn Grimes gegen sie mehrfach gewalttätig wird. Der Bühnenraum selbst wird von Wellblechwänden eingerahmt. Virtuos und doch niemals übertrieben wird dazu die Drehbühne eingesetzt, so dass durch parallel verlaufende Handlungsstränge filmische Wirkungen entstehen. Pittoreskes oder die Naturgewalt des Meeres haben in dieser Interpretation keinen Platz, was insofern bedauerlich ist, da die Handlung vor allem aus ihrem Kontrast der vermeintlich schönen, heilen Spießerwelt der Dörfler und der Einzelgängerwelt Grimes ihre Spannung bezieht. Aber dennoch wirkt Krenns Interpretation schlüssig.

Die Personenführung ist geradezu meisterhaft geraten. Alle Darsteller gehen in ihren Rollen komplett auf und sind der jeweilige Charakter. Ausnahmslos. Die Interaktion zwischen Solisten und Chor könnte nicht besser, schlüssiger sein. Krenn bietet eine Fülle an Überraschungen und fordert damit den Zuschauer, ohne ihn zu überfrachten. Das Publikum folgte atemlos, gebannt und hoch konzentriert, wie selten. Kaum ein Huster war zu vernehmen……

Im 2. Akt wird der Zuschauer mit der Ursache für Grimes Leiden hart konfrontiert: der Lehrjunge John ist hier eher eine Nebenfigur. Der Dialog zwischen ihm und Ellen, der am Beginn des 2. Aktes verläuft, wandelte Krenn um in eine Auseinandersetzung zwischen Ellen und Grimes. Ellen entdeckt an Grimes wiederkehrende Zeichen seiner Selbstverletzungen.

Im weiteren Verlauf taucht der sensibel agierende Lehrjunge (anrührend dargestellt von Finn Braklow) dann als der junge  Grimes auf. Umkreist von brutal, lüstern wirkenden Männern wird er von ihnen missbraucht. Der erwachsene Grimes in seinem Container vollzieht das Geschehen unterhalb auf der Bühne  körpersprachlich nach. Ein schwierige Szene, kaum erträglich und doch von einer Eindringlichkeit, der sich keiner entziehen konnte. Wie schwer zeigte an dieser Szene ein ausdauernder, fast surreal anmutender weiblicher Buhruf, der das schreckliche Bühnengeschehen konterkarierte.

In der Wahnsinnszene neigt sich Grimes Container in eine äußerst gefährliche Schräglage, so dass sich das gesamte Interieur verschiebt, abrutscht. Dazwischen ist Grimes als Elendshaufen eingekeilt. Auch hier leidet der Zuschauer immens mit, der Wahnsinn wird greifbar und direkt erlebt. Grimes bleibt bis zum Ende auf der Bühne und dann wartet die Inszenierung mit einer besonderen Pointe auf, die hier bewusst nicht verraten wird.

 Das gesamte Ensemble war mit außergewöhnlich hoher Konzentration und nie nachlassender Spielfreude bei der Sache.

Lance Ryan stellte sich erstmals als Grimes und damit in einer der faszinierendsten Charakterpartien vor. Stimmlich stellte ihn die Partie vor keinerlei Probleme. Seine bleiche, mitunter vibratolose Tongebung, sein sehr individuelles, polarisierendes Stimmtimbre passte sehr gut zu den Ansprüchen dieser Rolle. Außergewöhnlich gut und das war eine große Überraschung gelangen ihm die lyrischen Ausdrucksmomente, wie etwa in Grimes Selbstgesprächen „Now the great bear“. Gerade hier war er sehr berührend. In der Wahnsinnsszene war Ryan derart intensiv mit dem Charakter Grimes verbunden, dass die Zeit still stand. Darstellerisch und in den Stimmfarben zeigte er in dieser so besonderen „Tour de Force“ Farben und Facetten, die auch seinen übrigen Rollen gut an stünden.

Johanni van Oostrum war eine ungemein anrührende Ellen Orford, aufopfernd mit herbem Charme und glutvollem Gesang. Mit immenser Leuchtkraft in den Höhen und bestechender Intonationssicherheit zeigte sie eine Darbietung auf allerhöchstem Niveau. Eine sichere Bank, fabelhaft gesungen, war Thomas de Vries als Captain Balstrode. Mit raumgreifender Stimme, kluger Textbetonung beherrschte er die Szene und verlieh seiner Partie ungewohnte Autorität. Andrea Baker war eine echte Bühnentype mit Charakter als Schankwirtin Auntie, dennoch etwas zu brav. Aber vielleicht war auch dieser Kontrast zu den drallen Nichten und barbusigen Damen ihres Etablissements gewollt. Benjamin Russell erschien mir als Swallow stimmlich zu leichtgewichtig, zu hell. Üblicherweise wird der Swallow mit einem Baß besetzt und nicht, wie hier, mit einem Bariton. Davon abgesehen war Russell jedoch ein köstlicher selbstvergessener Darsteller. Ob Benedikt Nawrath als geifernder Bob Boles, Alexander Knight als elegant tönender Ned Keene oder Hans-Otto-Weiß als herrlich sonorer Hobson, sie alle schufen eigene Charaktertypen und waren so mehr als nur bloße Stichwortgeber. Besonders hervorheben möchte ich Romina Boscolo als zickige Mrs. Sedley. Mit deutlicher Bühnenpräsenz und verstockter Laszivität war sie ein besonderer Farbtupfer in einem wunderbaren Ensemble.

Einer der vielen musikalischen Höhepunkte war das Quartett der Damen Ellen, Auntie und ihrer beiden Nichten. Hier konnten sich dann auch Katharina Konradi und Sarah Jones als Nichten-Duo bei schön ausgesungenen Höhenflügen gut profilieren.

 Peter Grimes ist eine großartige Choroper und zudem äußerst diffizil. Selten konnte der Wiesbadener Opernchor sich derart vielschichtig, stimmgewaltig und differenziert präsentieren, wie hier. Dazu agierte das Kollektiv mit größter Spielfreude. Eine große und völlig zurecht heftig bejubelte Leistung! Chordirektor Albert Horne hat das sehr gut einstudiert. Ihm oblag auch die musikalische Leitung des Staatsorchesters Wiesbaden. Und das Orchester war das Herz der Aufführung! Derart klangschön, sauber, gefühlt und ausbalanciert habe ich das Staatsorchester lange nicht gehört. Da stimmte einfach alles. Ob in den sauber intonierten Instrumentalsoli oder den massiven Klangausbrüchen, die nie die Balance gefährdeten. Hinreißend die Ausrucksdichte in den Zwischenspielen. Auch hier also eine herausragende, denkwürdige Leistung.

 Das Publikum zeigte sich außerordentlich begeistert, jubelte ausdauernd, auch und vor allem für die Regie!

 

H I N G E H E N! Unbedingt sehens- und hörenswert!

Dirk Schauß

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