Der Neue Merker

WIESBADEN/ Kurhaus/Rheingau-Musik-Festival: „GABRIELA MONTERO-CITY OF BIRMINGHAM SYMPHONY ORCHESTRA- MIRGA GRAZINYTÈ-TYLA”

Wiesbaden / Kurhaus / Rheingau-Musik-Festival:

„GABRIELA MONTERO-CITY OF

BIRMINGHAM SYMPHONY ORCHESTRA- MIRGA GRAZINYTÈ-TYLA” 08.07.2017

Eine Woche nach dem fulminanten Auftakt-Konzert im Friedrich-von-Thiersch-Saal durfte man das Jugendstil-Ambiente im ehrwürdigen Kurhaus unverhüllt bewundern. Wie geschaffen erwiesen sich die prachtvollen Gemälde quasi als „Bühnenbild“ zum heutigen Programmauftakt „Prélude á l´aprés-midi d´une faune“ (Claude Debussy) und schufen zur impressionistischen Atmosphäre des Werkes, ein optisch reizvolles Prestige.

Mit zarter Hand führte die neue litauische Chefdirigentin Mirga Grazinyté-Tyla ihr City of Birmingham Symphony Orchestra in duftigen Couleurs durch die Partitur und illustrierte sinnlich, flüssig, flirrend wie schwüle Sommerlüftchen das erotische Spiel des liebestollen Fauns mit den schönen Nymphen.

Schon mehrmals hatte ich das Vergnügen die venezolanische Pianistin Gabriela Montero zu erleben und freute mich umso mehr auf die Wiederbegegnung. Als Fixstern der internationalen Klavier-Szene war sie heute die Interpretin des „1. Klavierkonzerts“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky und verlieh diesem Ohrwurm einen besonderen Glanz.

Nach den prägnanten einleitenden Hornrufen des Orchesters, riss die versierte Solistin in einem Hagel von Akkorden das Spiel an sich und ließ bereits während dieser Momente eine folgende interpretatorische Sternstunde erahnen. Leicht, feinfühlig und dennoch intensiv im Anschlag nahm Montero das Allegro con spirito um sich allmählich den erregenden Anklängen des Hauptthemas zu nähern. In technischer Brillanz und südamerikanischem Temperament durchleuchtete die Meisterinterpretin die Solokadenzen.

In bewundernswerter Vielfalt und in unglaublich variabler Spielkultur offenbarte die Dame ihr Können und schmückte das Andante semplice mit glitzernden Läufen und Arabesken.

Ohne Effekthascherei in handwerklicher Perfektion, trefflich ausbalanciert voll glanzvoller Finessen steigerte sich die vortreffliche Pianistin in den folgenden krönenden Finalsatz.

Begleitend ließ Mirga Grazinyté-Tyla das Birmingham Symphony Orchestra in bezwingender Klangfinesse schwelgen, formierte das famose unglaublich transparent und in höchster Perfektion aufspielende Instrumentarium zu imposanten Steigerungen deren Timing bestach.

Ein Jubelchor des faszinierten Publikums bedankte so viel expansibles Frauen-Power. Legendär bereits das Dacapo-Wunschkonzert der sympathischen Künstlerin, heute spielte sie wie schon so oft die Improvisationen zu „Children´s Corner“ (Claude Debussy) technisch grandios musiziert und löste einen Begeisterungs-Orkan aus. Eine reizvolle Zugabe der besonderen Art folgte: Mirga Grazinythé-Tyla s a n g mit Violinen-Begleitung und von Montero am Klavier übernommen „Nearer, my god to thee“. Einfach himmlisch!

Zum Finale hatten die englischen Gäste die burlesken Szenen „Petruschka“ (Igor Stravinsky) im Gepäck, illustrierten das musikalische Geschehen lebendig und charakteristisch so die bizarr orchestrierten Tänze, Leierkastenweisen, schmachtenden Liebesserenaden, sowie die dramatischen Ausbrüche von orgiastischer Wildheit. Die expressiven Sprünge der außer Kontrolle geratenen Puppe Petruschka bringt das Orchester durch krasse Stimmungsgegensätze gewaltig schier zur Verzweiflung.

Am Pult des exzellent musizierenden Klangapparats waltete die smarte Dirigentin souverän, mit angenehm ruhigen doch sehr präzisen Zeichengebungen , band drohende Fanfaren der Blechfraktionen mit herrlichen Streicherpassagen in atemberaubender Musikalität mit ein und setzte die Mischung aus Realistik, Parodie und unheimlicher Phantastik der entfesselten Intervalle höchst qualitativ in musikalisch blühende Gewächse um.

Die Begeisterung des Auditoriums war grenzenlos und wurde mit dem hinreißend musizierten „Divertimento“ (Leonard Bernstein) belohnt.

Gerhard Hoffmann

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