Der Neue Merker

WIESBADEN/ Kurhaus/ Rheingau-Musik-Festival: „CLAUDIO BOHÒRQUEZ-

Wiesbaden / Kurhaus: „CLAUDIO BOHÒRQUEZ- COLOMBIAN YOUTH PHILHARMONIC-

ANDRÈS OROZCO-ESTRADA”

Rheingau-Musik-Festival 30.06.

Im Rahmen des Rheingau-Musik-Festivals 2017 gastierte das Colombian Youth Philharmonic Orchestra, der vortrefflichen Vereinigung junger bereits meisterhafter Instrumentalisten. Es war natürlich ein Herzensbedürfnis von Andrés Orozco-Estrada seine jungen Landsleute zu dirigieren und deren herausragende musikalische Ausbildung im Rahmen der Nachwuchsförderung, in geradezu vehementer Demonstration zu präsentieren.

Im umwerfend charmanten Plauderton, leicht heiser sich entschuldigend, man habe einen Tag zuvor mit dem Orchester viel gesungen, erläuterte der Dirigent den ersten Programmpunkt mit einer Skype-Einblendung des Komponisten.

Die einleitende Muschel-Fanfare schien die Mythen der südamerikanischen Urvölker zu beschwören, Blechbläser in bester Diktion übernahmen die instrumentalen Formationen, Xylophon, Klavier, Schlaginstrumente entfalteten ekstatische Rhythmen welche auf den gesamten Klangkörper übergriffen. Maestro Orozco-Estrada hatte „América Salvaje“ des 39-jährigen peruanischen Komponisten Jimmy López bereits letzten Sommer während eines Open-Air-Konzerts zum Entzücken eines begeisterten Publikums aufgeführt und heizte nun den Besuchern des Friedrich-von-Thiersch-Saals mächtig ein. Unglaublich mit welchem Enthusiasmus die Musiker im Alter zwischen 16-26 Jahren in frappierender Meisterschaft den Intentionen ihres temperamentvollen Dirigenten folgten. Lautstarke Begeisterung für das junge Orchester aus Kolumbien.

Konträr entführte sodann Peter Iljitsch Tschaikowsky mit seinen „Rokoko-Variationen“ in retrospektive Klangwelten des 18. Jahrhunderts. Diese liebenswerte Schöpfung mit seinem gängigen Thema wird siebenmal umgebildet, nicht streng sondern fließend und gleitend. Während der hübschen Einzelbilder erschienen Walzer, Menuett sowie verspielt anmutende Themen. Auf wunderbare Weise zelebrierte Claudio Bohórquez weich kunstvoll schattierend die herrlich warmen Cello-Soli und veredelte mit beseeltem Spiel die Musik. Gestalterisch in allen Parametern, technisch markant profilierend begegnete der exzellente Cellist den Variationen, brillierte mit expressiver Kadenz und ließ das romantische Werk in völlig neuem Licht erscheinen – bravo!

Wohldosiert in delikaten Abstufungen begleitete Orozco-Estrada mit dem stimmungsvoll musizierenden Orchester.

Die große Begeisterung des Publikums belohnte der smarte Solist mit einem Auszug der „1. Cello-Suite“ (Bach) wundervoll virtuos und dennoch in spezifisch instrumentaler Wärme gespielt.

Gewiss erschließt sich die elementare Kraft von „Le Sacre du Printemps“ (Igor Stravinsky) ganz besonders bei szenischen Ballett-Aufführungen, widerfährt jedoch diesem großen heidnischen Sakralkult eine derart hinreißende Wiedergabe, kann man getrost auf die Szene verzichten. Jedoch wie bereits zu Beginn angekündigt widerfuhr diesem Werk heute eine besonders spektakuläre und vermutlich primäre Wiedergabe.

Nach der inspirativen Konzeption Orozco-Estradas entstand in Koordination mit dem Choreographen Gabriel Galindez Cruz sowie dem Videokünstler Francisco Medina Cepeda die geniale Idee, die Orchestermusiker selbst szenisch agieren zu lassen. Somit entstand eine optisch höchst atmosphärische Interpretation und Premiere der besonderen Art. Rhythmisch wiegten sich die Musiker, choreographisch zuweilen gefordert entstand eine Bühnenshow von noch nie zuvor erlebter Demonstration und vom Publikum bravourös gefeiert.

Am Pult des noch sehr jungen Orchesters mit seinen ungemein leidenschaftlich musizierenden Mitgliedern lenkte Andrés Orozco-Estrada die radikal expressiven Läufe dieser Avantgarde-Partitur stets in reelle Bahnen. Herrlich entfalteten sich die Celli und Streicher wohldosiert in rhythmischer Progression zu ungeahnten Couleurs, mächtig erklangen die Blechsegmente zu den inhaltlichen Kampfspielen, die Pauke zu den rituellen ekstasischen Handlungen der wilden Tanzexzesse. Bar so viel symphonischer Impressionen in differenzierter Klangraffinesse vortrefflich instrumentiert mit sichtlichem Spaß den Intentionen des temperamentvollen Dirigenten folgend, schlug allen Beteiligten eine Welle überschäumender Honorierung und Sympathie entgegen. Mit einer südamerikanischen Zugabe bedankten sich wiederum die sichtlich erfreuten Gäste.

Dieser in seiner Art ungewöhnliche Konzertabend und zugleich als besonders gelungenes Ständchen zum 30-jährigen Geburtstag des Rheingau-Musik-Festivals dürfte unwiderruflich in die Annalen des Hauses eingehen.

Gerhard Hoffmann

Diese Seite drucken