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WIESBADEN: EUGEN ONEGIN – Tatjanas Welt. Premiere

WIESBADEN: EUGEN ONEGIN. TATJANAS WELT. Premiere am 11.3.2017

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Asmik Grigorian als Tatjana. Foto: Monika und Karl Forster

Tschaikowsky’s „Lyrische Szenen“ waren nach längerer Abwesenheit im Repertoire nun als Neuproduktion, erstmals in der russischen Originalsprache, am Hessischen Staatstheater Wiesbaden zu erleben.
Die Inszenierung von Vasily Barkhatov besticht durch eine durchdachte, schlüssige Personenführung, die erfreulicherweise nicht platt aktualisiert. Barkhatov bleibt in seiner Lesart nah an der Vorlage und zeigt in der ungewöhnlichen Bühnenraumgestaltung von Zinovy Margolin packendes Theater. Wir sehen an den Seiten meterhohe Holzwände, am Bühnenhorizont eine Holzschräge über die gesamte Bühnenbreite. Davor fährt eine Rückwand auf und nieder, um zwischen Innen- und Außenraum zu wechseln, ebenso am Bühnenportal. Von daher entstehen immer wieder filmische Effekte, etwa auch, wenn die Szene „einfriert“ und nur Tatjana herausgeleuchtet wird. Der 3. Akt spielt in einer eindrucksvollen Bahnhofshalle, in welchem sich die feine Gesellschaft um Fürst Gremin zum Brunch trifft. Barkhatov zeigt eine realistische Lesart im Wechsel der Jahreszeiten. Es regnet und schneit auf der Bühne. Verblüffend und begeisternd umgesetzt Larinas Ball hier als Winterfest mit großer Schneeballschlacht und ausgiebigem Rodeln des gesamten Ensembles.                          

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Foto: Monika u. Karl Forster

 Der Ideenreichtum in dieser klugen Inszenierung ist ungemein, so kommt das Bauernvolk mit kleinen Booten auf die Bühne. Auf der Seitenbühne, für den Zuschauer nicht sichtbar, gibt es einen See. Onegin nimmt sich mit Tatjana ein Boot und verschwindet in diese Richtung. Am Ende der Briefszene läuft Tatjana in den Sommerregen und dann in die Seitenbühne und springt dort offenkundig ins Wasser, denn sie kommt durchnässt zurück. Ungewöhnliches auch z.B. in der Duellszene. Diese findet unter den Augen des Landvolkes auf der Bühnenschräge statt. Letztlich erkennen Lenski und Onegin doch noch den Unsinn dieser Tat und wollen erkennbar nicht zum Duell schreiten, doch werden beide Freunde von den Umstehenden stark bedrängt, sich der Situation zu stellen. Es kommt zum kollektiven Handgemenge, als in diesem Getümmel Lenski in die Tiefe stürzt und stirbt.

Für die Partie der Tatjana gelang dem Staatstheater Wiesbaden ein Besetzungscoup! Tschaikowsky dachte ursprünglich daran, seine Oper „Tatjana“ zu benennen. An diesem Premierenabend wäre dies genau die zutreffenste Bezeichnung gewesen. Denn mit Asmik Grigorian wurde eine der besten Vertreterin dieser so vielschichtigen Partie verpflichtet. Der Reifeprozess von der Kindfrau zur Dame der gehobenen St. Petersburger Gesellschaft gelang ihr großoartig. Augeprägte Hingabefähigkeit in der Darstellung bei hemmungsloser Spielfreude, gepaart mit einer absolut souveränen gesungenen Partie, ließen Asmik Grigorian zum absoluten Mittelpunkt der Aufführung werden. Hier verschmolz eine außerordentlich begabte Künsterlin völlig symbiotisch mit ihrem Rollencharakter. Wir erlebten Tatjana und keine Reproduktion einer Sängerin. Und entsprechend groß war die Begeisterung!

Als Bühnenschwester Olga agierte Silvia Hauer stimmlich souverän. Die z.T. ungewöhnlich tiefe Tessitura war kein Problem für sie. Als Figur wurde sie betont emanzipiert und gegenüber Larina aufbegehrend gezeigt. Sie schert sich nicht um Konventionen, trägt rosa Tüll und radelt munter mit dem Fahrrad über die Bühne. In ihrer lebensbejahenden, drallen Darstellung war sie der notwendige positive Konterpart zur schwermütigen Tatjana.

Wie in dieser Saison in Frankfurt, so entschied sich Wiesbaden für die Besetzung der Titelpartie für einen lyrischen Bariton. Aus meiner Sicht war dies in beiden Fällen keine gute Entscheidung. In  der Rezeptionsgeschichte des Onegin waren es vornehmlich und richtig die sog. Kavalierbaritone, die diese Partie sangen. Mittlerweile ein ausgestorbenes Stimmfach. Zur Erinnerung eine Auswahl herausragender Interpreten dieser Stimmgattung: Yuri Mazurok, Sergej Leiferkus, Dmitri Hvorostovsky, Artur Ruzinski, Vladimir Chernov, Thomas Allen, Lajos Miller, Benjamin Luxon, William Workman, Hermann Prey, Rudolf Constantin, Claudio Nicolai, Jürgen Freier, Wolfgang Schöne, Bernd Weikl, oder Wolfgang Brendel.

Christopher Bolduc
war ein ungewöhnlich junger Onegin, der mit dieser vielschichtigen Partie stimmtechnisch gut zurecht kam. Allerdings verfügt er über keine Bühnenpräsenz, wirkt deutlich zu unauffällig und vermag nicht die Faszination auszustrahlen, die doch von Onegin ausgehen sollte, darstellerisch zu beglaubigen. Zudem war seine brave, viel zu monochrome Textauslegung enttäuschend. Arroganz, Zynismus, Gebrochenheit oder Verzweiflung, diese wichtigen Farbelemente des Onegin erklangen nicht in der Tongebung Bolducs. Selbst am Ende der 1. Ballszene, wenn die beiden Freunde aneinander geraten, veränderte sich nicht der Klangcharakter des Sängers. Er wirkte viel zu beiläufig, Auch im 3. Akt war nicht zu erleben, dass Onegin durch eine harte Zeit gegangen war. Kein hörbares Zeichen der Veränderung. Die so wichtige Schlusszene litt vor allem unter der mangelnden Leidenschaft Bolducs. Für Onegin geht es um alles, jedoch war davon nichts zu spüren. Bolduc sparte jede existentielle Entäußerung aus und blieb auch hier viel zu brav und farblos im stimmlichen Ausdruck. Jugendliches Aussehen und korrekt gesungene Töne sind zu wenig für diesen komplexen Figur-Charakter. Diese Partie kommt daher m.E. zu früh für den Sänger. Dabei hat Wiesbaden eine Idealbesetzung mit Thomas de Vries im Ensemble! Denn dieser Sänger hat alle Voraussetzungen, die diese so reizvolle, vielschichtige Rolle benötigt. Vielleicht hören wir ihn in einer Wiederaufnahme?

Begeisternd hingegen war der Lenski, verkörpert von Thomas Blondelle. Fast ausschließlich wird der Lenski mit einer sehr lyrischen Tenorstimme besetzt. Vorbei sind die Zeiten, als noch stimmliche Schwerkaliber, wie z.B. Vladimir Atlantov den Lenski sangen. Blondelle bietet vergleichsweise großen Stimmklang und wertete damit seine Partie enorm auf. Endlich kam damit das hitzköpfige, überschäumende Temperament dieser Figur zu einer musikalisch geglückten Umsetzung. Damit verschoben sich jedoch sehr deutlich die Klangpole, so dass sein Kollege Bolduc stimmlich und darstellerisch eher am Rand agierte. Blondelle zeigte spielfreudiges Temperament und begeisterte mit einer tief empfunden Arie „Kuda, kuda“. Hier, wie auch am Ende von Larinas Fest faszinierte Blondelle mit hinreißenden Piano-Färbungen.

Wolf Matthias Friedrich sang mit schlankem, kultivierten Bass einen autoritären Gremin und konnte in seiner „Wunschkonzert-Arie“ das Publikum hörbar begeistern. Interessant auch hier der szenische Ansatz. Gremin bleibt während der Schlussszene komplett anwesend. Offenkundig weiß er, dass Tatjana ihn nicht verlässt.
In weiteren Rollen überzeugten Romina Boscolo als resolute Larina und Anna Maria Dur als einfühlsame Filipjewna. Ein besonderer Farbtupfer war der sehr präsente Monsieur Triquet von Eric Biegel, der auch hier als Sekundant Monsieur Guillot auftritt, aber lautstark klarstellt, dass er Triquet heißt.

Der spielfreudige Chor war wieder einmal ausgezeichnet von Chordirektor Albert Horne einstudiert.
Große Freude bereitete das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der musikalischen Leitung von Daniela Musca. Mit viel Temperament, aber auch dem Mut, inne zu halten, prägte ihre Interpretation den Abend nachhaltig. Gekonnte dynamische Akzente in den Ensembles und Finali gingen einher mit durchgängig überzeugenden Tempi. Frau Musca betonte das Lyrische und vermied dabei Pathos und allzu große Rubato-Seeligkeit. In  allen Instrumentengruppen war das Orchester hörbar konzentriert und animiert bei der Sache. Sehr sauber intonierten die Streicher, die Holzbläser und die schlanken Horneinwürfe, besonders in der Briefszene und belegten die hohe Qualität in der Einstudierung.

Ungetrübte Begeisterung! Nach dem faszinierenden „Peter Grimes“ wieder eine besondere, sehenswerte Produktion. Das Staatstheater Wiesbaden ist derzeit auf einem guten Weg!

Dirk Schauß

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