Der Neue Merker

WIESBADEN: DIE FRAU OHNE SCHATTEN. Wiederaufnahme

Wiesbaden: „DIE FRAU OHNE SCHATTEN“ – WA- Premiere 25.09.2016

Nicola Beller Cabone (Färberin)-Oliver Zwarg (Barak) (c) M. Forster
Nicola Beller-Carbone (Färberin), Oliver Zwarg (Barak). Copyright: M. Forster

Nach diversen privaten Besuchen der ausgezeichneten Produktion „Die Frau ohne Schatten“ (Richard Strauss) am Hessischen Staatstheater weckten nun die Umbesetzungen meine Neugierde und animierten mich zum Wiederholungstäter. Zudem bietet die Kurmetropole die wohl schönste und interessanteste Neudeutung dieses genialen Musikdramas welches  der Intendant des Hauses Uwe Eric Laufenberg in beachtenswerter Form in Szene setzte. Bis ins kleinste Detail verstand es der Regisseur den Symbolgehalt des Werkes, die Charaktere der Protagonisten bestens zu kristallisieren. Stärkste darstellerische Akzente gingen natürlich von den grandiosen Sänger-Darstellern des Färberpaares sowie der dämonischen Amme aus. Zur Erwachens-Szene das Barak-Double einer absurden blutigen Folterung zu unterwerfen – da schien Laufenberg etwas mit Tosca zu verwechseln? Ohne sinnlose Einfälle läuft heute wohl gar nichts? In klaren Linien die Bühne (Gisbert Jäkel) dem dunklen Hintergrund, hell-gleisenden  Boden sowie der dominierenden Treppe symbolisieren die Geisterwelt, des Wassers, die Ruhe, den Intellekt sowie das Unendliche aus welchem sich alles Leben entwickelt. Konträr aufwendig das Färberhaus mit seinen luftigen Abtrennungen des Wohn- und Schlafbereiches in welchem es zwischen dem attraktiven Färberpaar knistert und erotisch zur Sache geht. Die Kostüme (Antje Sternberg) ästhetisch, modern, unauffällig unterstreichen  die positiven optischen Eindrücke, ebenso die Lichtadaptionen (Andreas Frank) verstärken die dimensionale Suggestion des Geschehens auf wunderbare Weise.

Am Pult des Hessischen Staatsorchesters waltete äußerst umsichtig Vassilis Christopoulos

und vermochte spektakulär die mitreißende Wucht des Werkes zu vermitteln. Der versierte Dirigent schien vorwiegend mehr am Strukturellen der monströsen Partitur interessiert, beleuchtete jedoch in wunderbarer Weise die lyrischen Magnetismen und erwies als umsichtiger Sängerbegleiter.  Traumhaft eingebettet im seidenen Glanz der Streicher modellierten Violine, Cello (Johann Ludwig) sowie die Harfen ihre innig leuchtenden Soli. Bestens abgetönte Holzbläser  verbanden sich mit profundem Blech zum idiomatischen Strauss-Ton im Klangrausch heftigster Orchestereruptionen.  Selten hörte man am Hause so derart hervorragend präzise artikulierende Instrumental-Klänge.  Der orchestralen Glanzleistung dürfte ganz besonders Vassilis Christopoulos zu danken sein – einfach sensationell!

Als Gast empfahl sich die titelgebende Kaiserin Vida Mikneviciute und erwies sich als besonderer Glücksfall. Vortrefflich verband die exzellente Sopranistin leichte Lyrismen mit druckfreien dramatischen Höhenattacken, adelte ihre tadellose Gesangsleistung in bester Vokalise, technischer Intelligenz, silbrigen Piani gepaart mit warm tönendem Timbre und präsentierte  ihre große Szene Vater, bist du´s brillant einfach meisterhaft.

Strahlend hell überzeugte ihr kaiserlicher Gatte Richard Furman mit klangvollen tenoralen Höhenphrasierungen, mehr zu lyrischen denn dramatischen Tongebungen tendierend. Ein bemerkenswertes Rollendebüt.

Mächtig trumpfte Nicola Beller Cabone mit ihrem inzwischen dramatisch gefärbten klangvollen Sopran auf, sang vorrangig gleichmäßig schön in lyrisch-verhaltenen Bereichen, die ebenmäßig technisch geführte Stimme  verliert selbst in gewaltigen Orchesterwogen nicht an Strahlglanz, mühelos bewältigt die schlanke aparte Sängerin die gewaltigen Höhenausbrüche der intensiv gestalteten Färberin.

Bezwingend sympathisch verkörpert Oliver Zwarg den Barak und schenkt diesem gutmütigen Gesellen darstellerische überzeugende Präsentation und lässt vokal kaum Wünsche offen. Großartig zeichnete der schön timbrierte Sänger mit repräsentativem Bariton den Färber in differenzierten Klangfarben. Kleine Intonationsschwankungen im ersten Akt dürften wohl zu beheben sein?

Andrea Baker verstand es zwar mit dämonischer Gestaltung und bezwingender Prägnanz zu punkten, stieß jedoch vokal mit ihrem Mezzopotenzial an die Toleranzgrenze der schwierigen hochexplosiven Amme-Partie.

Mit schönen jedoch leicht vibrierenden Sopranhöhen gestaltete Stella An den Falken sowie Hüter der Schwelle. Ungewöhnlich homogen und klangvoll durfte man Baraks Brüder-Trio Benedikt Nawrath, Alexander Knight, Benjamin Russell vernehmen. Sonore Basstöne verhalfen dem Geisterboten (Thomas de Vries) zu Autorität. Die Herren formierten sich ebenso klangschön als Wächter der Stadt. Pastose Alttöne (Karolina Ferencz) geleiteten das Färberpaar „nach oben“. Vokal hielt Aaron Cawley (Jüngling) nicht was er optisch versprach. Chorsoli sowie Jugendchor und Chor des HSW bestens von Dagmar Howe/Albert Horne vorbereitet trugen zum Gelingen der glanzvollen Aufführung bei.

Entsprechend euphorisch der Jubel des begeisterten Publikums. Meine Hochachtung gilt allen Mitwirkenden. Ich persönlich werde es nicht beim einmaligen Besuch dieser qualitativen Produktion  belassen.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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