Der Neue Merker

WIEN/Staatsoper: Leos Janacek KÁTJA KABANOVÁ

Evelyn Herlitzius und Leonardo Navarro Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn)

Evelyn Herlitzius und Leonardo Navarro Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Wiener Staatsoper
Leos Janacek   KÁTJA KABANOVÁ

14.Aufführung in dieser Inszenierung
1.November 2017

 

BROOKLIN AN DER WOLGA: AUCH DIE NEUE „KÁTJA KABANOVÁ“
BLEIBT PROBLEMATISCH

Diese Oper von Leos Janacek, die vor bald 100 Jahren entstand und 1921 in Brünn uraufgeführt wurde, wird von Opern-Spezialisten zwar geschätzt, dem sogenannten „breiten Publikum“ ist sie offenbar zu modern, zu düster und zu anspruchsvoll. Und wenn dann noch eine problematische Besetzung und eine unsäglich platte Inszenierung – ein Exilanten-Ghetto auf der Bronx soll die Naturstimmungen am Ufer der Wolga markieren – hinzukommen, werden dann hunderte Stehplatz-Interessenten mit Sonderrabatt zu „Sitzplatz“-Besitzern umfunktioniert. Ob sie mit diesem „Spezial-Service“ zu Opern-Liebhabern verwandelt wurden, bleibe dahingestellt… Immerhin erlebten Sie neben der völlig stimmungslosen Regie des Franzosen André Engel (Bühne Nicky Rieti) eine musikalisch achtbare Wiederaufnahme einer Produktion, die im Jahr 2011 mit Franz Welser-Möst neu herauskam und seither  nur  14 mal gezeigt wurde. Unter der Leitung des US-Allrounders Graeme Jenkins war einmal mehr das Orchester der Wiener Staatsoper der Haupt-Star des Abends. Als würden die Musiker nie anderes als tschechische Partituren realisieren: klangvielfältig, gleißend im Blech, verträumt in den Holzblasinstrumenten, melancholisch in den Geigen; die Rhythmus-Schwankungen sind Ansporn.  Der Höhepunkt des Werkes – die Gewitter-Szene während der Katja ihren Seitensprung gesteht – ging wirklich unter die Haut! Ein Sonderlob also für das Orchester, das sich nur im Konzertsaal oder in Salzburg „Wiener Philharmoniker“ nennt.

Die Besetzung war weitgehend neu: mit Evelyn Herlitzius wurde eine wahrlich Hochdramatische in der Titelrolle aufgeboten. Mir persönlich war der Ausflug von Brünnhilde, Isolde oder Färberin nicht ganz glaubhaft. Der „Kaufpreis“ ist das Fehlen von Belcanto-Passagen, manch technisches Problem in der „Jubelhöhe“ machen klar: der Versuch durch Ehebruch einen Befreiungsschlag gegen den von seiner Mutter unterdrückten Ehemann zu wagen, gehört nicht von der Schwester Elektras sondern von einer potentiellen Tannhäuser-Elisabeth vorgestellt. Andererseits ist Evelyn Herlitzius eine viel zu ausdrucksstarke Sängerin. Ihre Verzweiflung und ihr Selbstmord gehen unter die Haut.

Leider war auch die übrige Besetzung problematisch: Janina Baechle als Kabanicha ist viel zu „nett“ und „mütterlich“, man braucht gar nicht an Astrid Varnay oder Leonie Rysanek zu denken. Deborah Polaski tut es auch: ohne die hartherzige Dominanz der Schwiegermutter von Katja Kabanova findet das ganze Stück einfach nicht statt. Dieses „Muttersöhnchen“ war wie schon im April d.J. der chilenische Tenor namens Leonardo Navarro – auch er viel zu „fesch“, zu sympathisch. Aber immerhin ein Tenor mit  Zukunft.

Ein glänzendes Rollendebüt als „Objekt des Begehrens“ gab Herbert Lippert als Boris. Er ließ sich zwar wegen einer beginnenden Verkühlung ansagen, war aber souverän und  ein„wahres Mannsbild“. Für mich die vielleicht überzeugendste vokale Leistung! Lüstern wie schon bei der Premiere vor 6 Jahren Wolfgang Bankl als scheinheiliger Dikoj; das „zweite Liebespaar“ war durch Carlos Ossuna (neu als Kudrias) und Margaret Plummer (Varvara) sehr einnehmend besetzt. Markus Pelz war ein engagierter Kuligin.

Am Ende nicht länger als 10 Minuten Applaus. Janacek Katja bleibt wohl auch weiter ein Geheimtipp!

Peter Dusek

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