Der Neue Merker

Wiener Staatsoper: TOSCA von Giacomo Puccini

Adrianne PIECZONKA FotoM.Pöhn

Adrianne PIECZONKA FotoM.Pöhn

Giacomo Puccini  TOSCA
596. Aufführung nach einer Regie von Margarethe Wallmann
23.Oktober 2017

 

Keine Frage, auf dem Programmzettel die Idee der Margarethe Wallmann noch als „Regie“ zu verkaufen, kommt ja einer Beleidigung dieser Dame gleich. Auch wenn sie eher eine Regisseurin großer pathetischer Gesten im Sinne ihrer Zeit war, so arg verschlampen sollte die Szene in Anbetracht des knapp bevorstehenden Jubiläums einer 600. Vorstellung nach immerhin 60 Jahren des Bestehens der wohl praktikabelsten Kulissen des Depots wieder nicht! So spannungsarm darf auch musikalisch diese Krimitragödie, dieses Melodramma aus napoleonischer Zeit nicht ablaufen.

Natürlich ist schon allein das Ansetzen einer Oper wie diese der halbe Erfolg, schon aus der Handlung ergibt sich Staunen bei den touristischen Erstbesuchern, ergibt sich bescheidener Applaus nach den bekannten Arien. Eine „Einsteigeroper“ ist dieses Stück allemal, sie sollte aber alle daran Beteiligten zu Qualität herausfordern und nicht den Charakter eines Spielplanfüllers oder Gastiervehikels abgeben und nur alle heiligen Zeiten einmal – fast scheint hier das Zufallsprinzip vorzuherrschen – auch zu einem künstlerischen Höhenflug zu führen. Gestern war das mit Sicherheit nicht der Fall und es ist jetzt unerheblich, nach den Ursachen zu suchen, mangelnde Proben scheinen mit Sicherheit mehrheitlich dafür verantwortlich.

Die Kanadierin Adrianne Pieczonka war sich als rächende Tosca nicht sicher, ob der erste Stich in die Herzgegend Scarpias wirkungsvoll genug war und setzte einen Nierenstich nach. Ansonsten wirkte sie eher ein wenig unbeteiligt, als sie dem Baron zum Deal Maler gegen Geschlechtsverkehr mit eifrigem Kopfnicken zustimmte. War sie noch etwas stimmscharf im ersten Akt, überraschte sie dann doch mit einem schön gesungenen Gebet im zweiten, aber einem etwas mühevollen „Messer-C“ im dritten Akt. Ihre Schleppe flog ins Leere – über diese sollten doch ihre Verfolger stolpern, nein? – aber diese waren noch weit entfernt dank der Abendregie.

Baron Scarpia ist mit einem reinen Bariton fast immer stimmlich etwas unterbesetzt, so auch diesmal mit Ambrogio Maestri, den man schon durchdringender, vor allem im Te Deum, hören konnte und der erst im zweiten Akt seine Stärken hatte mit zynischem Spiel und Gesang und damit Wirkung erzeugte. Er zählt zu den Scarpias, denen man glaubt, dass sie dem unterbrochenen Nachtmahl nachtrauern, ein Scarpia voll scheinbarer Bonhomie aber schlummernder Geilheit. Überhaupt bei einer Tosca, die scheinbar hilflos auf der Bühne umherirrte und leichte Beute für den „Satyr“ wurde.

An seiner „Italianitá“ muss man verzweifeln, dass reichlich vorhandene Stimmmaterial des Yonghoon Lee erschöpft sich in den wenigen Spitzentönen Cavaradossis, sein unidiomatisches Italienisch wirkt hingegen störend, auch für jeden, der auf You Tube oder in einem Stream oder auf einer CD oder womöglich in der Staatsoper schon einmal einen tatsächlich ersten Sänger, wie er auch bei uns üblich sein sollte, gehört hat. Die „dolci mani“ allerdings, das kann man ihm zubilligen, hat er überraschend schön im kultivierten Piano gesungen. Seltsamer Fall.

Sein gestriges Rollendebüt hatte Alexandru Moisiuc ausgerechnet als Mesner, eine Rolle, die in Wien eine lange Tradition an feinen Gestaltern aufweist, zu der aber jetzt diesem langjährigen Ensemblemitglied weder stimmlich noch darstellerisch etwas Besonderes einfiel. Warum sollte er auch besser sein als Ryan Speedo Green als Angelotti oder Hans Peter Kammerer als Sciarrone.

An Lautstärke mangelte es nicht, Jesús López Cobos auch nicht an Bedächtigkeit bei der Wiedergabe, die eigentlich innewohnende Spannung in der Partitur ließ sich nur ahnen.

Routinemäßiger Schlussapplaus.

Peter Skorepa
OnlineMERKER

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