Der Neue Merker

Wiener Staatsoper : Publikumsgespräch mit Direktor Dominique MEYER 1.12.2014

staatsoper

Staatsoper/Goldammer


PUBLIKUMSGESPRÄCH  1.12.2014

Dominique MEYER und Thomas PLATZER
stellen sich dem Publikum
Wiener Staatsoper – Mahlersaal    

 

 

Dominique Meyer und Thomas Platzer(re.) Foto:MERKEROnline

Dominique Meyer und Thomas Platzer(re.) Foto:MERKEROnline/Skorepa

Es war ein Publikumsgespräch, das auf keine besonderen Sensationen abzielte, noch sonderliche Neuigkeiten brachte. Direktor Dominique Meyer begann, wie fast immer, mit dem Hinweis auf den Zuschuss zur Finanzierung, der seit den Jahren der Ausgliederung auf gleichem Niveau gehalten ist, obwohl rund 70 % der Kosten auf die mit ständiger Regelmäßigkeit steigenden Löhne und Gehälter entfallen. Er „freut sich über die Treue des Publikums“, denn das Haus ist „grundsätzlich voll“. Leider hätten die Ereignisse im Burgtheater einen „Schleier“ über die Führung der Bundestheater gelegt, aber: „Was im Burgtheater passiert ist, kann hier nicht geschehen. Dank der kaufmännischen Leitung ist Sicherheit für die Direktion gegeben.“

Auch die letzte Spielzeit konnte positiv abgeschlossen werden mit einem Überschuss von rund 2 Millionen €. Dazu stellt der Direktor zur Illustration der Situation in Wien als Beispiel die Metropolitan Opera in New York mit einem Verlust von rund 22 Millionen $ gegenüber.

Zur vorzeitigen Vertragsauflösung durch Welser-Möst meint Meyer, dass jeder sein „Sackerl“ an gegenseitigen Beschwerden hängen hatte, jetzt aber keine Aufrechnungen oder gar juristische Anfechtungen erfolgen, sondern ein Klima bewahrt werden sollte, dass auch wieder eine „Aussöhnung“ und Wiederkehr für den Dirigenten ermöglichen kann. Er, Meyer, hat auch eine solche Aussöhnung mit Maazel geschaffen und ist glücklich darüber, diesem Mann noch knapp vor dessen Tod höchste Ehrungen zu Teil werden hat lassen.

Natürlich berichtet Meyer auch über den schnell erfolgten Lückenschluss bei den freigewordenen Dirigaten am Haus. Und er freut sich über das Staatsopernorchester, welches nach der letzten Vorstellung der „Chowanschtschina“ ihrem Dirigenten Semyon Bychkov spontan zuapplaudierte. Auch über Alain Altinoglu, der in den letzten Jahren eine großartige Entwicklung an allen großen Häusern mitgemacht hat. Und erst Recht über Sascha Götzel, der nach einem nur mäßigen Erfolg mit Ballett („Ein zu früher Einsatz kann sich rächen“) jetzt nach entsprechender Reifung mit Erfolg zurückkehrt.

Chung Myung Wung kennt Meyer schon seit 1989 von der Eröffnung der Bastille-Oper in Paris und dieser steht in alter Treue auch jetzt dem Haus zur Verfügung und hat den Rigoletto übernommen. Auch Tomás Netopils Einsatz in der Rusalka war ein großer Erfolg für den jungen Tschechen. Und dem Haus stehen zur Verfügung Dirigenten wie Jesus Lopez-Cobos, der langjährige GMD in Berlin, der hier viel zu wenig wahrgenommen wurde, Adam Fischer Peter Schneider und jetzt auch wieder Mikko Franck, der hervorragende Einspringer. Mit Simon Rattle ist der Ring wieder mit einem großen Dirigenten besetzt und Meyer glaubt nach Programmstudium anderer Opernhäuser feststellen zu können, dass in Wien einen hohen Standart bei Dirigenten anbietet. Wo anders als in Dresden, seinem Wikungskreis, dirigiert etwa Thielemann noch Opernaufführungen als in Wien oder in österreichischen Festivals.

Bei den Sängerbesetzungen ist Meyer stolz, bei so einer Anforderung an Solisten und Solistinnen wie in der Chowanschtschina bis auf drei Gäste alles aus dem Ensemble besetzen zu können. Das trifft auch auf Mozarts Nozze di Figaro mit nur einem Gastsänger zu. Thielemann war glücklich über die vielen kleinen Rollen und deren Besetzung aus dem Haus in der Ariadne und über Norbert Ernst und über dessen  Interpretation in der Chowanschtschina war jeder begeistert. Soile Isokoski hat wahrscheinlich ihre letzte Marschallin am Haus gesungen und zog sich auch von Partien wie die Rachel in der Jüdin zurück. Jetzt nimmt Olga Bezsmertna ihre Rolle ein, nachdem sie so wunderbar schon an diesem Haus eingesprungen ist. Und natürlich kehren  Sänger wie Jonas Kaufmann oder Sängerinnen wie Anna Netrebko wieder an die Oper zurück.

Den Staatsopernchor vergisst Direktor Meyer nicht und betont dessen einzigartige Stellung in diesem Repertoirehaus, in welchen 45 verschiedene Werke in insgesamt 5 verschiedenen Sprachen exekutiert werden müssen.

Und auch das Staatsopernorchester, das zur Verwirklichung von ca. 60 Serien an Opern- und Ballettabenden ca 110 Orchesterproben je Saison abhält, bekommt ein Extra-Lob vom Direktor.

Und für das Ballett und „die wunderbare Arbeit mit Manuel Legris“ und die Ballettschule der Wiener Staatsoper auch höchstes Lob. Nur mangelt es derzeit an Tänzern.

 

Medien: Zwei neue DVD mit dem Staatsballett sind erschienen sowie eine CD mit Mitschnitten aus diversen Opern unter der Mitwirkung von Ferruccio Furlanetto.

Die Legendäre Elektra unter Böhm mit Nilsson und Resnik ist auf Basis der Originalbänder des ORF veröffentlicht worden.

Der Nibelungen-Ring für Kinder ist auf DVD erschienen und ein neues Fotobuch über die Rusalka.

Und ein Spiel über die Oper ist in Ausarbeitung (Vielleicht heißt das gar: „Mensch ärgere Dich nicht, dass Du keine Karten bekommst“ Die Red.)

 Zuletzt illustriert Direktor Meyer die Nöte mit der Opernregie, in dem er aus einem Gespräch mit dem damals noch im Amt residierenden Direktor Joan Holender diesen zitiert: „Wir Direktoren sind Gefangene zwischen Feuilleton und Publikum.“

Man kann und soll als Direktor auch nicht alles korrigieren, was an regielicher Arbeit angeboten wird und wünscht sich vom Publikum ein Maß an Bereitschaft, sich auf Änderungen und neue Konzepte einzulassen, auch die Sprache so mancher Symbolik zu akzeptieren und verstehen zu lernen, so meint der Direktor.

Diese Bereitschaft zur Korrektur einer Beurteilung wird immer abhängig sein von der eigenen Verfassung, der Änderung des Geschmacks, der Qualität der hinzugewonnenen Bildung und Erfahrung und wird immer im Gegensatz zur Gedächtnistreue für das zuerst oder früher Gesehene stehen.

Der „Schleichhandel“ mit Eintrittskarten vor den Vorstellungen wird weiter vom Haus aus verfolgt und wenn notwendig mit polizeilichen Anzeigen geahndet.

Der nicht ausgebuchte Soloabend mit Ludovic Tézier war terminlich nicht anders ansetzbar als in Konkurrenz mit einem Liederabend im Konzerthaus und mit einem Konzerttermin unter Riccardo Muti. Leider fehlt es an entsprechendem Budget für zusätzliche Werbemaßnahmen. Aber für die Kunstform „Lied“ ist auch ein weniger gut besuchter Abend mit 800 bis 900 Zuhörern eine wichtige Veranstaltung für eine weltweit immer mehr aussterbende Spezies.

 Es stimmt, dass der Sponsor für die Kinderoper, Martin Schlaff, abgesprungen ist. Die Begründung ist die Verlegung der Kinderoper vom Dach des Hauses in das Kellertheater in der Walfischgasse, also eine Verlegung aus einem attraktiven Haus wie die Staatsoper es ist, in den Hinterhof eines Gründerzeithauses. Dazu auch eine Anfrage aus dem Publikum, warum man statt der Walfischgasse (mit den schlechten Sichtverhältnissen für Kinder) nicht mit der Kinderoper in den sog. 3.Raum des Burgtheaters – bekannt als Casino auf dem Schwarzenbergplatz – übersiedle mit geradezu idealen Verhältnissen für ein raumoffenes Theaterspiel. Direktor Meyer regt den Anfrager an, die Augen für die Kristallkugel offen zu halten, darin ist immer eine Zukunft zusehen, denn „man denke daran“.

 Traurig wird bald der Zustand der originalen und zum Ring hin offenen Loggia sein mit den bereits sichtbaren gewordenen Schäden an den historischen Fresken. Eine dringende Lösung wird erforderlich.

Abschließend nimmt Direktor Dominique Meyer zu der da und dort auftauchenden tendenziösen Bezeichnung der Staatsoper als „Touristenoper“ Stellung. Es ist doch so, meint er, dass der größte Teil der vom Ausland anreisenden Besucher, von denen wieder eine Mehrheit und das wohl organisiert, aus den deutschen Bundesländern kommt und aus ihrem ureigensten Interesse die Staatsoper und da sehr gezielt einzelne Vorstellungen besucht. (Es seien hier nur die Wagnerverbände als Beispiel angeführt). gerade für solche Teile aus dem Kreis der Besucher wäre die Bezeichnung Touristenoper ein entwürdigende.

 

Peter Skorepa

 

Auf der Facebook-Seite des MERKEROnline gab der bekannte Regisseur und Theatermacher MARKUS KUPFERBLUM eine Stellungnahme zur Einstellung der finanziellen Unterstützung für die Kinderoper durch Martin Schlaff und dessen Begründung dazu ab, die ich diesem Bericht über das Publikumsgespräch anschließe:

„Ich muß sagen, daß ich für seine Entscheidung größtes Verständnis habe! Die Verbannung der Kinder aus der Staatsoper bedeutet die Totalkapitulation der höchstsubventioniertesten Kulturinstitution dieses Landes vor ihrer eigenen Zukunft! Dass das Feigenblättchen „Zelt“ untragbar ist, wissen alle, die schon einmal dort eine Vorstellung besucht haben, aber daß keine Lösung dafür gefunden wird, den Kindern das Flair der großen Bühne und des wunderbaren Zuschauerraums zu gönnen, um ihnen den Zauber der Oper mit allen Mitteln zu vermitteln, sie stattdessen in eine schmuckloses modernes Kellertheaterchen schicken, gegen das das Rainaissencetheater in der Neubaugasse der reinste Prunksaal ist, ist einfach nur jenseitig! Die Oper ist ein sinnliches Medium, und wie jedes Theatererlebnis beginnt es, wenn man das Gebäude betritt – bis eben hin zur Akustik und den technischen und visuellen Möglichkeiten einer Opernbühne. Wer soll die Oper lieben, wenn er sie nie in würdigem Rahmen kennengelernt hat????“

 

 Nachtrag zum Artikel über das Publikumsgespräch vom 1.12.2014 

 Von Peter Skorepa / 4.Dezember 2014

  Theaterdonner ohne Blitz

 Ganz schmeichelweich gab sich Direktor Dominique Meyer noch Montag Nachmittag beim Publikumsgespräch in der Wiener Staatsoper, referierte auch in aller Ruhe über die sich auftuende Finanzierungslücke, bedingt durch die stetig steigenden Fixkosten der Löhne und Gehälter und die Stagnation des staatlichen Zuschusses. (Siehe oben stehender Bericht)

Vier Tage später lässt er die krallenbewehrte Katze aus dem Sack: In einem Interview für NEWS („Staatsoper in Bedrängnis“) verkündet er das Ende aller Einsparungsmöglichkeiten. Wird die Subvention in naher Zukunft nicht erhöht, dann gehe er aus dem Amt, wird der Staatsoperndirektor zitiert. Man müsste ohne Erhöhung der Subventionen nach dem so genannten Stagione-System spielen, also wenige Werke in Serien und auch massiv Personal kündigen. „Für beides stehe ich nicht zur Verfügung“ droht Meyer da.

Im selben Artikel liest man, dass NEWS in Erfahrung gebracht hätte, das Verhältnis zum neuen Bundestheater-Chef Rhomberg wäre miserabel (sic) und Minister Ostermayer verärgert: Nach 15 Jahren gedeckelter Subvention bei 40 Prozent Inflation gäbe es nichts mehr zu sparen, habe Meyer laut NEWS die Politik wissen lassen. Wer das zitierte Verhältnis zwischen Kunst und Politik so sehr in Frage stellt, geht aus dem NEWS-Artikel nicht hervor, denn von Konflikten will zumindest der Direktor nichts wissen, es gibt Ernsteres: „Wir arbeiten daran, aber ich habe Sorgen um unsere budgetäre Zukunft.“

 

 

 

 

 

 

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