Der Neue Merker

WIENER STAATSOPER: „OTELLO“ – zweite Vorstellung der Serie

WIENER STAATSOPER: „OTELLO“ am 10.2.2017 – zweite Vorstellung der Serie


Olga Beszmertna ( Desdemona). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Spätestens wenn das dritte „Salce“ im vierten Akt vollkommen schwerelos in zartestem Pianissimo ertönt, möchte man mit Faust sagen: Verweile doch, du bist so schön. Olga Bezsmertna ist eine ideale Desdemona. Ihr Sopran klingt in allen Lagen ausgeglichen und ohne jede Schärfe in der Höhe. Schon im Finale des dritten Aktes gelingt ihr eine wunderbare Steigerung von einem Pianissimo „A terra“ zur großen Chorszene. Diese starke Beachtung der von Verdi vorgesehenen dynamischen Anweisungen ist nicht zuletzt dem sensiblen Dirigat von Marco Armiliato zu verdanken. Er beweist, dass Spannung nicht durch große Lautstärke und schnittige Tempi erzeugt werden muss. Verdi selbst hat offensichtlich diese Gefahr erkannt und enorm viele Piani notiert. So ist beim „Ora e per sempre„, das oft als Kampflied gesungen wird, ebenso Piano notiert wie beim „Dio mi potevi“ sogar ein vierfaches Piano (wohl in der Hoffnung, dass wenigstens ein Pianissimo überbleibt).

Der Litauer Kristian Benedikt, der bereits in der ersten Vorstellung der Serie eingesprungen war, folgt hier den Intentionen des Dirigenten weitestgehend und liefert keinen tenoralen Kraftprotz, sondern einen zutiefst unsicheren und verletzten Mann, dem buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen wird und der in tiefe Verzweiflung fällt, die nur ab und zu in eruptiven Ausbrüchen einen Ausweg sucht. Allein das Decrescendo auf „O gloria“ im Schlussmonolog ist ebenso beeindruckend wie das wirklich morendo gesungene „morendo„. Enttäuschung über scheinbar ungerechte Behandlung ist auch das Hauptmotiv des Jago von Carlos Alvarez. Mit seinem markanten, prächtig geführten Bariton gelingt es ihm, die Menschen mit heute so modernen „alternativen Fakten“ zu beeinflussen und das noch ganz ohne der Hilfe von sozialen Medien. Als Cassio sprang in dieser Aufführung Carlos Osuna ein und konnte überzeugen. Leider hat Verdi für die Emilia ( Monika Bohinec) keine größere Szene komponiert. Sie hätte es sich verdient. Der Ludovico von Alexandru Moisiuc klingt nicht wesentlich besser als sein merkwürdiges Kostüm ausschaut. Peter Jelosits, Orhan Yildiz und Hacik Bayvertian ergänzten in den kleineren Partien.

Der von Thomas Lang einstudierte Chor muss in dieser unsäglichen Inszenierung, welche die Spielfläche in allen Farben des Spektrums beleuchtet und Vorhänge und Gitter hin- und herschiebt, leider noch einen Restposten roter Gummihandschuhe des VEB Plaste und Gummi auftragen, wodurch vor allem im dritten Akt Assoziationen zu Gänsefüßen geweckt werden.

Ein musikalisch beeindruckender Abend in einem wenig erbaulichen Bühnenbild.

Wolfgang Habermann

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