Der Neue Merker

WIENER STAATSOPER: Impressionen / Jahrbuch

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WIENER STAATSOPER:
Impressionen zur Spielzeit 2016 / 2017
532 Seiten, Wiener Staatsoper, Eigenverlag, 2017

DIE WIENER STAATSOPER
Jahrbuch 2017
Herausgegeben von den Freunden der Wiener Staatsoper
Redaktion Rainhard Wiesinger
252 Seiten Text, 92 Seiten Anhang, Verlag Barylli, 2017

Da sind sie wieder, die unentbehrlichen Bücher für Opernfreunde,
zumal jene in Wien,
die am liebsten in der Staatsoper „wohnen“ würden
(es gibt sie noch!).

Die Staatsoper selbst bietet in einem wahren „Riegel“ – quadratisch und sehr dick – die „Impressionen“ der letzten Spielzeit, was man vom Material her leicht tun kann: Michael Pöhn (bzw.  Ashley Taylor für Ballette) stehen ja in so gut wie jeder Vorstellung irgendwo am Bühnenrand oder sonst strategisch günstig, um wirklich jeden Künstler, der hier auf den Brettern steht, zu erfassen. Und diese Bilder könnten in ihrer Farbigkeit gar nicht besser zur Wirkung kommen als vor dem schwarzen Hintergrund, der hier herrscht.

Durch diese Fotos wird die reine Dokumentation tatsächlich zur „Impression“, die einen in die vergangene Spielzeit zurückführt. Denn an sich gibt es (nicht einmal ein Vorwort) lapidar die Theaterzettel jedes Werks, wobei jede Besetzungsalternative einen neuen Zettel bekommt, und – als Novität – daneben „im Passbild“ – jeden Dirigenten. Und dann kann man in die Besetzungen eintauchen, wobei es ja die Abwechslung ist, die besonders interessiert: Die Herrschaften mögen in denselben Rollen dieselben Kostüme tragen, aber jeder einzelne ist doch eine Individualität. (Kompliment der Gestaltung, hier ist wirklich der Versuch gelungen, immer wieder Sänger in gleichen Rollen und Szenen nebeneinander zu stellen). Und vieles kommt als „Moment“ ausdrucksstark – Groissböck, den Arm in die Hüfte gestützt, als jovial-bayerischer König Heinrich; Clemens Unterreiner als exzessiver Escamillo; der anteilnehmende Blick des Sharless von Boaz Daniel; die parodistische Grimmigkeit des Carlos Alvarez als Sulpice; Adrian Eröd in voller Ironie die Gitarre des Rossini-Figaros zupfend; Paolo Rumetz als Spitzbub-Falstaff; Simon Keenlyside als verstörter Macbeth; Daniela Fally ganz Koketterie als Papagena; ein entsetzensstarrer Michael Schade als Eisenstein (zumindest in dieser Sekunde); Nobert Ernst als Alfred lacht sich eins; das versonnene Lächeln der Charlotte von Sophie Koch; Adam Plachetka, der Mustafas Grimm genießt; Margarita Griskova, Bein zeigend und Berechnung im Blick als Maddalena; und und und – das sind nur einige der besonders berührenden oder amüsanten Momente.

Eine Welt für sich sind die Ballettfotos – bekanntlich besonders schwierig, genau in jener Zehntelsekunde abzudrücken, wo der Tänzer im Spagat hochspringt (und verwackeln darf das tunlichst auch nicht, was jedem Laien immer passiert…). Wunderschöne Impressionen, die möglichst jeden Tänzer einmal in den Mittelpunkt rücken. Und man nimmt wahr, wie groß der Anteil des Balletts derzeit an der Wiener Staatsoper ist.

Der Weg führt über das Repertoire immer wieder zu den Premieren (an sich ist der Ablauf chronologisch, nur werden spätere Vorstellungen derselben Oper zu den früheren gestellt). Zuerst „Armide“ mit dem seltsamen Bühnenaufbau (man muss sich auch an szenische Eindrücke erinnern, nicht nur an einzelne Sänger), dann „Falstaff“ (mit dem surrealen letzten Bild), die Kinderoper „Patchwork“, „Troubadour“ mit ein paar schönen Szenenbildern (die man bekanntlich von der Galerie nur mehr als unzureichend sieht…), „Parsifal“ mit dem Otto-Wagner-Spital für Amfortas-Therapie, und auch noch die seltsamen, nüchternen Betonquader für „Pelleas und Melisande“ – Erinnerungshilfen.

Schließlich ist auch der Opernball mit dabei mit den glanzvollen Fotos des Ereignisses (und den glanzvollen Stars wie Jonas Kaufmann…).

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Nicht nur zum Schauen, sondern vieles zum Lesen bietet das Jahrbuch der Wiener Staatsoper, das die Freunde des Hauses alljährlich nach dem sehr bewährten Rezept herausgeben, an dem man tunlichst nichts ändern soll.

Da sind zuerst die Artikel zu den Premieren der nächsten Saison, und gerade bei Werken, zu denen man vielleicht keine intensive Beziehung hat, ist das sehr nützlich – das gilt ja wohl für „Der Spieler“ ebenso wie für „Ariodante“, da ist man dankbar für die ausführlichen Informationen, die es hier gibt. Bei den bekannteren Stücken wird man an frühere Inszenierungen erinnert, beim „Freischütz“ etwa an die von Schenk 1972 (Böhm, Janowitz, Holm, King, Ridderbusch – das war etwas!) oder an die viel ödere von Alfred Kirchner (1995), die, wie erinnerlich, Ioan Holender selbst als Fehlgriff seinerseits bezeichnet hat… Kurz, man bekommt eine runde, grundlegende Information über die neu inszenierten Werke der kommenden Saison.

Dann „Künstler am Wort“, die viel geliebten, viel besuchten Live-Interview der Opernfreunde zum Nachlesen, die Ensemblemitglieder (KS Herwig Pecoraro, Daniela Fally), die Dirigenten (Adam Fischer), die Unvergessenen (KS Renate Holm, Melitta Muszely), die gastierenden Weltstars (KS José Cura, Ambrogio Maestri, Erwin Schrott, Ludovic Tézier), und alle Gespräche so ausführlich und in die Tiefe gehend, dass man wirklich etwas davon hat.

Und dann gab es noch „Opernsalon“ genannte Gruppengespräche vor Premieren, zum „Troubadour“ mit Anna Netrebko, Daniele Abbado, Marco Armiliato und Ludovic Tézier ; zu „Parsifal“ mit Christopher Ventris, Gerald Finley, Jochen Schmeckenbecher und Hans-Peter König (der die Premiere ja nicht gesungen hat); und zu „Pelleas und Melisande“ mit Adrian Eröd. Olga Beszmertna und Marco Arturo Marelli – konkrete Arbeitsgespräche über konkret Entstehendes. Und auch das Musical-Crossover hat man weitergeführt.

Der dritte Teil des Buches bietet dann die Fotos zu den Premieren der letzten Spielzeit, die Chronik des Hauses (ein schrecklicher Verlust war mit Johan Botha zu verzeichnen, sonst gab es mehr Geburtstage und Ehrungen), und schließlich das so wichtige, übersichtliche, die Opern alphabetisch ordnende Verzeichnis aller Aufführungen der vergangenen Saison. Da Opernfreunde ja so gerne zanken, wer was wann gesungen hat… das steht es dann schwarz auf weiß. Ja, es war immer dieselbe Arabella in dieser Saison, aber drei verschiedene Rosinas in drei „Barbier“-Aufführungen. Auch das ist schließlich interessant!

Renate Wagner

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