Der Neue Merker

Wiener Staatsoper: Giuseppe Verdi IL TROVATORE

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov beim ersten gemeinsamen Auftritt in derWiener Staatsoper (Foto: M.Pöhn)

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov beim ersten gemeinsamen Auftritt in derWiener Staatsoper (Foto: M.Pöhn)

Wiener Staatsoper
Giuseppe Verdi  IL TROVATORE

10.September 2017
8.Aufführung in dieser Inszenierung

 

Jetzt, am Morgen nach der gestrigen, mehr als zwiespältigen „Trovatore“-Aufführung und vor der Abfassung einer Kritik der Vorstellung fällt das Auge in unserer heutigen Kolumne auf das Applausfoto einer mehr als fünfzig Jahre zurückliegenden Aufführung von den Salzburger Festspielen. Keine Frage, Anton Cupak erweist einem da Unterstützung, wird doch da auf den angeblichen, einst von Caruso getätigten Ausspruch verwiesen, dass es zur Idealbesetzung eines „Trovatore“ lediglich der vier besten Sänger der Welt bedürfe, so leicht wäre das! Da hätte man seit Salzburg 1962 gleich die Behauptung aufstellen können, nach Karajan könne man keinen „Troubadour“ mehr auf die Bretter bringen!

IL TROVATORE : Franco Corelli, Giulietta Simionato, Leontyne Price und Ettore Bastianini 1962 bei den Salzburger Festspielen

IL TROVATORE : Franco Corelli, Giulietta Simionato, Leontyne Price und Ettore Bastianini 1962 bei den Salzburger Festspielen

Der Beleg dafür war allerdings in Wien bei der Übernahme der Regie des Salzburger Maestros im Herbst desselben Jahres zu sehen bzw. zu hören. Wichtige Glieder in der Beweiskette von Carusos Dogma mussten bereits ausgewechselt werden, der große Erfolg bröckelte mit einem anderen Tenor. Diese Inszenierung „versandelte“ dann im Repertoirebetrieb der Wiener Staatsoper, um erst Jahre und eine ganze Sängergeneration später anlässlich Karajans Rückkehr an dieses Haus noch einmal einen Triumph mit Pavarotti, Cappuccilli, Cosotto und noch einmal mit der Price zu feiern. Carusos These hielt durchaus stand.

Was war jetzt, um zum gestrigen Abend zurück zu kommen, die Ursache, dass die Vorstellung so spät in musikalischem Fluss landete? Das „hässliche“ Baugerüst, das dem Eingangsbereich des Opernhauses einen etwas mittelalterlich-dunklen Touch verlieh? Es hätte ja durchaus als Bühnenbild herhalten können, immerhin böte das einen besseren Einstieg in das dunkle spätmittelalterliche Drama des Spaniers Antonio Garcia Gutiérrez als die Trostlosigkeit, die uns Regisseur Daniele Abbado da auf unserer Bühne vorgesetzt hat in Zusammenarbeit dem Bühnenbildner Graziano Gregori. Einzig die Beleuchtungseffekte von Alessandro Carletti bringen etwas optische Abwechslung in das Einheitsbühnenbild, wofür ihm gedankt sei.

Da gab es auch für die Bühnenbildmitarbeit einen gewissen Herrn Angelo Linzalata mit fragwürdiger Zuständigkeit. Hätte wenigstens er sich bequemen können, von der Galerie aus die visuelle Wahrnehmung des Geschehens zu prüfen? Denn Herr Abbado ist nach dem verkorksten „Don Carlo“ in dieser Hinsicht ein übler Wiederholungstäter!

Kleines Service für unsere Leser: Nur von den besten Preiskategorien ist der Trovatore SO zu sehen (Foto: M.Pöhn)

Kleines Service für unsere Leser: Nur von den besten Preiskategorien ist der Trovatore auch so zu sehen (Foto: M.Pöhn)

Ohne Zweifel ist die Regiearbeit des Dirigentensohnes Abbado mit ein Handicap für mehr optische Stimulierung des Zusehers, zu viele unnütze und zweifelhafte Auftritte von Statistenpersonal „stören“ das Bild, nein, nicht nur durch schlecht dargestellte Erschießungen, Madonnenprozessionen und Leichentransporte. Auch an einzelne Arien, Duette oder Terzette schleichen sich die Gestalten spanischer Kleindarsteller heran, immer nach dem Motto, dass auf der Bühne „immer etwas los zu sein habe“. Ein ja schon bekannter Regieunsinn.

Und was machen die vier besten Sänger der Welt? Mit Fug und Recht kann man das bestenfalls von den beiden Damen sagen, wobei zu bemerken wäre, dass Luciana D´Intino als Azucena diesmal auf Augenhöhe mit ihrer noch etwas vorsichtig agierenden russischen Kollegin Anna Netrebko sang. Letztere sorgte für den stimmlich absoluten Wohlklang, erstere für mitreißende dramatische Entäußerungen, beide mit ähnlich-pastosem Tiefenklang. Auch für die Leonora kann man in Vergleichen sprechen. Was in diesem Rollenfach heute die russische Sängerin darstellt, wäre in Ihrer Sonderstellung etwa jener der Tebaldi der Fünfzigerjahre vergleichbar, nur hatte die im Vergleich genannte damals als Gegenspielerin eine Callas. Und dieses Gegenstück fehlt momentan. (Aber bevor ich für hinkende Vergleiche geohrfeigt werde: Mir ist die Unvollkommenheit und Subjektivität von solchen sehr bewusst!)

Bei den beiden männlichen Hauptrollen erreichte der Abend nicht das Niveau ihrer weiblichen Gegenstücke. George Petean als Luna fehlte es nicht an Kraft und Ausdruck, die manchmal etwas grobschlächtige Phrasierung raubte ihm einiges an Eleganz des Vortrages, wie etwa beim „Il balen del suo sorriso“, zu sehr fehlte es ihm da an vollem und biegsamen Material. Und Yusif Eyvazov war sichtlich und hörbar bemüht, einen vollwertigen Ersatz für Marcello Alvarez auf die Bühne zu stellen. Er stellte sich allen musikalischen Anforderungen, sogar dem diminuendo e dolce seiner Arie folgte der Versuch eines Trillers, ja der gefürchtete Abschluss der Stretta mündete in einem achtbaren do di petto, wie es der Premierensänger gerne gehabt hätte. Nur, Eleganz des Vortrages und Schmelz in der Stimme fehlen Eyvazov. Dass das Spiel der beiden Männer der nicht vorhandenen Personenregie angepasst war verschlimmerte nur den Eindruck bei den beiden.

Hilfe, wer zeigt mir, wie man ein Gewehr hält? Wo ist der Regisseur? Yusef Eyvazov als Manrico

Hilfe, wer zeigt mir, wie man ein Gewehr hält? Wo ist der Regisseur? Yusef Eyvazov als Manrico

Von den Nebenrollen ist gerade einmal der Ferrando des Jongmin Park mit seinem schwarzen Bass erwähnenswert. Die Ines der Simina Ivan könnte mehr Durchschlagskraft haben, der Ruiz von Jinxu Xiahou ist verschenkt in dieser Rolle, Oleg Savran und Oleg Zalytskiy ergänzen als Zigeuner und Boten. Wie man sieht, heimische Nachwuchspflege.

Zum erwähnten Quartett der Sänger müsste man unbedingt auch den Maestro als Fünften hinzufügen, ist dieser doch für den Erfolgt Verdischer Mtata-Opern gleich wichtig, soll er doch mit der richtigen Tempowahl jenen „Sog“ erzeugen, welche die Musik gleichmäßig vorantreibt. Marco Armiliato dirigierte mit großem Impetus und ohne Partitur, aber gerade im ersten Teil des Abends noch zu uneinheitlich in manchen Temporückungen. Über die Lautstärke war er sich mit den ansonsten großartig aufspielenden Staatsopernorchester einig: Zwischen laut, sehr laut und zu laut knallte es einem da entgegen. Chor und Extrachor waren auf der Höhe ihrer Aufgaben dank Thomas Lang.

Großer Jubel für die beiden Damen am Schluss, Applaus für die anderen, der hörbar abschwellte beim Erscheinen des Manrico.

 

Peter Skorepa
OnlineMERKER

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