Der Neue Merker

Wiener Festwochen: DEMOCRACY IN AMERICA

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Wiener Festwochen im Volkstheater:
DEMOCRACY IN AMERICA von Romeo Castellucci
Wiener Premiere am 23. Mai 2017,
besucht wurde die Vorstellung am 25. Mai 2017 

Romeo Castellucci ist der – ja, genau der, den das Münchner Publikum eben erst nach seinem „Tannhäuser“ ausgebuht hat. Und das will etwas heißen, denn dort ist man ja von Klaus Bachlers Gnaden jedes Regie-Tchi-Tchi gewohnt (die „Favoritin“ zwischen Sesseln und dergleichen) und beklatscht es brav. Der Mann muss sie also schon sehr geärgert haben (wir bekommen es ja per Stream zu sehen…).

Bei den Wiener Festwochen ist der Italiener mit seiner „Socìetas“ Dauergast: Castellucci hat schon Scheiße auf die Bühne des Burgtheaters geschaufelt, hat eine Wachkoma-Patientin für eine angebliche Gluck-Inszenierung missbraucht, hat mit einer Kombination von Bibel und Teilchengenerator entsetzlich gelangweilt… und nun ist er in Amerika gelandet.

Vorberichterstattung ist wichtig, damit das Publikum, das am Abend im Theater angesichts des Bühnengeschehens gar nichts kapiert, wenigstens sagen kann, es wüsste, was es gesehen hat. Nun, die Gründung der USA, das Utopie-Projekt des kolonialen Europa, war gar nicht so idealistisch, sagt Castellucci, die weiße Realutopie war von diffusen, religiös motivierten Gefühlen getragen. Ja, ganz richtig. So, wie es damals der „Zeitgeist“ diktierte, der offenbar ein Vorläufer von unserem heutigen Tugend- und Gesinnungsterror war… Es ist immer so leicht und wohlfeil, rückblickend (wie gut sind wir, wie schlecht waren die anderen) historische Ereignisse zu verurteilen. Also, pfui, Bühnen-Shitstorm!

Wie sieht er aus? Ein Ensemble-Kollektiv, das – die Namen jedenfalls sagen es – nur aus Damen besteht, spielt zu Beginn (jede trägt einen Buchstaben auf einer Fahne) Scrabble: Wie viele Wörter kann man aus den Buchstaben von „Democracy in America“ bilden? Eine Menge, vor allem, wenn man es nicht so genau nimmt.

Danach scheint es etwas wie eine Handlung zu geben. Ein Pionierpaar – sie heißt Elisabeth, er Nathaniel – hungert offenbar. Der Mann wendet sich immer wieder gläubig und lobpreisend an Gott, die Frau hat ihre diesbezügliche Geduld verloren. In einem pathetischen Endlos-Dialog drehen und wenden die beiden ihr Elend und ihr Gottvertrauen (oder nicht), bis sich die Dame (die offenbar ihr Kind gegen Werkzeuge „eingetauscht“ hat) die Kleider vom Leib reißt und recht hexenartig gebärdet. Die Hexen von Salem waren wohl die Nachbarinnen…

Was dann folgt, unklar auszumachende Choreographie hinter einer milchglasartigen Wand, während Daten der amerikanischen Geschichte projiziert werden, ist wohl am ehesten folgenden Sätzen der Festwochen-Werbung zuzuordnen: „Castellucci (…) begibt sich mit Democracy in America selbst in die Zeit vor der Politik, vor der Geburt der Tragödie und spürt einem vergessenen Fest nach, einem Ritus, der noch keinen Namen hat. Ein Ritus, in dem Theater seine ursprüngliche Funktion als notwendiges und zugleich düsteres Spiegelbild des Schauplatzes von politischen Auseinandersetzungen erneuern kann.“ Aha. Und wir sollen jetzt die hochgestochene Anschauungswelt, die uns angeblich präsentiert wird, gläubig wiederkäuen.

Immerhin gibt es am Ende noch ein Gespräch zwischen zwei Indianern, die überlegen, ob sie die Sprache der Eindringlinge lernen sollen – einer ist dafür, einer dagegen. Das wirkt ziemlich parodistisch – soll es das sein? Ach Gott, man könnte endlos „interpretieren“, aber die Sache ist es wirklich nicht wert. (Demokratie in Europa – wir sind nicht in den USA, nicht in der Türkei – heißt hoffentlich immer noch, dass man gegen den Mainstream der Meinung und gegen die vorgeformten Texte der Festwochen Einspruch erheben darf…)

Und das war’s auch schon nach eindreiviertel pausenlosen Stunden des theatralischen Elends, das sich entsetzlich bedeutungsschwer und angeberisch aufplustert.

Nun, Amerika ist derzeit in einer beklagenswerten Situation. Ich kann mir gut vorstellen, dass die halbe Nation vor Wut mit den Zähnen knirscht, von einem Mann wie Donald Trump regiert und in der Welt repräsentiert zu werden. Aber diese europäische Schmockerei haben sie nicht verdient. Dabei erzählt uns Castellucci ja überhaupt nichts über Amerika. Er zeigt uns bloß wieder einmal, wie weit man mit Bluff kommt…

Renate Wagner

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