Der Neue Merker

Wiener Festwochen: BATTLEFIELD

battlefield 
Foto: Festwochen

Wiener Festwochen / MuseumsQuartier:
BATTLEFIELD von Peter Brook, Marie-Hélène Estienne
N
ach dem Mahabharata und dem gleichnamigen Stück von Jean-Claude Carrière
Premiere in Wien: 16. Juni 2017

Von allen Namen, die die Wiener Festwochen heuer zu bieten haben, ist der von Peter Brook nicht nur der berühmteste und größte, sondern auch der substanziellste: Er steht für Jahrzehnte gänzlich eigenartiger, unverwechselbarer, kreativer Theaterarbeit. Nun scheint sich der 92jährige zu verabschieden. Der 70minütige Abend mit dem Titel „Battlefield“, der seit zwei Jahren auf Tournee rund um die Welt unterwegs ist, klingt in mancher Hinsicht nach Finale.

Nicht zuletzt, weil Peter Brook an eine seiner legendärsten Arbeiten anknüpft: Vor mehr als 30 Jahren (es war exakt 1985) hat er das gut 2000 Jahre alte, indische, in der Hindu-Mythologie verankerte „Mahabarata“ in nicht weniger als neun Stunden auf die Bühne gebracht, das personenreiche, an Motiven überbordende Riesenepos um zwei Familien und ihren Kampf um die Herrschaft. Nun ist er wieder beim Thema, allerdings aus anderer Sicht und in anderer Form, nämlich in Umfang und Darstellung gewissermaßen extrem minimalistisch eingeschmolzen.

„Battlefield“ erzählt mit vier Darstellern – ein Weißer, drei Schwarzafrikaner, darunter eine Frau – in Einzelszenen Impressionen „nach dem Krieg“. Die Bühne ist leer, die an den Wänden lehnenden Stäbe (sonst in Brook-Inszenierungen so wichtig) werden so gut wie nicht benützt, nur ein paar bunte Tücher und Schals helfen hier und da, einen winzigen „szenischen“ Effekt zu setzen – besonders komisch, wenn einer der Darsteller sie dann (auf Deutsch!) an „Arme“ im Publikum „verschenkt“. Sonst ist Humor minimal vertreten, etwa wenn ein „Wurm“ (der im früheren Leben ein böser Mensch war) erklärt, warum er auch als Wurm gerne lebt – und doch von einem Karren überrollt wird…

„Battlefield“ – das Schlachtfeld bezieht sich auf die Erde, die Welt und die Menschen. Es geht um Machtverhältnisse, wer regiert nach dem Krieg, wenn so viele gestorben sind, wie macht man es endlich besser? Vor allem aber steht so philosophisch, dass man manchmal Shakespeare zu hören meint, immer wieder der Tod im Mittelpunkt der Betrachtung. Manchmal wird die Handlung erzählt, dann schlüpfen die Darsteller in Rollen, agieren in komprimieren Mini-Szenen. Konzentriert und im Grunde unspektakulär (auch in Erinnerung an großartige, ideenreiche Brook-Inszenierungen), ist hier nicht Schauen und Genießen, sondern einfach Mitdenken, auch ein wenig Mit-Philosophieren angesagt.

Wobei das Hören für Menschen, deren Muttersprache nicht Englisch ist, manchmal schwer gemacht wird – exakte Artikulation bekommt man nur von Sean O’Callaghan, nicht von seinen Kollegen. Ganz wichtig und großartig ist der Beitrag von Toshi Tsuchitori an seiner Trommel – unglaublich, welche Fülle verschiedenster Töne er mit Handflächen und Fingern aus dem Instrument holt. Weniger ist mehr. Mensch, werde wesentlich. Hier ist es das Theater von Peter Brook, das in der Essenz das Wesentliche sagt.

Renate Wagner

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