Der Neue Merker

Wien / Winterpalais: VULGÄR? Fashion Redefined

Raum Saint Laurent

Wien / Winterpalais:
VULGÄR? Fashion Redefined
Vom 3. März 2017  bis zum 25. Juni 2017  

Barock umarmt Moderne

Wenn man sich als Frau fragt: Würde man (vorausgesetzt natürlich, man hätte die  Figur dazu) auch nur eines der Modelle tragen wollen, die einem in der Winterpalast-Ausstellung „Vulgär“ so herrlich entgegenstrahlen, müsste man ehrlich sagen: Nein! (Es sei denn, vielleicht einmal im Fasching…). Fragt man sich, ob einem gefällt, was man sieht, muss sagen: Ja! Und wie! Phantastisch! Das erreicht eine an Opulenz unübertreffliche Präsentation von alter und neuer Mode, die eines gemeinsam hat: Es sind ja doch nicht „Kleider“, die man sieht, sondern letztendlich Kostüme, vor allem, was die Couturiers von heute zeigen. „Fashion Redefined“ kam von London nach Wien und bringt Weltstadt-Schwung exzentrischer Art in die herrlichen Barockräume des Prinzen Eugen. Wenn diese Ausstellung nicht der Hit wird, versteht man die Welt nicht mehr…

Von Renate Wagner

Über „Vulgarität“ phantasieren…       Wenn eine Schau von England nach Österreich kommt, trifft sie auch auf eine andere Sprache. „The Vulgar“ sind auf Englisch eigentlich auch die gewöhnlichen Leute. Auf Deutsch, wo „vulgär“ mit ordinär oder minderwertig gleich gesetzt wirde, kommt man dem näher, worüber die britischen Ausstellungsmacher Judith Clark (Historikerin mit dem Fachgebiet Mode) und Adam Phillips (Psychoanalytiker) bei ihrer Zusammenstellung von einigen kostbaren historischen Gewändern aus dem Victoria & Albert Museum und sehr vielen Beispielen ausgewählter Couturiers philosophierten: Worum geht es bei so viel Aufdringlichkeit, bei so viel Schrille, bei so viel gewollter Exzentrik? Oder sollte man Mode hier gleichzeitig unter Kunst und Zeitgeist einreihen und von abwertenden Urteilen absehen angesichts der überbordenden Kreativität, der man hier zweifellos begegnet?

Eine mehr als geglückte Übersiedlung       Im London war die Ausstellung im Barbican Center zu sehen, einem modernen Betonklotz, wo man sich entschloss, der  Buntheit des Gezeigten gar keinen Rahmen zu geben –  alles schwebte vor leeren Wänden vor sich hin. In Wien musste man die Ausstellung in die herrlichen Barockräume des Winterpalais einpassen, und das ist Kurator Alfred Weidinger hervorragend gelungen. Es ist doch gerade die Welt des Barocks, die auch in nüchternen Zeiten die Augen öffnet für herrlichste Verschwendung aller Mittel, der Farben, der Formen, der Ideen. Und daran mangelt es nicht. Wenn gleich im ersten Raum ein Stück Kirchenornat neben einem einfach und opulent zugleich wirkenden Mantelkleid von Elsa Schiaparelli aus den dreißiger Jahren zu sehen ist und dazu Maria Theresia in einem Riesengemälde von der Wand lächelt, sieht man vielleicht erstmals bewusst auf ihr Kleid… und Jahrhunderte kommen zusammen, in denen (einst wie jetzt und immer) die Notwendigkeit, sich zu kleiden, für die Reichen ein Ausdruck von Luxus und Selbstdarstellung war… Besonders gelungen ist es Alfred Weidinger, unter ein Gemälde von Prinz Eugen etwa eine Mantelkreation von John Galliano zu stellen, in welcher er den Barock geradezu modisch „nachbetet“. Kurz, die Räume – die Judith Clark bei der Pressekonferenz als „breathtaking“ (atemberaubend) bezeichnet hat, spielen mit.

Schön, bunt, wild, verrückt     Seid ihr alle da? Wer immer sich auch nur ein bisschen mit Mode befasst, kennt die großen Namen. Und steht dann vor jenen „geometrischen“, weiß-schwarz-bunt-flächigen Kleidern, die Yves Saint-Laurent berühmt gemacht haben. Vor zart fließenden Kreationen, mit denen Karl Lagerfeld Frauen (die es sich leisten können) nymphenartig umfließt. Starrt auf einen fleischfarbenen Body der Vivienne Westwood, wo das „Feigenblatt“ aufgenäht ist. Vergleicht den Exhibitionismus schier unglaublicher barocker Krinolinen (wie konnte man sich darin bewegen, damit sitzen?) mit Schöpfungen eines Christian Lacroix. Pam Hogg, live zu Gast, lässt sich – selbst ein Kunstgeschöpf – vor ihren Kreationen fotografieren, die in ihrer Verrücktheit ihr ohne weiteres entsprechen (sie ist imstande, auf einen nackten Frauenkörper nur ein paar Lederriemen zu applizieren). Auch für „zu viel des Guten“ hat man absichtsvoll Beispiele gewählt – wieder war es John Galliano, der für das Haus Christian Dior eine Phantasieorgie aus chinesischen Elementen geschaffen hat, deren einzelne Bestandteile gar nicht zu erkennen sind. Und und und… selbst hingehen, ansehen, seine Favoriten wählen. Welch eine Show! Es geht nicht um Geschmack (über den sich bekanntlich streiten lässt). Es geht um Phantasie, und die kann niemand den gezeigten Schöpfungen absprechen. Hier kann man wieder einmal das Staunen lernen.

Wien / Winterpalais:  VULGÄR? Fashion Redefined
Vom 3. März 2017  bis zum 25. Juni 2017   Täglich 10 bis 18 UhrIm Katalog werden die Modelle alle von Female und Male Models gertragen, was stellenweise geradezu surreal wirkt

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