WIEN / Winterpalais: HIMMLISCH!

by R.Wagner | 27. Oktober 2016 16:11

Pinsel  Plakat~1
Fotos: © Belvedere, Wien, 2016 &
© Lviv National Art Gallery

WIEN / Belvedere / Winterpalais:
HIMMLISCH!
Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel
Vom 28. Oktober 2016 bis zum 12. Februar 2017  

Bei ihm kann Holz fliegen…

Er hieß „Pinsel“, aber er malte nicht, sondern schuf die unglaublichsten, stärksten Werke aus Holz: Johann Georg Pinsel, der Barockbildhauer, von dem man persönlich nichts weiß, der uns nur einen Teil seiner Werke hinterlassen hat. Für uns „entdeckt“ wurde er von der Direktion und den Kuratoren des Belvederes im Zusammenhang mit einer für die Zukunft geplanten Sobieski-Ausstellung. Nun lernt man diesen Künstler, der „vielleicht“ aus Österreich stammte, im 18. Jahrhundert im einstigen „Polen / Litauen“ arbeitete und dessen Werke heute der Ukraine gehören, im Winterpalais kennen. Fast eine Sensation.

Von Renate Wagner

Johann Georg Pinsel    Mit der Wiederentdeckung seines Werks wuchs die Neugier bezüglich seiner Person, aber obwohl Wissenschaftler mit Fleiß durch alte Dokumente gestiegen sind, weiß man so gut wie nichts über Johann Georg Pinsel (früher auch „Pinzel“ geschrieben). Nur, dass er wohl um 1761 oder 1762 gestorben ist, sonst hätte seine Frau nicht wieder geheiratet (zwei Söhne der beiden sind in den Kirchenbüchern von Butschatsch, seinem Wohnsitz, verzeichnet). Irgendwo fand man den Hinweis, „Er muss aus Wien gewesen sein“, Belege dafür gibt es nicht. Tatsächlich ist der ganze Mann ein Geheimnis, und was man von ihm weiß, hat die Wissenschaft aus stilkritischen Unersuchungen geschlossen.

Pinsel Raum 1 x~1

Die Welt der vazierenden Künstler    Das 18. Jahrhundert war in hohem Maße von der Migration der Künstler geprägt. Das traf sowohl die Musiker wie die bildenden Künstler: Man ging dorthin, wo man die beste Ausbildung erfuhr (und wohl auch Kontakte knüpfte), und schließlich wanderte man der Arbeit nach. So kann es sehr wohl sein, dass Pinsel mit dem Wunsch (und auch offenbar der besonderen Fähigkeit) als Bildhauer, voran Holzschnitzer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, möglicherweise von Wien ausgehend die Zentren für diese Kunst aufsuchte. Die lagen im Tirolerischen, im Süddeutschen, aber auch im Böhmischen und Mährischen Raum. Dort vermutet ihn Kurator Georg Lechner am ehesten, denn dort herrschte – im Gegensatz zur eleganteren, in Österreich gepflegten Form – jener expressive Stil vor, dessen Meister Pinsel werden sollte. In der Folge ortet man ihn nach seinen Werken an verschiedenen Stellen der damaligen Adelsrepublik Polen – Litauen, rund um Lemberg, die bald nach Pinsels Tod dann 1772 als Königreich Galizien-Lodomerien an die Habsburger Monarchie kam. Heute sind es die Wissenschaftler der Ukraine, die sich um Pinsel verdient gemacht haben. Viele seiner Werke gingen während der Sowjetzeit einfach verloren – manches konnte man an seltsamen Orten wieder finden, etwa als Friedhofsstatue…

Pinsel  Muttergottes   breit~1

Zentrum Butschatsch    Die Stadt Butschatsch, die nicht groß ist, aber zahlreiche Kirchen und ein Rathaus aufwies (im 20. Jahrhundert wurde hier Simon Wiesenthal geboren), war wohl Pinsels Lebensmittelpunkt. Offenbar fand er in dem reichen polnischen Magnaten Nicholas Basil Potocki, von dem es in der Ausstellung ein Porträt  zu sehen gibt und der in Butschatsch eine Burg besaß, einen Gönner. Für die katholische Kirche zu arbeiten, war damals eine ergiebige Profession, und Pinsel tat es auch in Stein, aber seine Fassaden-Figuren sind weit weniger zahlreich als das, was er, holzgeschnitzt, als Innenschmuck für zahlreiche Kirchen schuf. Er war viel beschäftigt, hatte eine Werkstatt mit Mitarbeitern und Schülern, die seinen Stil über seinen Tod hinaus bewahrten.

Pinsel  Samson xx~1

Heilige, Engel, Helden… Und dann steht man vor jenen 19 Holzskulpturen, die aus Lemberg zu uns kamen, und kann nur staunen, wie hier ein Künstler mit genialem Schwung die Schwerkraft aufgehoben zu haben scheint, manches „fliegt“ geradezu in den Himmel, anderen bleibt kraftvoll auf der Erde, und wenn Samson den Löwen bekämpft, dann spielen seine Muskeln und die Krallen des Tieres drohen, die Dramatik ist unglaublich. Nicht anders als „expressiv“ kann man Pinsels Skulpturen beschreiben, auch wenn er sich bei Engeln, Allegorien oder Christus am Kreuz in seiner Bewegtheit zurückhält (doch man betrachte die schaurige Deutlichkeit, mit der er die von einem Nagel durchstoßenen Füße gestaltet). Wo immer es legitim möglich ist, schnitzte er überbordende Gewänder mit wildem Faltenwurf, und er bearbeitete das Holz hart, kantig, schuf schmale, oft böse wirkende Gesichter. Gelegentlich ist er so „modern“, dass man sich nicht wundern würde, wenn man das eine oder andere in einer Ausstellung eines Zeitgenossen präsentiert bekäme. Die vom Belvedere selbst beigestellten Werke von Troger oder Maulbertsch zeigen, wie vergleichsweise „leicht“ es war, Figuren zu malen, denen Pinsel einen Körper verlieh.

Pinsel Kreuz, Füsse~1

Das Winterpalais    Ein Barockmeister wie Pinsel passt perfekt in das barocke Winterpalais des Prinzen Eugen, von dem man zuletzt gehört hat, das Finanzministerium wünsche die Räumlichkeiten zurück. Das Belvedere, das ja im „Sommerschloß“ des Prinzen Eugen wohnt, war natürlich die idealen Institution, auch diese großartigen Räumlichkeiten zu betreiben, die mit ihren Ausstellungen und den Räumen selbst eine echte Bereicherung für Wien (auch den Tourismus) darstellen. Agnes Husslein, die ihre letzten Monate als Direktorin mit bemerkenswerter Standhaftigkeit absolviert, erklärte, dass sie zwei Ausstellungen für 2017 fertig positioniert hat. Ab 24. Februar 2017 wird „FRIVOL – VULGÄR – GEWAGT. Fashion Redefined“ aus dem Londoner Barbican Centre übernommen, über 120 Objekte von der Renaissance bis zum 21. Jahrhundert reflektieren dann über den Geschmack in der Mode. Anschließend gibt es eine historische Ausstellung über jenen Polenkönig Jan Sobieski, der die Wiener 1683 vor den Türken rettete,  an den eine Gedenktafel an der Augustinerkirche erinnert und nach dem man eine Kirche am Kahlenberg benannte. Damals hat sich auch, wie erinnerlich, der junge Prinz Eugen seine ersten militärischen Sporen verdient. Bei den Vorarbeiten zu dieser Ausstellung ist man auf Johann Georg Pinsel gestoßen… Ab 2018 will das Finanzministerium den Vertrag mit dem Belvedere wieder lösen, Agnes Husslein bedauert, dass sie die geplante Ausstellung über das britische Skandalgenie Damien Hirst nicht bis zur Unterschrift fixieren konnte (und damit bis ins Jahr 2018 gekommen wäre) … Jedenfalls wird ihre Nachfolgerin auch daran gemessen werden, ob sie diesen für das Gesamtpaket „Belvedere“ und Prinz Eugen so wichtigen Ort halten kann.

Winterpalais (Himmelpfortgasse 8, 1010 Wien)
Himmlisch!
Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel
Bis 12. Februar 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

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