Der Neue Merker

WIEN / Volx: SELBSTBEZICHTIGUNG

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Fotos: Ulrike-Rindermann

WIEN / Volkstheater im Volx / Margareten:
SELBSTBEZICHTIGUNG von Peter Handke
8.
Dezember 2017

Es ist gut zwei Jahre her, es war gleich zu Beginn der Ära Anna Badora am Volkstheater, als das Haus mit „Selbstbezichtigung“ einen Riesenerfolg hatte – einen der größten je, wie man retrospektiv sagen kann, auch wenn es „nur“ 70 Minuten im Nebenspielraum „Volx“ sind.

Jetzt ist natürlich der richtige Zeitpunkt, das Stück wenigstens ein paar Mal wieder anzusetzen. Erstens haben sich Wiens Bühnen um Peter Handkes 75. Geburtstag gar nicht bekümmert (wozu man allerdings ehrlich sagen muss, dass seine Stärke nicht auf der Bühne, sondern zwischen Buchdeckeln liegt). Und zweitens bedeutet es die Möglichkeit, Stefanie Reinsperger, zwei Jahre lang der „Star“ des Hauses, nun verloren gegangen und Mitglied des Berliner Ensembles (wo sie u.a. als Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ auf der Bühne steht), wenigstens für Kurzbesuche wieder „heimzuholen“. Mit einer ihrer fulminantesten Leistungen.

Handke zuerst, „Selbstbezichtigung“, der Text von 1966, für zwei Schauspieler gedacht, auch schon von mehreren gespielt oder wie hier, als Solo: Einer seiner frühen Theaterversuche, die in erster Linie Sprachspiele waren. Eine schier unendliche Folge von Sätzen, die mit „Ich“ beginnen und erst das Werden des Menschen mit Hilfe von Sprache zeigen, dann sein Sein definieren, schließlich den Weg von Anpassung zu Widerstand und Selbstverständnis gehen. Sehr Handke, sehr gescheit, wahrscheinlich am besten beim Selberlesen zu rezipieren, weil die Meisterschaft von Inhalt und Form möglicherweise Langsamkeit verlangt, während auf der Bühne das Tempo so rasant angezogen wird, dass die Ohren oft gar nicht mitkommen…

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Es ist nicht nur Handke, was Stefanie Reinsperger (die allein durch die schier unfassliche Gedächtnisleistung staunen macht) und ihr Regisseur Dušan David Pařízek hier bieten, aber Handke pur ist es jedenfalls zu Beginn und am Ende. Anfangs liegt sie (nur mit einem fleischfarbenen Höschen bekleidet) nackt auf der Bühne, und das macht Sinn: Denn da „wird“ der Mensch, vom „Ich bin geboren worden“ an. Schritt für Schritt tastet der Dichter das Dasein ab und alles, was man einem Kind beibringt. Wenn eigenes Bewusstsein dazu kommt, dann darf sich die Darstellerin anziehen und anfangen, alle Register zu ziehen.

Wie man wird, was man ist– und dann der Bruch, das Schwenken zum Allerpersönlichsten, dann ist es Stefanie Reinsperger, die von sich spricht (im Hintergrund laufen Theaterszenen, u.a. jene „Nora hoch drei“, die sie mit Dušan David Pařízek im Volkstheater gezeigt hat), sie nimmt darauf Bezug, sie erzählt Persönliches, sie tut es in immer größerer Geschwindigkeit, in tausend sprachlichen und darstellerischen Nuancen, irgendwann kann der Kopf des Zuschauers nicht mehr fassen, was geschieht, aber Stefanie Reinsperger kann es in einem Furioso ohnegleichen weiter und weiter auf die Bühne stampfen, hetzen, schreien, tanzen…

Am Ende wieder, nun die Darstellerin in einem Männeranzug, Handke. Man hört, wie persönlich er beschreibt, was sein „Ich“ getan und unterlassen hat, wie es mehr Selbstdefinition als „Bezichtigung“ wird, denn wer findet heute noch etwas daran, nonkonformistisch zu sein? Im Gegenteil: das ist doch der wahre Konformismus heute, zumal für Künstler…

Am Ende schwirrten die Köpfe der Zuschauer, und der Beifall für die Interpretin, die so viel Nachdenk-Stoff hingeschleudert hat und so viel Bewunderung für das denkbar virtuoseste Können erregte, war nicht enden wollend. Zu Recht.

Renate Wagner

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