WIEN / Volx: MUGSHOTS

by R.Wagner | 20. Dezember 2016 23:36

Mugshots 2 Robert Polster  sitzend
Fotos: Robert Polster / Volkstheater

WIEN / Volkstheater im Volx/Margareten: 
MUGSHOTS von Thomas Glavinic
Uraufführung
Premiere: 16. Dezember 2016,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 20. Dezember 2016

Um diese „Mugshots“ gab es schon jeglichen Wirbel – na ja, man weiß ja erst nachher, dass er nicht der Mühe wert war. Aber als Autor Thomas Glavinic die Uraufführung seines Stücks, das schon vorige Saison durch die Bezirke des Volkstheaters reisen sollte, zurückzog, weil ihm die Regie nicht passte, hatte man Verständnis: Da sorgte sich einer, der sich bisher mit Prosa einen Namen machte, um sein erstes Bühnenkind. Und es war auch nobel von Volkstheaterdirektorin Anna Badora, das Projekt selbst zu verschieben, damit der Autor selbst die Inszenierung übernehmen konnte.

Wenn er uns mit „Mugshots“ erzählen will, dass die Mitmenschen, die sich gar nicht genug auf ihre „politische Korrektheit“ einbilden und diese im Bauchladen vor sich her tragen, letztlich Heuchler sind, wenn es um den Ernstfall geht… dann könnte das als Vorgabe eine scharfe Komödie ergeben. Aber dazu scheitert sein Stück an der verdrehten Story, die er sich ausgedacht hat.

Gewiss, Hauptfigur Christoph wird ziemlich gnadenlos vorgeführt: Früher hatte man Yuppie gesagt, heute ist neuerdings die Bezeichnung „Bobo“ dran, Bohemiens möchten sie gerne sein, Bourgeouise sind sie in tiefster Seele, die Mischung ist teuflisch. Geld haben sie, das sie am liebsten für chices Essen ausgeben (da sind sie wirklich Fachleute, da muss noch ein extra besonderer Käse extra geliefert werden, damit man ihn über irgendetwas reiben kann – ja, und bitte, Wachteleier soll man schon würdigen und nicht Eierspeise daraus machen). Zu viel trinken gehört dazu, ist aber als Fehlverhalten nicht so ernst zu nehmen, mehr als einmal im Monat stürzt man nicht ab. Aber wenn man gefragt wird – also ideologisch ist alles richtig, für die Rechte und Würde der Frau, gegen Rassismus, Antisemitismus, gegen all die hässlichen Sachen, für die nur die hässlichen Leute sind… kurz, dieser Christoph ist sehr zufrieden mit sich selbst.

So richtig gelungen ist er dem Autor von Anfang an nicht, wenn er aus dem Rausch erwacht und sich schrecklich „wie im Theater“ benimmt, und wenn dann die fremde junge Frau in seinem Bett auftaucht – ja, da ist der Dialog recht hölzern, so redet man nicht, wenn es letztlich ja doch realistisch gemeint ist, das holpert und stolpert sprachlich die meiste Zeit nicht wirklich überzeugend daher.

Wenn nun, was ohnedies klar ist, Christoph als Schaumschläger vorgeführt wird, hat sich der Autor allerdings den denkbar schlechtesten, letztlich einfach albernen Anlassfall ausgedacht. Dass die junge Dame im Bett sich nicht als One Night Stand herausstellt, sondern offenbar als mit nach Hause genommene Prostituierte – gut. Dass diese Anastasia aus Kiew nun fordert, von Christoph „gerettet“, sprich: von ihrem Zuhälter „freigekauft“ zu werden (so 50.000 bis 100.000, wobei einem dies ohnedies wie ein Schnäppchen vorkommt), ist einfach eine Albernheit (wobei sie für das Opfer, das sie spielt, ganz schön gewieft ist). Nicht vom schwächlichsten Gutmenschen würde man verlangen können, dürfen, dass er für eine besoffene Nacht, an die er sich nicht erinnert, und blödes Gerede (das er von sich gegeben hat oder nun nicht) das Schicksal eines fremden Menschen mit voller Verantwortung (und Konsequenzen jeder Art) um den Hals gehängt bekommt. Dass die Prostituierte aus dem Osten es versucht – na gut. Aber da geht es jetzt nicht mehr um eine moralische Frage, wie der Autor impliziert, sondern darum, ob der gute Mann ein Trottel ist oder nicht. Bitte, etwas gesunden Menschenverstand!

Mugshots BodenRobert Polster sitzend

Besonders wackelig ist dann das Ende – irgendwann drückt die Dame, deren Benehmen nicht zu glauben und nicht zu erspielen ist (Nadine Quittner kann nichts dafür), offenbar den richtigen Knopf, und der arme, hin und her wackelnde Bobo (Christoph Rothenbuchner tut, was er kann, mit diesem Text) hält lange Reden über das Elend der Welt, das ihn überkommt, wäre sogar zu 50.000 bereit – und auf einmal will die Lady nicht mehr und zieht ab. Wie bitte? Was soll das?

Und im übrigen kann man Thomas Glavinic nur eines sagen, falls er weiter Regie führen will: Es ist elementar ungünstig, ein Stück dauernd im Zwielicht spielen zu lassen, denn das strengt die Zuschauer mehr an als nötig. Dann kommen einem auch eineinviertel pausenlose Stunden sehr lang vor – zumal, wenn da ein Stück herumsegelt, das seinen Zielhafen nicht wirklich kennt und zwischen Boulevard und moralischem Zeigefinger ins Nichts stürzt.

Renate Wagner

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