Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: WIEN OHNE WIENER

WienohneWiener Szene
Foto: lupispuma_com 

 

WIEN / Volkstheater:
WIEN OHNE WIENER
Ein Georg-Kreisler-Liederabend von Nikolaus Habjan und Franui
Premiere: 11. Oktober 2017,
besucht wurde die Vorstellung am 15. November 2017

Die Wiener sind ein masochistisches Volk. Anfangs schreien sie zwar „Au“, wenn man sie beschimpft, dann aber entwickeln sie einen wahren Kult um ihre Kritiker. „Der Herr Karl“ wird als Stück ebenso angebetet wie die Werke von Thomas Bernhard, je böser er sich über seine Österreicher äußert. Und bei Georg Kreisler ist das nicht anders. Einst hat man sich über das „Tauberl vergiften“ entrüstet, heute kann man nicht genug bekommen von Kreislers Anti-Wien Sottisen.

Sie sind ja auch teilweise brillant, und da Wien ja bekanntlich Wien bleibt (und das geschieht uns recht), scheint manches auch in einer neuen Welt aktuell, was er da vordringlich in den Fünfziger Jahren geätzt hat. Es sind allerdings schmale Kabarett-Nummern, und man ist sich nicht ganz sicher, ob das Aufblasen zu einer „Show mit Puppen“, wie es hier im Volkstheater geschieht, dem Ganzen wirklich gut tut, zumal Prägnanz und Verständlichkeit mit großer Bühne, Mikroboard und auch einem ziemlich lauten „Orchester“ (die Osttiroler Musicbanda Franui) stark beeinträchtig werden.

Wien-ohne-WienerFranzmeier mit Puppe Wien-ohne-Wiener_Puppenköpfe hoch

Und um die Texte geht es ja an sich  – aber auch diese sind bei annähernd 30 Nummern in pausenlosen eindreiviertel Stunden nicht gleichmäßig im Niveau, in der Aussage, im Witz: Inhaltlich ist da weit weniger zu holen, als zu erhoffen war. Dies vermutlich fühlend, hat Nikolaus Habjan als Autor, Regisseur und Puppenspieler den Abend dann optisch überbordet – wobei seine entsetzlich hässlichen Puppenfratzen hier natürlich relativ gut passen, denn sie sollen ja die hässlichen Wiener-Seelen nach außen stülpen… Wenn diese Puppen allerdings so offen über die Bühne geschleppt werden (sonst werden die Spieler ja tunlichst verborgen), merkt man auch, wie kompliziert es ist, mit ihnen umzugehen, dass es zwei Leute braucht, sie zu tragen, zu bewegen und ihnen Stimme zu geben… so genau will man es gar nicht wissen.

Georg Kreisler kommt – mit einigen wenigen wirkungsvollen und vielen beiläufigen Nummern – an diesem Abend mittelmäßig zur Geltung, aber sechs Darsteller tun ihr Bestes, und das ist sehr gut: Isabella Knöll und Claudia Sabitzer sind starke Diseusen, die ihre Texte gestalten, Günter Franzmeier brilliert (obwohl gebürtiger Oberösterreicher) mit abgrundtiefen Wiener Tönen, Stefan Suske ist als Sprecher klarer zu verstehen denn als Sänger, und Christoph Rothenbuchner und Gábor Biedermann, zwei äußerst biegsame Herren, springen wie aggressive Teufelchen herum und sprühen souverän Bosheit. Im Sinne des Erfinders, kein Zweifel.

Auch in der x-ten Repertoirevorstellung war der Abend gut besucht, und das Publikum beklatschte die schwarzgeränderte Wien-Show wohl mehr als Unterhaltung denn (zumindest partiell) als Kritik, über die man sich den Kopf zerbrechen könnte.

Renate Wagner

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