WIEN / Volkstheater: RECHNITZ (DER WÜRGEENGEL)

by R.Wagner | 11. Dezember 2016 23:25

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© Valerie Tiefenbacher / Volkstheater

WIEN / Volkstheater: 
RECHNITZ (DER WÜRGEENGEL) von Elfriede Jelinek
Premiere: 11. Dezember 2016 

Ein Verbrechen schlimmster Art im März 1945, eine Party artet zur Jagdgesellschaft aus, und da hat man ja „Tiere“ bei der Hand, die man straflos abschießen kann, nämlich rund 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Die Gräfin Batthyány und ihre SS-Freunde vergnügen sich solcherart auf ihrem Schloß im Burgenländischen Rechnitz, dann kommen die Russen, die Schuldigen suchen das Weite, niemand will über das Geschehene sprechen, noch weniger Reue empfinden.

Fakten wie Wasser auf die Mühlen der Elfriede Jelinek, die ihren österreichischen Landsleuten ihre Verdrängungen und Verlogenheiten nicht durchgehen lässt. „Rechnitz (Der Würgeengel)“ ist ein großer Österreich-Text, der als Hasserklärung alles übertrifft, was Thomas Bernhard seinen Landsleuten entgegen geschrieen hat.

Wie üblich ist es eine riesige, komplexe, vielfach verklausulierte Textfläche, mit der die Regisseure machen können, was sie wollen, was ihnen dazu einfällt. Man hat in Wien bei den Festwochen 2010 die Uraufführungs-Inszenierung der Münchner Kammerspiele von 2008 gesehen. Regisseur Jossi Wieler inszenierte mit zwei Frauen und drei Männern vor Schießscheiben eine „Seitenblicke“-Gesellschaft, die sich in ihrem Unrecht geradezu suhlte. Ihm gelang es das „Täter-Geschwätz“, das die Schuldigen achselzuckend abtaten, zu einem schaurigen Theaterabend zu verdichten und tatsächlich eine Art Stück daraus zu machen.

Nun sind die Texte der Jelinek ja im Grunde zu schwierig, um in jedem Detail antizipiert zu werden, wenn sie nur auf der Bühne gesprochen werden. Wollte man sie wirklich voll begreifen (abgesehen von der Lektüre), wäre wohl eine konzentrierte „Sprech-Oper“ die Form, den Gedanken, den Formulierungen, den Abgründen des Jelinek’schen Schreibens nachzuspüren. Doch im Volkstheater hatte Regisseur Miloš Lolić wohl Angst, ein Publikum mit geringer Aufmerksamkeitsspanne könne sich langweilen. So opferte er über weite Stellen Kraft und Klarheit des Textes einer gewaltigen Show. „Ich glaub’, ich bin im falschen Stück“, darf einer der sieben Darsteller einmal sagen. Es ist zu befürchten.

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© www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie kriechen zu Beginn aus einem Loch: Sieben Gestalten in schimmernden schwarzen Bodies, Netzstrümpfen, High Heels, egal, ob Damen oder Herren. Da wird getanzt (die heutzutage offenbar unabdingbaren Videos verstärken den Effekt), dass sich Musical-Bretter biegen. Die Darsteller ziehen sich vielfach um, da glitzert es auch immer wieder, sie toben über die Bühne, oftmals fungieren Teile des Bühnenbilds dazu, darauf lange Passagen von Pop-Musik-Filmen einzuspielen. Das alles erscheint völlig willkürlich (ebenso wie das, was sich als „Bühnenbild“ von Paul Lerchbaumer gibt), und man fragt sich die längste Zeit, was der Abend eigentlich erzählen will.

Erst am Ende, wenn es zur eigentlichen Schilderung der „Jagd“ kommt, konzentriert sich der Regisseur halbwegs auf den Text, aber dennoch zerfasern die sprachlich und gedanklich trickreichen Anklagen der Jelinek unter dem Ansturm unklarer „Regieeinfälle“ immer wieder und gehen auch verloren.

Dazu kommt, dass es – wie man es leider, leider in Badoras Volkstheater schon gewöhnt ist – um die sprachliche Seite der Darsteller schlecht steht, besonders schlimm bei Steffi Krautz und auch Birgit Stöger, was hat man davon, wenn sie ihre Anklagen lustvoll-zynisch-gehässig ins Publikum fetzen – und man versteht sie akustisch nicht? Bei Katharina Klar und Claudia Sabitzer geht es besser, bei den drei jungen Männern Thomas Frank, Kaspar Locher und Sebastian Klein auch, aber am Ende hat man vor allem eine pausenlose, zweistündige Show gesehen – und Rechnitz und was uns die Jelinek zu sagen ist, ist weitgehend unter die  Räder gekommen. Wird der Selbstzweck virtuosen „Inszenierens“ immer mehr die Substanz der Stücke auffressen?

Renate Wagner

 

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