Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: NIEMANDSLAND

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© www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

WIEN / Volkstheater: 
NIEMANDSLAND von Yael Ronen und Ensemble
Uraufführung in Graz
Premiere in Wien: 25. September 2016,
besucht wurde die Vorstellung am 4. Oktober 2016

„Osama ist Palästinenser, Jasmin Israelin. Nach ihrer Hochzeit suchen sie einen Ort, an dem sie gemeinsam leben können, und landen in Wien.“

So bewirbt das Volkstheater den „Niemandsland“-Abend von Yael Ronen, den die israelische Regisseurin traditionsgemäß mit ihrem Ensemble erarbeitet hat. Das Publikum erwartet zweifellos ein Israel / Palästina-Problem, es waren in dieser Folgevorstellung auffallend viele jüdische Gesichter im Publikum, die wohl zu Recht erwarten konnten, dass es um ihr Problem geht. Doch das ist Etikettenschwindel.

Jasmin Avissar und Osama Zatar sind „echt“, spielen sich selbst (und nicht gut, denn Schauspieler ist immer noch ein Beruf, der erlernt werden will), leben heute mit Kind friedlich in Österreich und lassen ihre Geschichte, die im Stück kaum rudimentär vorkommt, nur im Programmheft auf das Publikum los – was zu einer heftigen Israel-Beschimpfung führt, während die Palästinenser eindeutig besser weggekommen, wenn auch ebenfalls nicht gut: Mischehen wollen beide Teile ganz offenbar nicht, und dass sie die Beteiligten schikanös behandelt haben – ehrlich, wen wundert es? Nicht, dass es in irgendeiner Weise gerechtfertigt wäre. Aber was soll ein Protest in einem Programmheft?

Im übrigen schälen sich aus „Niemandsland“ drei Blöcke der Problematik heraus, von denen zwei zusammenhängen: Zuerst begegnet man der alten Azra Avdović (die Birgit Stöger in einer Kunst-Sprechweise in ihrer Unleidlichkeit so überdreht, dass es schier unerträglich verkünstelt ist – und keinesfalls eine große Charakterstudie), die mit der Tochter aus dem Balkankrieg geflohen ist und die Vergewaltigungen und Übergriffe, die sie erleiden musste, nicht verarbeiten konnte. Warum ihre verständnisvolle Tochter Leila (Seyneb Saleh) für ein Projekt ausgerechnet nach Palästina (!) gehen muss, das erklärt keiner und ist auch wahrlich aus der Luft gegriffen. Die Figur des heiße Luft verbreitenden Gutmenschen-Wissenschaftlers (Knut Berger) hat zwar auch keine echte Funktion, könnte aber so, wie er da steht, stimmen.

Die zweite Seite dieser Medaille dreht sich rund um Miloš Dragović (Sebastian Klein), der als Schauspieler vollmundig postuliert, man müsse die Gräuel der Vergangenheit auf der Bühne aufarbeiten – aber wenn plötzlich der eigene Vater in Belgrad als Kriegsverbrecher vor dem Tribunal steht, sieht die Sache anders aus. Auch eher logisch.

Ein allzu glatter Anwalt mit der Fähigkeit, aus Gutmenschen Geld zu lukrieren, arbeitet mit großer Beachtung von allen Seiten (der „Spiegel“ schreibt eine Geschichte!) für eine tapfere syrische Bloggerin (lesbisch ist sie auch noch), aus deren Verschwinden er jede Menge Publicity schlägt – bis er zugibt, sie einfach erfunden zu haben. Angeblich nur, um die Mechanismen der heutigen Medienwelt aufzudecken. Keine schlechte Idee, und Julius Feldmeier spielt den schleimigen  Egomanen, der nur sich („Meine Zähne müssen fürs Fernsehen perfekt sein“) und seine Börse befriedigt, fabelhaft – das üble Bürschchen, das im großen Teich des Unglücks vprachtvoll verlogen und wichtigtuerisch mitschwimmt.

Durch das Geschehen segelt noch Jan Thümer als gewissenloser Journalist, und er hat, wie alle anderen, eine Menge künstliches Theater zu machen (in seinem Fall geht es etwa darum, sich den Anzug vollzuspeiben – wozu eigentlich?).

Dass aus dem Stückwerk kein Stück wird, wen stört es? Hier wird heutige Problematik auf die Bühne gebracht, halt klischiert, halb (scheinbar) kritisch, das reicht schon, um den allgemeinen Applaus von Kritik und Publikum einzufahren, auch wenn die Qualität des Gebotenen, schaut man genau und unbeeindruckt von so viel Spekulation hin, bescheiden ist. Hinter der angeblichen „Natürlichkeit“ des Gebotenen steht die ultimative Künstlichkeit.

Renate Wagner

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