Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: MEDEA

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Copyright: Stefan-Krische

WIEN / Volkstheater: 
MEDEA von Franz Grillparzer
Premiere: 20. November 2016,
besucht wurde die Vorstellung am 27. November 2016

Volkstheater-Direktorin Anna Badora hat der Regisseurin Anna Badora nicht weniger als zehn Probenwochen bewilligt (ob alle Regisseure am Haus so großzügig viel Zeit bekommen?), um Grillparzers „Medea“ auf die Bühne zu bringen – aber eigentlich mehr. Tatsächlich hat sie (oder die Dramaturgie oder alle zusammen) die „Medea“ nicht für sich stehen lassen, was oft geschieht, aber nicht sinnvoll ist.

Bekanntlich hat Grillparzer mit dem „Goldenen Vlies“ eine Trilogie geschrieben, eine Vorgeschichte in zwei Teilen voll von Unrecht, das ins spätere Geschehen greift. Und dem trägt die Volkstheater-Aufführung, die sich dem Stück mit viel Respekt nähert, in Form von geschickten Einsprengseln, die als Rückblenden gekennzeichnet sind, Rechnung. Warum uns Medea im dritten Teil der Trilogie als so „belastetes“ Geschöpf entgegen tritt, wird solcherart klar.

Im übrigen hat Anna Badora wie verrückt gestrichen und kommt auf eine „normale“ Spielzeit von zweieinhalb Stunden. Das nimmt dem Stück Schnörkselwerk, das Zuschauern von heute nicht abgeht, reduziert aber Figuren in ihrer Bedeutung und vereinfacht die Psychologie. Dennoch – wesentliche Elemente dessen, was der Dichter sagen wollte, kommen in einer Aufführung, die irgendwie vage zwischen gestern und heute spielt, gut heraus. Ein neutrales Drehbühnenbild (Thilo Reuther), mehr oder minder heutige Kostüme (Werner Fritz) und sehr viel illustrierende Musik, die teils verstörend, teils gegen den Strich der Handlung gebürstet ist (Klaus von Heydenaber), geben dem Abend Zeitlosigkeit. Dass Medea in einem Zelt neben dem Palast haust, ist der einzige Hinweis auf eine Flüchtlingswelt, im übrigen hat die Regisseurin das Thema nicht überstrapaziert, geht auch nicht so sehr auf die „Ausländer“-Situation der Titelheldin ein. Vielmehr ist sie die Frau, die sich für den Ehemann in einer neuen Lebenssituation als überflüssig, ja, als Belastung erweist und die er schlicht und einfach los werden will. Wie hier eine Frau ausgegrenzt wird, an den Rand gedrückt, wie sie schließlich einfach verschwinden soll – das ist keinesfalls eine Situation, die uns fremd oder gestrig vorkommt. Und wenn ein solcher Mensch dann gewalttätig ausrastet – nun, dergleichen liest man immer wieder in der Zeitung.

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Stefanie Reinsperger (lupispuma.com)

Dass „Medea“ hier so zur privaten Frauentragödie wird, liegt an der Hauptdarstellerin. Stefanie Reinsperger, die so blond und freundlich wirkt, ist a priori nicht das, was man sich unter einer Medea vorstellt – das ist nicht die von leiser Exotik umwitterte „Fremde“, ihr glaubt man keinesfalls die „Zauberin“, vor der man sich fürchten muss, das ist anfangs ein nettes Frauchen, das sich an eine neue Umgebung anpassen will. Nach und nach aber zieht Stefanie Reinsperger ihre Register. Sie ist eine echte Power-Schauspielerin, ihre Auseinandersetzungen mit Jason werden zu brillanten Ausbrüchen, ihr Kampf um die Kinder hat klassisches Tragödienformat, nur im  Finale (die Regisseurin hat das Meiste ihres abschließenden Monologs gestrichen) wird sie dann ganz still: Es ist vorbei, es ist ausgestanden. Allerdings zuletzt mit einer Dichte, die das Publikum auch in einer Repertoirevorstellung zu hellem Jubel bringt. Und das bei Grillparzer.

Zwei Frauen sind neben der Reinsperger besonders gut: Anja Herden wurde als Gora zwar in ihren Möglichkeiten reduziert, aber wo sie agiert, ist starke, mutige, unübersehbare Präsenz zu spüren (man würde ihr mehr Interaktion mit Medea gönnen). Und Evi Kehrstephan schlägt als Prinzessin Kreusa wieder jenen Ton einer Society-Lady an, mit dem sie schon im „Menschenfeind“ überzeugt hat – eine Frau von heute, die ganz sympathisch ist, aber nicht wirklich taktvoll, die zeigt (was auch Grillparzer wunderbar erfasst hat), wie schwer es für die Mächtigen  ist, mit den Armen und Schwachen, zu denen man natürlich nett sein will, umzugehen… zwischen gönnerhaft, herablassend und ja doch ein wenig belästigt.

Gábor Biedermann in zwei Rollen, vor allem aber als Jason, überzieht das jammernde Weichei vielleicht ein bisschen (nachdem er und die Reinsperger eine herrliche „Liebe auf den ersten Blick“-Szene gespielt haben), er wird knieweich rücksichtslos, wo er doch eigentlich ein übler Zeitgenosse ist – aber einer, dem auch der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und der einfach sein gutes Leben (bitte ohne Medea!) wieder haben möchte: eine von Grillparzers meisterlichen Schwächlings-Gestalten.

Günter Franzmeier ist der perfekte Herrscher im weißen Anzug – souverän, gnadenlos, mit der Tendenz, Medea am Ende noch an den Hintern zu greifen, so schauen Konzernchefs aus, die ihre Macht genießen. Michael Abendroth begeht Unrecht, als müsste es so sein, Michael Köhler ergänzt die Besetzung, und für die ganz junge Medea des „Gastfreundes“ gibt es ein jugendliches „Double“ für Stefanie Reinsperger. Die im übrigen den Abend voll und ganz in Besitz nimmt. „Medea“ nicht als politische, sondern als private Tragödie.

Renate Wagner   

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