Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: DIE ZEHN GEBOTE

Zehn Gebote
Foto: © www.lupispuma.com / Volkstheater

WIEN / Volkstheater:
DIE ZEHN GEBOTE
Nach den Filmen von Krzysztof Kieślowski
Bühnenbearbeitung von Stephan Kimmig und Roland Koberg
Premiere: 15. Dezember 2017  

Man sollte als Theaterbesucher nicht gezwungen ein, das Programmheft zu konsultieren, um seinen Weg durch einen dreistündigen Abend zu finden, der gegen eines der elementarsten Gebote verstößt: Du sollst nicht langweilen.

Genau das geschieht, wenn Stephan Kimmig – nach vielen Burgtheater-Jahren erstmals am Volkstheater tätig – ein kompliziertes Projekt angeht, das sich im Rückblick nicht lohnt. Zurückgegriffen wird auf die Arbeit des polnischen Filmregisseurs Krzysztof Kieślowski ((1941–1996), der zusammen mit seinem Kollegen Krzysztof Piesiewicz die Filmserie „Dekalog“ geschrieben hat. Aus dieser haben Kimmig und Dramaturg Roland Koberg nun einzelne Szenen herausgeholt und zusammen (gelegentlich auch durcheinander) gemixt.

Was hier pathetisch und a priori als Unnatur aus dem Drehbuch kommt (wobei Film eine andere Kunstform ist als Theater – no na!), wird von Kimmig als Regisseur noch übersteigert, verfremdet und theatralisch dem Regietheater der sinnlosen Aktionen preisgegeben. So tut man sich am Ende schwer, mit den Geschichten auch nur irgend etwas anzufangen. Wo man sie thematisch jeweils bei den „Zehn Geboten“ einordnen soll, ist nur selten ersichtlich – aber, wie gesagt, es gibt ja das Programmheft…

Eine Frau, die den Ex-Liebhaber gerade am Heiligen Abend mutwillig von seiner Ehefrau weglocken will; eine Tochter, die unerträglich kreischend vorgibt, ihr Vater sei gar nicht ihr Vater, damit sie ihn sexuell belästigen kann; verwirrende Geschichten um zurück gestohlene Kinder, einen impotenten Arzt, eine coole Nutte, die ihren romantischen Stalker desillusioniert, Geschwisterzank um wertvolle Briefmarken – die Vorgaben könnten für die Bühne nicht alberner und uninteressanter sein.

Ja, und dann wird mit ganz dickem Geschütz aufgefahren – der Rechtsanwalt, der von einem jugendlichen und zu Tode verurteilten Mörder erzählt, der dann (das ist Hollywood C-Movie) vorweint und vorbrüllt, dass er nicht sterben will; und zwei Wissenschaftlerinnen, von denen sich (nicht überraschend) herausstellt, dass eine das jüdische Kind war, das überlebte, obwohl die andere damals, in Nazi-Zeiten, die Hilfe verweigert hat… So schlicht sollte man es nicht geben dürfen.

Aber, wie gesagt, der Regisseur macht es in dem seltsamen Bühnenbild (Oliver Helf), das von einem nicht benötigten Vorderteil eines Lastwagens beherrscht wird, alles höchst kompliziert, emotional, künstlich bis zur Albernheit: Man ist seinem Ruf etwas schuldig.

Für die Darsteller wird der Abend zu einer Perücken-Partie – sie sind zu acht, wobei die einst hoch geschätzte Jutta Schwarz hier (unter blonder Perücke nicht zu erkennen) eigentlich keine Funktion hat. Die anderen müssen sich dauernd verwandeln, wobei ihnen (Kostüme Anja Rabes) nicht nur die Alltagsfetzen helfen, sondern stets auch die Haartracht, die vermutlich immer absichtsvoll unecht aussieht.

Schwer zu sagen, wer wann wirklich beeindruckt – die Damen Anja Herden, Nadine Quittner und Seyneb Saleh sind jedenfalls schwer und bis zur Selbstentäußerung beschäftigt, die Herren Gábor Biedermann, Peter Fasching, Lukas Holzhausen und Jan Thümer tun ihren Teil, und zwei begabte Kinder werden auf die Bühne geschleppt, der Junge muss auch Geige spielen, das Mädchen tanzen und Spagat machen…

Gelegentlich gibt es ein paar Sätze in Polnisch. Die angekündigten Übertitel auf Englisch und Polnisch sind ein schlechter Witz – hellgrau auf dunkelgrau, und so klein, dass man sie schon in den vorderen Reihen nicht lesen kann. Aber der ganze Abend ist – trotz des Premierenbeifalls des treuen Publikums – durch und durch eine Mogelpackung, die keinen Inhalt und keine Aussage hat, also sind die nicht funktionierenden Übertitel nur eine Sinnlosigkeit unter vielen.

Renate Wagner

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