Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: DIE RÄUBER (Gastspiel)

Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth (stehend, v.l.n.r.), Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann (sitzend, v.l.n.r.) in ServusTV's "Die Räuber" nach Friedrich Schiller.

Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth (stehend, v.l.n.r.), Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann (sitzend, v.l.n.r.) in ServusTV’s „Die Räuber“ nach Friedrich Schiller  / Alle Fotos: Servus TV

WIEN / Volkstheater: 
DIE RÄUBER nach Friedrich Schiller
Gastspiel einer Produktion von Servus TV
Premiere in Wien: 18. Oktober 2016 

Ganz klar, dass man sich die „Servus TV Räuber“ im Fernsehen angesehen hat. Nicht nur des gebeutelten Matthias Hartmann wegen, der so tapfer versucht, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, sondern weil diese Mischform von Theater / Video / Fernsehen etwas sehr Zeitgemäßes hatte. Zumal wenn man dann Stars einspielt, die Live wohl nicht vorüber kämen (Moretti zum Beispiel).

Aber wenn nun diese „Räuber“, die ja in einem Salzbuger Theater produziert wurden, nun auf Tournee auch in ein Wiener Theater kommen – als Gastspiel ins Volkstheater -, dann ist die Neugierde, wie das „echt live“ wirkt, natürlich groß.

Also – wie war das? Zuerst kam Matthias Hartmann vor den Vorhang, erzählte, wie aufgeregt er sei und wie er sich freue, wieder in Wien zu sein. „Die Ereignisse der letzten Jahre“ (sprich –  er sagte es natürlich nicht so -, weil man ihm vom Burgtheater weggejagt hatte) hätten ihn zu einer näheren Beschäftigung mit dem Film gebracht. Und nun bringe er einen „Theaterfilm“ mit – live.

Die Conference dauerte an, Hartmann genoß es offenbar, im Mittelpunkt zu stehen und berichtete, dass diese von Servus TV erstellte Produktion offenbar gerne Helmer & Fellner-Theater habe – in Salzburg war die Uraufführung, in Hamburg hat man gastiert, nun sei man im Volkstheater, alles Bauten des legendären Wiener Theater-Architekten-Duos. Dann wurde festgestellt, dass man ausnahmsweise in der ersten Reihe diesmal nicht am besten, sondern am schlechtesten sähe, und so bemühte sich Hartmann, Besucher von vorne nach hinten „umzusetzen“. Am Tag darauf würde ihm das nicht gelingen, denn, strahlte er, „wir sind ausverkauft“.

Wann haben wir eigentlich lernen müssen, dass Theater allein nicht genug ist? Es war wohl Frank Castorf, der als Erster die Bildschirme auf die Bühne gebracht hat und uns seither mit der Verdoppelung des Geschehens durch große Wackelbilder Kopfweh bereitet – wobei man das Original bei ihm auch nur teilweise zu sehen bekommt, weil es sich gern hinter der Bühne abspielt. Katie Mitchell hat dann Handkes „Wunschloses Unglück“ im Kasino hinter Wänden unsichtbar spielen lassen und provokanterweise nur noch die Übertragung des Live-Geschehens geboten.

Hartmann ist raffinierter: Die Bühne ist zweigeteilt, dem Ausschnitt unten, wo „live“ agiert wird (und man die herumwieselnden Kameras, die verschobenen Dekorationsstücke etc. alles mitbekommt), entspricht in exakter Größe dem Riesenbildschirm darüber (das heißt, dass die vorderen Reihen wirklich Genickstarre nach sich zogen). Auf diesem Bildschirm läuft von Anfang bis zum Ende ein Mix aus Übertragung von „unten“ und Vorproduziertem, wobei die Darsteller angeblich live in die schon vorhandenen Szenen hineingehen (was aber zumindest manchmal ein Schwindel gewesen sein dürfte).

Was bei diesem Spektakel, das durchaus den Gleichgewichtssinn des Zuschauers beschädigt und Kopfweh nach sich ziehen kann, weitgehend verloren geht, sind Schillers „Räuber“. Und dabei wären doch gerade die Szenen der jungen Männer, die sich aus Idealismus aus der Gesellschaft verabschiedet haben und aus Protest schweres Unrecht tun, heute wichtiger als alles andere: Das sind unsere Terroristen im Gewand von damals, Schiller hat viel dazu zu sagen, aber es geht im Gestaltungstrubel unter („Inszenierung“ kann man ja bei so viel Technik kaum noch sagen).

Emanuel Fellmer (Franz Moor), Coco Koenig (Amalia) und Laurence Rupp (Karl Moor) in ServusTV's "Die Raeuber" nach Friedrich Schiller.

Emanuel Fellmer (Franz Moor), Coco Koenig (Amalia) und Laurence Rupp (Karl Moor) in ServusTV’s „Die Raeuber“ nach Friedrich Schiller.

Einziger „moderner“ Aspekt – dass die Darsteller manchmal Schiller kommentieren, in Frage stellen, erklären, aber auch das bleibt eher am Rande. Die Darsteller erscheinen jedoch sehr nah – nicht, weil man sie unten auf der Bühne sieht, sondern weil sie in riesigen Nahaufnahmen auf der Leinwand erscheinen. Wobei Laurence Rupp ein sehr starker, gerader Typ für den Karl ist, Coco König mehr als nur ein schönes Mädchen für die Amelia und der sehr präsente Emanuel Fellmer wieder einmal zeigen muss, dass man die Kanaille Franz einfach nicht vom Brunnenvergifter wegspielen kann. Neben Nico Ehrenteit als grimassierender „Erzähler“ des Stücks (es muss ja in den ganzen technischen Firlefanz eingeführt werden) agieren noch Schauspielstudenten des Salzburger Mozarteums als die jugendlichen „Räuber“.

Der Rest ist Konserve, Friedrich von Thun als sehr konservativer alter Moor, Tobias Moretti als Pater, Oliver Stokowski als Hermann und Harald Serafin, der – ganz sein strahlendes Selbst – in den Volkstheater-Zuschauerraum hereintänzelte (seine Arbeit war getan) als leicht parodistischer alter Diener.

Harald Serafin als "Daniel"  in ServusTV's "Die Raeuber" nach Friedrich Schiller.

Harald Serafin als „Daniel“ in ServusTV’s „Die Raeuber“ nach Friedrich Schiller.

Der gut gemischte Film „oben“ war natürlich abwechslungsreicher und auch besser zu sehen als das, was man auf der Bühne „unten“ wahrnahm. Wozu also, fragt sich der „alte“ Theaterbesucher, ins Theater gehen, wenn’s im Fernsehen ohnedies viel schöner ist?

Bloß – der wirklich lange Zeit nicht endenden wollende Jubel des Publikum gibt zu denken: Den erntet man auf dem Fernsehschirm nicht. Also doch – ins Theater?

Renate Wagner

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