Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: DIE KLEINE KOMÖDIE

Schnitrzler Platz Schild x

WIEN / Volkstheater:
DIE KLEINE KOMÖDIE und FRÜHE THEATERSZENEN von Arthur Schnitzler
13.
September 2017

Noch bis vor wenigen Monaten lautete die Adresse des Volkstheaters „Am Weghuberpark“ (obwohl die Front zur Burggasse / Museumsstraße zeigt). Den Platz direkt vor dem Eingang, der durch den großen U-Bahn-Aufgang eher klein ist, nun nach Arthur Schnitzler zu benennen, hatte jegliche Berechtigung. Zwar war zwischen 1895, der Uraufführung der „Liebelei“, bis zu seinem Tod mehr oder minder das Burgtheater „sein“ Haus. Zwar wurde die so genannte „Schnitzler-Renaissance“ rund um seinen 100. Geburtstag 1962 vom Theater in der Josefstadt (und den großen Schauspielern dort – Leopold Rudolf, Vilma Degischer, Erik Frey, Michael Heltau) getragen.

Aber das Volkstheater, das zu seinen Lebzeiten noch „Deutsches Volkstheater“ hieß, spielte dennoch eine große Rolle in Schnitzlers Leben. 1893 gab man an diesem Haus dem jungen Dichter seine erste Chance: „Das Märchen“ kam zur Uraufführung und wurde zu einem gewaltigen Skandal. So wie der „Reigen“, der 1921 in den Räumen der heutigen Kammerspiele, die damals noch zum Volkstheater gehörten, seine Wiener Erstaufführung erlebte. Das Deutsche Volkstheater war es auch, das den „Anatol“ 1910 erstmals als Zyklus gesammelt spielte, und 1929 gab es hier noch die Uraufführung von „Im Spiel der Sommerlüfte“. Zweifellos ein Schnitzler-Haus.

Als man den „Arthur-Schnitzler-Platz“ am 7. Mai dieses Jahres einweihte, hat das Volkstheater einige Szenen einstudiert. Offenbar hielt man es für unökonomisch, diese nicht auch dem interessierten Publikum anzubieten. Allerdings waren die kleinen Teile von Stücken zu wenig für einen Abend, so kombinierte man sie mit einem festen Repertoirestück des Ehepaares Peter Simonischek / Brigitte Karner: Diese lesen des öfteren Schnitzlers heitere und doch höchst tiefsinnige, tiefgründige Meisternovelle „Die kleine Komödie“ vor.

Also war man eingeladen, erst in den „Vorräumen“ des Volkstheaters zu flanieren – im Foyer schrie der Soldat aus dem „Reigen“ die Dirne an, hinter der Tribüne zeigte Anja Herden (allerdings höchst albern in ein rosa Eisbärfell gewandet), dass sie als „Adele Sandrock“, die Schauspielerin im „Reigen“, den Dichter (alias Arthur Schnitzler alias Lukas Holzhausen) mühelos „ungespitzt in den Boden hau’n“ kann, wie man in Wien sagt. Die Entdeckung dieser Szenen, die alle nur Bröckchen aus den Stücken boten, waren zwei junge Damen, Isabella Knöll und Laura Laufenberg, die in einer Szene aus „Das Märchen“ so sehr von Schnitzler waren, dass man es kaum glaubt.

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Brigitte Karner und Peter Simonischek (Foto: Herta Haider)

Danach, auf der Bühne des Hauses, an zwei Lesetischen Brigitte Karner und Peter Simonischek. Schnitzler war, als er „Die kleine Komödie“ schrieb, 31 Jahre alt – und wusste schon alles über Menschen, Gefühle, das Spiel mit der Liebe, über Illusion und Ernüchterung, wenn er zwei typische Figuren des damaligen Wiens (den Lebemann, die Luxusnutte) ihre Komödie des „Slummings“, wie man heute sagt, in eigenen Worten in Briefen schildern ließ. So, wie reiche Kinder gerne arme Kinder spielen, so verwandelten sich die beiden aus Langeweile in das arme süße Mädel aus der Vorstadt und den armen Dichter. Schnitzler zeigt das Hochgefühl zu Beginn des Spiels, das sie aus ihrer Seelenleere reißt und ihnen in schöner Selbsttäuschung Gefühle vorgaukelt, und er zeigt auch ganz schnell die Ernüchterung. (Der Zynismus gehört bei beiden ohnedies zum Charakter.) Das alles mit einem Humor, der alles durchdringt und alles durchschaut. Kein Wunder, dass diese Novelle so gern vorgelesen wird, denn man kann sie nahezu „spielen“.

Brigitte Karner und Peter Simonischek sind selbstverständlich souveräne Interpreten, aber wenn zwei silberhaarige Schauspieler etwa doppelt so alt sind wie die Geschöpfe, die sie verkörpern, schickt das a priori völlig falsche Signale aus. Auch klingt dann manches vielleicht zu melancholisch, wo etwas Spritzigkeit angesagt wäre. Dennoch – die „Kleine Komödie“ verfehlt ihre Wirkung nie.

Renate Wagner

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