Der Neue Merker

WIEN / Volkstheater: DAS NARRENSCHIFF

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© Fehmi-Baumbach

WIEN / Volkstheater: 
DAS NARRENSCHIFF von Katherine Anne Porter
Bühnenfassung in eigener Übersetzung und Regie Dušan David Pařízek
Uraufführung
Premiere: 9.September 2016 

Die vorige Spielzeit, ihre erste als Direktorin des Volkstheaters in Wien, ist für Anna Badora nicht eben gut ausgefallen. Allerdings sieht sie ihre Misserfolge nicht in künstlerischen Defiziten begründet, sondern in ihrem Mut (und offenbar der mangelnden Aufgeschlossenheit von Publikum und Kritik). Nun, allgemeine Wahrheiten gibt es ja bekanntlich nicht, sondern nur Standpunkte. Nach dem eines Großteils des Publikums (u.a. jener, die in der Pause zahlreich das Weite suchten), ist auch die Eröffnung der zweiten Spielzeit mit „Das Narrenschiff“ keinesfalls geglückt.

Dieser 1962 erschienene Roman von Katherine Anne Porter (1890-1980), der seine Autorin reich machte, ist wohl vor allem durch die legendäre Verfilmung von Stanley Kramer im Jahre 1965 bekannt geworden – besetzt mit Oskar Werner, Simone Signoret, Vivien Leigh, Heinz Rühmann, José Ferrer, Lee Marvin und dem kleinwüchsigen, für den „Oscar“ nominierten Michael Dunn als Karl Glocken hätte dieser zweieinhalbstündige Schwarzweißfilm nicht überzeugender ausfallen können (wenn die dialogischen Lebensweisheiten auch gelegentlich sehr glatt ausfallen).

Sich den Film zur Vorbereitung für diesen Theaterabend wieder einmal anzusehen (es gibt ihn auf DVD), war allerdings keine gute Idee. Es sei denn aus dem schlichten Grund, dass man von der Handlung vielleicht mehr mitbekommen hat als das Theaterpublikum ohne diesbezügliche Erinnerungsstütze, denn das, was der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek auf die Bühne brachte (er hatte, in eigener Übersetzung, eine Fassung hergestellt, die zur Uraufführung kam), hat mit dem Film nichts, mit der Handlung rudimentär  zu tun. Man würde auch kaum eine der auf der Leinwand so geschickt umrissenen, menschlich so fassbaren Figuren wieder erkennen.

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Fotos: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass das Thema heutzutage „passt“ – keine Frage. Wenn die Handlung 1931 auf einem deutschen Schiff spielt, das von Mexiko aus über den Atlantik nach Deutschland fährt, konnte die Autorin aus retrospektivem Wissen genügend über den deutschen Antisemitismus und wachsenden Faschismus einbringen. Tatsächlich gibt es in dem Roman (und Film) faktisch nur einen guten Deutschen, der Rest verhält sich nach allen Nazi-Klischees. Dazu kommen ein paar Amerikaner und, in der Pařízek-Fassung die beiden halb rätselhaften Damen, die spanische Aristokratin „La Condesa“ und die haltlose Amerikanerin Mary Treadwell. Auf die Figur des im Roman buckligen Carl Glocken hat er verzichtet, auf einige andere Figuren auch, hingegen hat er das Nazi-Personal um Frau Otto Schmitt verstärkt, die im Film nicht vorkommt.

Aber was fangen wir mit diesen Personen auf der Bühne des Volkstheaters an? Offen gestanden: In einer Spieldauer von quälenden dreieinviertel Stunden gar nichts. Pařízek hat sich selbst kein Bühnenbild geschaffen, das irgendetwas bedeutete (wer braucht schon ein Schiff, wenn ein Stück auf einem Schiff als „Gefängnis“ der darauf Zusammengepferchten spielt!): eine schiefe Ebene als „Schauplatz“ in der Mitte, links und rechts je fünf Schminktische, obwohl es gar nicht „Theater auf dem Theater“ ist. Und nun rührt er Menschen und Handlung so brutal, laut und grobschlächtig herum, dass sie nicht mehr zu erkennen sind, weil man den größten Teil des Abends ohnedies nur irgendwelches Geschreie serviert bekommt. Nichts hat  Form, nichts Kontur, es gibt keine Geschichte, bestenfalls gelegentlich Schlagworte, in denen die bösen Faschisten ihre böse Ideologie ausbreiten.

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Mehr noch – Pařízek geht weit über Porter hinaus, lässt seine Interpreten immer wieder aus der Rolle fallen, darunter in ordinärstes Wienerisch, will sogar eine Art Flüchtlings-Animations-Geschichte einbauen (nur ging ihm niemand darauf ein) und hat offenbar großen Wert darauf gelegt, dass man den Abend akustisch nicht versteht. (Das hat wohl nicht nur der Kritiker so empfunden, der in der letzten Reihe sitzen durfte – an Lautstärke mangelte es nie, an Deutlichkeit immer.)

Sprachliches Verschmieren als Kunstprinzip ist auf dem Theater einfach scheußlich, eine Figur (ausgerechnet der hier so unsympathisch aufgefallene Julius Löwenthal – nicht an die menschliche Souveränität des Heinz Rühmann denken!) muss teilweise einen Akzent sprechen, der absichtsvoll unverständlich ist. Gemixt mit dem vorherrschenden Gebrülle hat der Abend Qual-Charakter…

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Stefanie Reinsperger spielt die Condesa, die „Äther“-Süchtige, und sie muss sich vordringlich konvulsisch auf der Bühne wälzen, was nur den Geschmack von schlechtem, sehr schlechtem Theater erzeugt. Was für eine Figur der Dr. Schumann sein kann, hat Oskar Werner gezeigt – Michael Abendroth steht als Mann ohne Eigenschaften herum und stirbt am Ende gänzlich unauffällig. Der Julius Löwenthal des Lukas Holzhausen kommt hier als geifernder, rassistischer Jude heraus – seltsam in der Sicht der Figur. Rainer Galke als Siegfried Rieber ist das grölende Klischee des „hässlichen Deutschen“ schlechthin. Die Mary Treadwell der Anja Herden ist schnippisch und unsympathisch, ein Schicksal ahnt man nicht. Jan Thümer, dessen „Iwanow“ in der vorangegangenen Spielzeit die Direktorin ihren einzigen nachhaltigen Theatereindruck verdankt, verpufft in der Rolle des William Denny gänzlich. Dazu drei geifernde Frauen (Seyneb Saleh, Bettina Ernst, Katharina Klar) und ein paar unauffällige Männer (Sebastian Klein, Gábor Biedermann).

Am Ende, wie es bei Wiener Theaterpremieren so ist (Verdient das Publikum eigentlich das, was man ihm da vorsetzt? Die Klatscher bestimmt), viel Applaus und keinerlei Widerspruch. Nur von der Rezensentin: Ceterum censeo, dass das Theaterverständnis von Anna Badora für Wien keinen Gewinn bedeutet.

Renate Wagner  

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