Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper/Foyer: „Heute im Foyer“ – EIN ABEND FÜR ERICH WOLFGANG KORNGOLD

WIEN / Volksoper: „Heute im Foyer …“ –  Ein Abend für Erich Wolfgang Korngold
6.11. 2017 –

von Karl Masek

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Das 13-jährige Wunderkind Korngold C: Archiv der Österr.Nationalbibliothek

Günter Haumer, Bariton an der Wiener Volksoper mit großem Renommee, international gefragter Konzertsänger und begeisterter Liedinterpret, hat eine besondere Vorliebe für das spätromantische Liedrepertoire des beginnenden 20. Jahrhunderts. Erich Wolfgang Korngold gehört da zu seinen Lieblingskomponisten. Er widmete schon seine Diplomarbeit dem Komponisten mit dem Wunderkind-Status.
Es lag daher nahe, zu Korngolds 60.Todestag (er starb am 29.11.1957 in Los Angeles) diesem einen eigenen Abend mit dem Titel „Mein Sehnen, es träumt sich zurück“ zu widmen. Er bot einen höchst lohnenden Querschnitt seines Lied- und Kammermusikschaffens vom offiziellen op.1 des 13-Jährigen (Trio für Klavier, Violine und Violoncello) bis zum wehmütigen Sonett für Wien, op.41, 1953 in Hollywood geschrieben.
Man staunt immer wieder über die Souveränität, über den gedanklichen Tiefgang, die Eigenständigkeit der Erfindung, in Korngolds Frühwerk. Natürlich, auch schon der jugendliche Erich Wolfgang hatte seinen Richard Strauss und dessen Instrumentationskunst studiert. Doch diese Einflüsse blieben bloß marginal – und schon das op.1 klingt reif, erwachsen, originell. Das Werk eines Frühvollendeten. Ein tiefsinniges Larghetto und ein hintergründig-witziges Scherzo sind da viel mehr als bloß Talentproben. Frische und Inspiration durchziehen die Musik zu Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, op. 11. Dies eine Auftragsarbeit von keinem geringeren als Max Reinhardt, der Korngold auch später, in den dreißiger Jahren den Weg nach Hollywood ebnen sollte.

Korngold VOP
Nach dem Konzert: Wolfram-Maria Märtig, Günter Haumer, Ricardo Bru, Anna Harvey-Nagl  C: Andrea Masek

Wolfram-Maria Märtig (Klavier), Anne Harvey-Nagl die aus Melbourne stammende Konzertmeisterin der Volksoper – Violine) und Ricardo Bru, der aus Argentinien stammende Solocellist im Haus am Gürtel, brachten dem sehr zahlreich erschienenen Publikum wertvolle Musik näher, die in den Konzertführern oft nur am Rande erwähnt wird, so Märtig (seit 2014 Dirigent an der Volksoper) der dankenswerter Weise kenntnisreich durchs Programm führte, zumal das Programmheft mit Infos zum Komponisten eher geizte. Die Klangpalette dreier Erzmusiker war äußerst vielschichtig. Anne Harvey-Nagl entlockte ihrer Violine Töne von zart bis hart, von Zärtlichkeit bis zu kraftvollem Überschwang (etwa in der Violinsonate G-Dur, op. 6, einem herrlichen Sturm-und –Drang-Werk des Pubertierenden). Ricardo Bru glänzte mit edlen Celloklängen (Romance-Improptu für Cello und Klavier: Hier meinte man, das Cello „singen“ zu hören). Wolfram-Maria Märtig war der sensitive und prägnante Gestalter am Klavier.

Nun ist es Zeit, Günter Haumer gebührend zu würdigen. Ein Kavaliersbariton par excellence. Weiches, samtiges Timbre. Perfekt in allen Lagen, die Register wunderbar verbunden, eine schier perfekte Legatokultur. Runde, unforcierte Höhen, die bis in tenorale Gefilde prachtvoll aufgehen. Und darüber hinaus Stilgefühl, Ausdrucksvielfalt und Kraft, all das in idealer Kombination. Haumer befindet sich, will mir scheinen, auf dem Zenit seines Könnens (und als „Vierziger“ ist er mit seiner auch technisch perfekt geführten und urgesunden Stimme in vollem Saft!).

Korngold
Der arrivierte Komponist der „Toten Stadt“ C: Marcel-Prawy-Archiv

Berührend die „Vier Lieder des Abschieds“ des 24-Jährigen, die „Sechs einfachen Lieder“ op. 9 hatten schon durchaus arienhafte Nähe und dramatischen Nachdruck (also von „leicht“ keine Spur!). Ja, und das abschließende Tanzlied des Pierrot „Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück“ aus der „Toten Stadt“? Das hatte in Haumers sensibler Interpretation geradezu Gänsehaut-Effekt.

Marcel Prawy auf der „Wolke sieben“ (falls es sie gibt!) wird wohlwollend zugehört und: „Einer der letzten Schlager der Operngeschichte!“ gemurmelt haben.

Was die köstliche Zugabe betrifft: Dieses witzige Gelegenheitswerk wird nicht mal Prawy gekannt haben. Haumer dazu launig: „Einen Leckerbissen hab ich noch! Korngold war einmal beim 40. Hochzeitstag einer Wiener Familie namens DUSCHNITZ zu Gänseleber eingeladen. Peinlicherweise hatte er kein Geschenk – und so komponierte er (mit eigenem Text samt bewusst banalen Reimen, was eben drum besonders lustig war!) das Lied „Ich möchte‘ wieder amal a Gansleber sehn“. Haumer zeigte hier auch seine Entertainer-Qualitäten.

Begeisterung und Bravorufe im Foyer der Wiener Volksoper. Ein wunderbarer und bereichernder Abend!
Karl Masek

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