Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper/ Staatsballett: STRAWINSKI-PROGRAMM. GEGEN DEN STRICH GEBÜGELT oder EIN UNWIDERSTEHLICHER ZWANG ZUR HÄSSLICHKEIT? Premiere

28.4.2017: Premiere des Wiener Staatsballetts in der Volksoper:

GEGEN DEN STRICH GEBÜGELT oder EIN UNWIDERSTEHLICHER ZWANG ZUR HÄSSLICHKEIT?

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Probenfoto: Andrey Kaydanowskyi. Copyright: Ashley Taylor/ Wiener Staatsoper

Dieses Strawinski–Programm ist eine große Herausforderung für drei jüngere Choreographen aus den eigenen Reihen des Wiener Staatsballetts gewesen. Drei mal Igor Strawinski, drei musikalische Meisterwerke, alle drei Werke in der gloriosen Ära von Serge Diaghilews ‚Ballets Russes‘ kreiert und in ihren historischen Choreographien überliefert: „Der Feuervogel“ (Uraufführung 1910 in der Pariser Opéra in der Choreographie von Michail Fokin), „Petruschka“ (1911, ebenfalls Fokin und mit Wazlaw Nijinski in der Titelrolle), „Pulcinella“ (1920, choreographiert von Léonide Massine in der Ausstattung von Pablo Picasso). „Petruschka“ ist vor einem halben Jahrhundert in der unter die Haut gehenden imponierenden Originalfassung in der Staatsoper zu sehen gewesen. Die beiden früheren Wiener Ballettdirektoren Aurel von Milloss (1973) und Renato Zanella (2005) sind mit ihren späteren Versionen in Ehren gescheitert. „Der Feuervogel“ wurde 1983 in der Choreographie von John Neumeier ohne überlange Lebensdauer einstudiert. „Pulcinella“ hatte sich 1990 in der Version von Heinz Spoerli eher als ein Langweiler erwiesen.

Kann es jetzt gelingen, ein Jahrhundert später, bei einem erneuten Versuch die pure Schönheit dieser in jeder Hinsicht perfekten Kunstwerke in irgendeiner Weise wieder herbeizuzaubern? Auf originelle oder eher hilflose Art? Die choreographierenden Tänzer des Staatsballetts haben hier die überhöhende Poesie beiseite geschoben, haben sich ihre eigenen eigenwilligen Interpretationen zurecht gezimmert. Wohl auch dem zeitgeistigen Zwang zu einer gewissen Hässlichkeit ausgesetzt. Ein Musiker würde sagen: Strawinski gegen den Strich gebügelt. Doch dessen geniale Musik – unter David Levis Leitung durchaus stets fein, sehr kultiviert gespielt – trägt den Abend. Zusammen mit den exzellenten tänzerischen Leistungen. Das Ensemble hält zu seinen ambitionierten choreographierenden Kollegen. Diese haben aber auch die Qualitäten, einen atmosphärisch dichten, an Emotionen und Überraschungseffekten reichen Abend zu gestalten.

„Petruschka“ am Beginn: Wohl eine der großartigsten aller Ballett-Partituren. Jetzt aber bei Choreograph Eno Peci: Weg von dem in den kräftigsten Farben funkelnden Klanggeflirre des Karnevalsjahrmarktes im alten St. Petersburg. Peci steckt seine Tänzer in eine Schulklasse, in weiße Schuluniformen, und aus Petruschka (die russische Kaperl-Puppe) wird hier ein psychisch labiler Lehrer (Davide Dato), der von der Schuldirektorin (Rebecca Horner als lasziver Supervamp) gemobbt, von einigen seiner Schüler malträtiert und gedemüdigt wird, und in diesen Machtkämpfen an den ihn zermalmenden Konflikten scheitert. Peci versucht immer wieder, seine kraftvollen Bewegungsabläufe und virtuos gestalteten Soli der Musik anzupassen, deren Feinzeichnungen werden aber von der doch zu wenig ausgegorenen Dramaturgie zumeist übertüncht.

Zum Ausklang „Der Feuervogel“. Und dessen Neugestalter Andrey Kaydanovskiy beherrscht das Phantasie-Spiel in Tanztheater-Manier. Er kennt keine Hemmungen, führt das Brathenderl (oder ein fetter Truthahn?) Ivan zum nächtlichen Spuk in einen Supermarkt. Ivan – seines Kostümes entledigt, nun sehr elegant: Masayu Kimoto – darf hier einige schon überaus skurrile Überraschungen erleben. Locker, locker, Kaydanovskiy kann das! Ein eher mickriger Feuervogel (Davide Dato: nein, nicht mickrig, ein echter Virtuose) führt ihn zuerst durch den Laden, wird aber dann verstoßen. Die stammelnde Puppe Vasilissa (Rebecca Horner) erregt sein Interesse. Der angeberische Manager Koschey mit präpotentem Führungsstil (Mihail Sosnovschi mit köstlich negativer Charakterzeichnung) wird beim Ramassuri der Putzfrauen, Prinzessinnen (ja, auch solche sind puppenhaft da) und Arbeiter lieblos vom Fließband abserviert. Das russische Volksmärchen ist hier zu einer grotesk verzerrenden Konsum-Parodie geworden. Durchaus originell erarbeitet und unterhaltsam für den, der sich dabei auch einzuleben vermag.

Im Mittelteil, völlig konträr zu seinen Kollegen, huldigt András Lukács in „Movements to Stravinsky“ einem ästhetisierenden Stil. Auszüge aus „Pulcinella“ (plus Strawinski-Varianten) wollen einen heiteren Tonfall anstimmen, doch statt einer bunten Harlekinade wird eine mit viel Sorgfalt erarbeitete abstrakte Modern Dance-Sequenz mit sechs Paaren in Schwarz–Weiß vor Augen geführt. Elegante Tänzerfigurationen wechseln mit gemessenem Schreiten, reich an feinen akrobatischen Details, mit empfindsamem Fingerspitzengefühl für die TänzerInnen ausgefeilt. Dieses neue Programm des Wiener Staatsballetts bietet somit keine historischen Rückblicke, sondern Gradwanderungen einer jüngeren Choreographen-Generation. Dieser sind ihre künstlerischen Fähigkeiten nicht abzusprechen. Über allem aber steht das hohe tänzerische Niveau der ganzen Kompanie. 

Meinhard Rüdenauer

 

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