Der Neue Merker

WIEN / Volksoper im Kasino: LIMONEN AUS SIZILIEN

Limonen Nelsen
Rebecca Nelsen (Foto: Volksoper)

WIEN / Volksoper im Kasino: 
LIMONEN AUS SIZILIEN von Manfrred Trojahn
Premiere: 12. Februar 2017,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 14. Februar 2017 

Es scheint ambitioniert, etwas Neues zu versuchen, allerdings geschieht es in diesem Fall nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Die Volksoper findet einen vergleichsweise „kleinen“ Raum, der akustisch überraschend „fit“ ist, für den man allerdings wohl nicht extra bezahlen muss – das Kasino am Schwarzenbergplatz gehört im allgemeinen dem Burgtheater, aber wir sind ja alle Brüder und Schwestern im Burgtheaterverband. Also kann man unternehmen, was normalerweise bei der Volksoper zu kurz kommen muss, weil das Stammpublikum kaum etwas dafür übrig hätte: die Moderne.

Aber welche? Gut, wenn ein Opern-Trittico, das ganz deutlich nach Puccini schielt (selbst in der Dramaturgie), im Jahre 2003 uraufgeführt wurde, gehört es schon ins 21. Jahrhundert – aber so ganz „neu“ ist es nicht. Keinesfalls das Risiko einer Uraufführung. Sondern eine Musik, der man oftmals bestätigt hat, dass sie nicht am Publikum vorbei klingt. Tut sie auch nicht – was Manfred Trojahn, Jahrgang 1949, dessen (musikalisch absolut radikaleren) „Orest“ uns die Neue Oper Wien 2014 zu Gehör brachte, hier komponiert hat, klingt zwar nicht ausschließlich tonal und tut in den Singstimmen auch nicht immer wohl (vor allem, wenn er die Damen in höchste Höhen jagt), aber im Endeffekt ist es eine Musik, die gleichzeitig locker und doch dramatisch aussagekräftig ist. Und das hat sie auch nötig

Denn was – „Limonen aus Sizilien“! – so schön ferienmäßig und anheimelnd klingt, ist dieses mitnichten: Zwei Einakter von Pirandello, beide verdammt düster, und einer von Eduardo de Filippo, der vielleicht als Satyrspiel à la „Gianni Schicchi“ gedacht ist (Täuschung am Totenbett), aber sich gleichfalls als schaurig-grotesk und elementar unlustig herausstellt, sind nicht gerade „gute Unterhaltung“. Auch würde man das Konzept, dass es immer um denselben Mann geht – zuerst als kleiner Junge, dessen Mutter sich umbringt, schließlich als junger Mann, der viele Opfer gebracht hat und menschlich schwer enttäuscht wird, zuletzt als Sterbender – , vielleicht gar nicht so richtig mitbekommen, wenn man es nicht in der Volksopern-Zeitung läse. Ein lockerer Zusammenhang ist jedenfalls gegeben und auch nicht so wahnsinnig wichtig.

Regisseurin Mascha Pörzgen versucht ohnedies, die Teile stilistisch zusammen zu halten, nicht nur durch die „Limonen“, die in Mengen herumkollern (vermutlich ist nur die eine echt, die im letzten Stück geschält wird und angenehmen Zitronenduft verströmt). Auf den flachen Brettern des Kasinos spielt man mit ein paar Sesseln und einem Bett, in Kostümen, die irgendwie historisch anmuten (Ausstattung: Dietlind Konold), gewissermaßen frisch von der Leber weg die auf der Hand liegenden Tragödien.

Im ersten Teil beeindruckt Rebecca Nelsen als ungetreue Ehefrau (im zweiten ist sie dann in einer viel kleineren Rolle eine oberflächliche Diva), wobei auch auffällt, wie meisterlich die Amerikanerin artikuliert, was ihr an diesem Abend kein „Muttersprachler“ in dieser Präzision nachmacht. Andere Damen sind Ursula Pfitzner, die in zweiten Einakter unselig überdrehen muss, die meist so spritzige Martina Dorak hier im dritten Einakter eher unauffällig und Manuela Leonhartsberger als dienstbarer Geist.

Bei den Herren darf Morten Frank Larsen im ersten Einakter einen feigen Liebhaber geben und im dritten in allerlei Verkleidungen erscheinen, Carsten Süss ist als betrogener Ehemann und als schriller Sterbender beide Male sein Partner, im Mittelteil verliert David Sitka temperamentvoll den Glauben an die Menschen (bzw. die Frauen), und am Faktotum des Daniel Ohlenschläger fällt vor allem sein Hinken auf.

Das Volksopernorchester hat eine kleinere Mannschaft abgesplittert, die – links vom Eingang postiert – von Gerrit Prießnitz geleitet wird und den Abend musikalisch angenehm umrahmt. Die zweite Vorstellung war mäßig besucht. Wenn man bedenkt, dass eine Karte (von der Rezensentin bezahlt) 42 Euro kostet und der ganze Abend eine Stunde lang ist (Hin- und Rückfahrt dauern für viele Besucher die doppelte Zeit), dann kommt das Vergnügen, das ja im Wortsinn keines ist, nicht wirklich günstig.

Renate Wagner